LA GRANDE MADRE


Große Ausstellung: Die Darstellung der Mutterschaft
im 20. Jahrhundert (bis 15. November 2015)

copyright Fondazione Trussardi

Gillian Wearing: „Selbstporträt als meine Mutter“

Mailand. Die Expo 2015, die Weltausstellung, die zurzeit in Mailand Millionen von Besuchern anzieht, steht unter dem Thema „Den Planeten ernähren – Energie fürs Leben.“ Dieses Motto strahlt auch auf viele Veranstaltungen aus, die das kulturelle Leben in der lombardischen Metropole in diesem Jahr prägen. Zu den Höhepunkten gehört sicher die Ausstellung „La Grande Madre – Die Große Mutter“. Gezeigt werden an die 600 Exponate von rund 140 Künstlerinnen und Künstlern, die sich von den frühen Avantgarden des 20. Jahrhundert über Dadaismus und Surrealismus und den Nachkriegsjahrzehnten bis heute mit dem Thema der Mutterschaft und der Rolle der Frau als Ernährerin in Familie und Gesellschaft auseinander gesetzt haben. Die Ausstellung, die von der Trussardi-Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit der Stadt Mailand konzipiert und produziert wurde, ist bis zum 15. November im Palazzo Reale zu sehen.

Die Ausstellung beginnt mit einer riesigen, kreisförmigen Arbeit. Ein zusammengeflicktes Tuch, drei Meter im Durchmesser, aus roten Stoffen, Fasern und Fetzen, das an der Decke aufgehängt ist. Das Werk der Polin Magdalena Abakanowicz aus dem Jahr 1973 will die weiblichen Genitalien symbolisieren. „La Grande Madre – Die große Mutter“, das wird bereits im Zugang deutlich, ist keine Ausstellung, die sich dem Bild einer fröhlichen Mutterschaft im 20. Jahrhundert widmet. Etwas weiter stößt man auf ein Aquarell von Meret Oppenheim. Eine frühe Arbeit von 1931 unter dem Titel „Votivbild – Würgeengel“. Es zeigt eine blonde Frau, die ein erdrosseltes Kind in ihren Armen hält. Und ein eigener Raum ist Louise Bourgeois gewidmet, die sich die Ermordung ihres Vaters erträumte und zugleich in ihren Stoff-Skulpturen die Geschlechter androgyn mischte.

Massimiliano Gioni, der in New York lebt und vor zwei Jahren die Kunstbiennale in Venedig ausgerichtet hatte, hat diese Ausstellung kuratiert. Sie erzählt den Zusammenstoß zwischen der Emanzipation der Frau und ihrer traditionellen Rolle. Und lege, so schreibt Gioni im informativen Katalog, die Beziehung offen zwischen der Macht der Frauen, Leben zu schenken, und der gesellschaftlichen Macht, die den Frauen lange verweigert wurde.

Von der Venus zur Junggesellenmaschine
Diese Wechselbeziehungen reichen von der Bewegung der Mütter der Plaza de Majo bis zum männlich geprägten Bild der Frau als ewiges Kind oder auch femme fatale etwa bei Surrealisten wie Dalì oder Max Ernst. Von der Vergötterung als Venus zum Beispiel bei Jeff Koons bis zu Frauenrechtlerinnen wie Barbara Kruger oder Yoko Ono. Und zu den sogenannten „Junggesellenmaschinen“, das sind erotisch aufgeladene Foltergeräte wie sie auch in Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ auftauchen. Die Maschine schreibt mit den Nadeln den Strafbestand des Verurteilten immer tiefer in seinen Rücken bis dieser elendig stirbt. Zu sehen ist eine Nachbildung, die für eine Ausstellung von Harald Szeemann 1970 hergestellt wurde. Und man wird sofort an den Film des ermordeten niederländischen Regisseurs Theo van Gogh erinnert, der vom Islam unterdrückte Frauen zeigte, denen Verse des Korans in den Rücken tätowiert wurden.

Gioni erzählt, dass er bei Aufbau der Ausstellung entdeckt habe, wie sich die Darstellung der Mutterschaft im 20. Jahrhundert mit der allgemeinen Geschichte des Jahrhunderts überschneide. Das heißt, wenn man von Mutterschaft rede, müsse man auch von den Vätern reden, von den Herren und von den Staaten. Von der Propaganda der totalitären Staaten etwa, die eine geburtenfreudige Ideologie verbreiten und das Bild der heilen Familie zeichnen.

Eine Fülle von Themen und Formen
Das Problem dieser Ausstellung ist vielleicht ihr Reichtum. Sie birgt in 29 Sälen eine Fülle von Themen, von persönlichen Geschichten, Schicksalen, aber ebenso von Formen, von Stilen und von künstlerischen Materialien – eine Fülle auch von Namen, die verwirren kann. Niki de Saint Phalle oder Katharina Fritsch, Pawel Althamer oder Thomas Schütte, Viginia Woolf oder Dora Maar. Ausgehend von den psychotherapeutischen Studien Sigmund Freuds oder Carl Gustav Jungs geht es auch um die femininen Gestaltungen des Unterbewusstseins. Und die Jung-Schülerin Olga Fröbe-Kapteyn hatte bereits in den 1930er Jahren ein ikonographisches Archiv mit Abbildungen von weiblichen Schöpfergottheiten angelegt und Teile daraus unter dem Titel „Die große Mutter“ ausgestellt.

Am Ende steht die Fotoarbeit der britischen Künstlerin Gillian Wearing aus dem Jahr 2003. Sie hat sich mit einer Maske aus Wachs und entsprechenden Kleidungsstücken in ein frühes Abbild ihrer Mutter verwandelt. Dieses „Selbstporträt wie meine Mutter“ steht für Suche nach Identität und zugleich für den uralten Traum, sich gleichsam in der Schöpferin allen Lebens aufzulösen. Auch das ist ein Thema, das in der Kunst des 20. Jahrhunderts immer wieder auftaucht. Wearings anrührendes Foto haben die Kuratoren zur Ikone ihrer Mailänder Schau „La Grande Madre“ gewählt, die zu den spannendsten Ausstellungen gehört, die man in diesem Spätsommer in Italien sehen kann.

La Grande Madre. Palazzo Reale, Mailand, bis 15. November 2015. Katalog (italienisch/englisch), Skira, 39 Euro. Info: Fondazione Nicola Trussardi

Siehe auch den Beitrag für den Deutschlandfunk am 29.8. („Kultur heute“)