ABSCHIED VON GESTERN


Carl Wilhelm Macke:
Über den italienischen Schriftsteller und Bücherfreund Alberto Vigevani

Einladung zu einer Tagung über Alberto Vigevani an der Universität Mailand 2009

Einladung zu einer Tagung über Alberto Vigevani an der Uni Mailand 2009

Ferrara/Mailand – Verstreut über die Jahrzehnte zwischen der Endzeit des italienischen Faschismus und den späten neunziger Jahren des XX. Jahrhunderts wurden von Alberto Vigevani (Mailand 1918 – Mailand 1999) insgesamt 16 dreißig Prosabände veröffentlicht. In deutscher Sprache liegen bislang nur wenige Erzählungen von Alberto Vigevani vor. Im Jahre 2007 erschien in der Friedenauer Presse der „Sommer am See“. Zusammengefasst in einem Band kamen dann zwei Jahre später die beiden Erzählungen „Ende der Sonntage“ und „Brief an Herrn Alzheryan“ und zuletzt der Roman „ La Belle – ein Trugbild“ heraus. In der professionellen Literaturkritik fanden diese Texte – in der Übersetzung von Marianne Schneider – ein einhellig positives, ja enthusiastische Echo. Dass Vigevani dadurch einem größeren Lesepublikum bekannter geworden ist, darf man allerdings bezweifeln.

Alberto Vigevani

Alberto Vigevani, Besuch in Venedig

Aber immerhin, Vigevani ist durch diese Übersetzungen jetzt kein ganz Unbekannter mehr im deutschen Sprachraum. Die Erzählungen lesend, fragte man sich nur, warum es so lange dauern musste, dass bis die große literarische Qualität des Autors nicht schon längst auch bei uns gewürdigt wurde.

Treffpunkt der Antifaschisten

Schon in den faschistischen Jahren hatte der aus einer alten emilianisch-jüdischen Familie stammende Vigevani seinen ersten Roman „Erba d’infanzia“ geschrieben. Anfang der vierziger Jahre eröffnete er in Mailand eine Buchhandlung, die schnell zum Treffpunkt der antifaschistischen Intelligenz am Ort wurde. Allerdings musste er dann 1943 wie andere antifaschistische Italiener auch, das Land verlassen, ihm drohte die Deportation in die nationalsozialistischen Lager. Die Familie Vigevani flüchtete in die Schweiz – so wie der spätere Staatspräsident Luigi Einaudi (Vater des Verlegers Giulio Einaudi ), der Schriftsteller Ignazio Silone oder die Familie von Franca Magnani, der langjährigen BR-Kulturkorrespondentin in Italien.

1945 aus dem Exilort Lugano zurückgekehrt, begann Vigevani in Mailand sofort wieder da anzuknüpfen, was er zwei Jahre zuvor zwangsweise abbrechen musste: ein überaus aktives und kreatives Leben als Antiquar, als Mitbegründer von literarischen Zeitschriften, als Publizist für große italienischen Zeitschriften. Für ihn waren die Schrift und das Buch die zentralen Schlüssel zum Verständnis unserer Existenz. Und jeder, der mit ihm diese Passion für das Buch teilte, fand Vigevani auf seiner Seite.

Repräsentant einer bürgerlichen Kultur

Er war schnell, wie man heute sagen würde, innerhalb der italienischen Kulturszene seiner Zeit eng vernetzt. Die Schriftsteller Riccardo Bacchelli, Giorgio Bassani, Carlo Emilio Gadda, Eugenio Montale, der einflussreiche Literaturkritiker Gianfranco Contini oder der legendäre Journalist Indro Montanelli gehörten neben vielen anderen zu seinen ständigen Gesprächs- und Briefpartnern. So einen passionierte Liebhaber des guten Buches, die als Antiquar Bücher verkauften und gleichzeitig auch selber Bücher schrieben, hat es in Italien wohl nur wenige gegeben.

copyright Privatbesitz

Porträt Vigevanis von Carlo Levi aus dem Jahr 1941 (Privatbesitz)

Vigevani repräsentierte noch eine bürgerliche italienische Kultur, die in der Ära der Parvenüs und Spekulanten um Berlusconi ( aber auch schon vor ihm ) nach und nach aus dem öffentlichen Leben verschwunden sind. Diesen Prozess des Dahinschmelzens der alten gebildeten classe dirigente in Italien hatte Vigevani bereits in seinen frühen Erzählungen sehr feinfühlig vorweggenommen. Und auch in seinen Gedichten klingt dieser „Abschied von gestern“ immer wieder in einem sehr melancholischen, allerdings nicht nostalgischem Ton an.

Gedichte in der Nähe zu Giorgio Caproni

Dass Vigevani in all den Jahrzehnten nach Endes des Faschismus, vor allem jedoch in seinem letzten Lebensjahrzehnt, auch Gedichte schrieb, war allerdings lange Zeit kaum bekannt. Relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit erschien zwar schon 1993 in einem kleinen, aber gleichwohl sehr renommierten Verlag (Scheiwiller ) eine Sammlung mit allen zwischen 1980 und 1992 geschriebenen Gedichten unter dem Titel „L’Esistenza“ . Einaudi publizierte dann 2010 – elf Jahre nach seinem Tod – den Band in einer Taschenbuchausgabe mit einer längeren Einführung von Enrico Testa noch einmal.

Weil seine Gedichte häufig nur wenige Verszeilen umfassen, glaubt man sich leicht in sie hineinzulesen zu können. Und mit einigen der kürzeren Gedichte schlägt Vigevani auch tatsächlich einen Ton an, der sofort beim Leser ein Echo findet. Aber diese scheinbar eingängige Kürze täuscht nicht selten. Um etwa das extrem konzentrierte Gedicht „Wie lange“ zu verstehen, in seiner ganz persönlichen, ja ein ganzes Jahrhundert umspannenden Bedeutung aufzunehmen, bedarf es einer poetischen (und politischen) Reflexion. Ganz besonders in diesem Gedicht spürt man auch Nähe zwischen der Poesie von Alberto Vigevani und der seines Zeitgenossen Giorgio Caproni. Wer ist das ‚Opfer’, wer der ‚Täter’…? Bin ich, das poetische ‚Ich’ vielleicht beides in einer Person? Oft sind auch leicht identifizierbare biographische Anspielungen in die Gedichte eingeflochten (etwa in dem Gedicht über den israelitischen Friedhof von Novellarra.) Einen klagenden, verzweifelten, geschweige denn die Vergangenheit verklärenden Ton findet man bei Vigevani nicht.

Erinnerungen an Freunde

Melancholisch grundiert hingegen sind viele seiner Gedichte, in denen die Zeit mit ihren wenigen Glücksmomenten, ihrer oft tragischen Longue Durèe, ihrer Vergänglichkeit immer präsent ist. Was bleibt, sind Erinnerungen an Freunde, an Stimmungen auf Reisen, an liebgewordene Dinge, sind selbst gepflanzte Bäume, vielleicht auch die eine oder andere Verszeile. „Nenne Du mir aus meinem mühevollen Leben, das nicht endet mit dem Ende unserer Tage“, heißt es in einem seiner Gedichte. Vielleicht werden besonders diese Gedichte bleiben, denen Vigevani die Widmung Per A. ( für seine Frau Anna Maria Camerini ) vorangestellt hat.

Von Alberto Vigevani ist zuletzt auf Deutsch erschienen: La Belle – ein Trugbild. Roman. Aus dem Italienischen von Marianne Schneider. Friedenauer Presse, Berlin. 124 Seiten, 16 Euro