ENGEL AM ARNO


Florenz: Die 29. Internationale Biennale des Antiquariats
zeigt sich erfrischend neu aufgestellt

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Gino Severinis „Stillleben mit Mandoline“ (1920) – 350.000 Euro bei Tornabuoni

Florenz. Ist das ein Zufall? In der Hauptstadt der Toskana wird Ende Oktober das neue Dommuseum eröffnet. Und just tauchen im Handel drei Marmorstatuen auf. Eine (der Heilige Andreas?) stammt aus der einst von Arnolfo di Cambio um 1300 geplanten und nur im Sockelgeschoss fertig gestellten alten Fassade von Santa Maria del Fiore – die heutige, die sie ersetzt, wurde ja erst im 19. Jahrhundert vor den Florentinischen Prachtbau geblendet. Die deutsch-italienische Galerie Mehringer Benappi (München/Turin) bietet die Statue von Arnolfo di Cambio jetzt zusammen mit zwei geflügelten Engeln von Tino di Camaino (1285-1337) auf ihrem Stand der 29. Internationalen Biennale des Antiquariats von Florenz (BIAF) an. Die Engel gehörten zu einem Grabmal im Dom. Der Preis von rund drei Millionen Euro übersteigt zwar die finanziellen Möglichkeiten des Museums, aber in der Lokalpresse wurde bereits über eine Aktion zum Crowdfunding diskutiert. Der italienische Staat hätte bei diesem Kulturgut nationaler Bedeutung ein Vorkaufsrecht. Und auch am Stand von Mehringer sagt man: „Wäre doch schön, wenn die Arbeiten in Florenz blieben.“

Die Messe, seit 1959 eine Bühne für alte Kunst und weltweit sicher eine der wichtigsten für die traditionelle Kunst Italiens, macht von sich reden. 88 Galerien, davon 27 aus dem Ausland, zeigen noch bis zum 4. Oktober ihre Kostbarkeiten in den vom Bühnenbildner Pierluigi Pizzi etwas opernhaft inszenierten Räumen des barocken Palazzo Corsini am Arno. Mit bekannten Ausstellern aber auch mit New Entry wie Otto Naumann (New York). Überhaupt zum ersten Mal sind Werke der Moderne bis 1979 im Angebot. Tornabuoni Arte aus Florenz zeigt zum Beispiel eine Arbeit von Gino Severini (350.000 Euro) aus dem Jahr 1920. Die Veranstalter setzen dabei besonders auf ein internationales Publikum aus Europa und Amerika, das traditionell von der Kunststadt Florenz angezogen wird. Und die Händler hoffen bei Standkosten von rund 30.000 Euro auf gute Geschäfte.

Ein neuer dynamischer Generalsekretär
Die Öffnung geht auf den neuen dynamischen Generalsekretär der BIAF, den 40 Jahre alten Florentinischen Kunsthändler Fabrizio Moretti zurück. Die Kunst, so Moretti, dürfe man nicht durch „Zeitwände einsperren“. Zumal weltweit der Raum für alte Meister immer enger wird. Vor zehn Jahren bestritten die Aktionshäuser mit Werken dieser Art noch zehn Prozent ihres Umsatzes. Heute sind es nur noch sechs Prozent.

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Neben dem David: Jeff Koons Arbeit „Pluto and Proserpina“

Parallel zur Messe wurde der Gegenwartskünstler Jeff Koons nach Florenz eingeladen, um vor dem Palazzo Vecchio direkt neben die Kopie des Davids von Michelangelo eine goldglänzende, drei Meter hohe Stahlplastik nach altem Vorbild (Berninis Raub der Proserpina) aufzustellen. In einem Saal des Palazzo Vecchio zeigt der New Yorker in Nachbarschaft einer Statue von Donatello seine Version des Barberinischen Fauns, der freimütig seine Genitalien offenbart – angefertigt nach dem Original in der Münchener Glyptothek. Koons durfte dann die Biennale zusammen mit dem Bürgermeister am vergangenen Samstag offiziell eröffnen. Um kritische Stimmen ob der „Entheiligung der Piazza della Signoria“, die sofort im Internet auftauchten, gleich im Keim zu ersticken, wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Koons ja selbst ein Sammler auch alter Kunst sei.

Zusammenarbeit mit der Messe „Highlights“ München
Zu den Neuerungen der BIAF gehört die Zusammenarbeit mit der Internationalen Kunstmesse „Highlights“ München. An einem Gemeinschaftsstand, den Martin Grässle, Georg Laue und Thomas von Salis wie ein kleines Museum kuratiert haben, zeigen elf Galerien aus München sowie aus Österreich alte Meister und Arbeiten der klassischen Moderne.

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Stand der Münchner Messe

Die Preisspanne reicht von knapp unter 10.000 Euro (Skizzen italienischer Ansichten von Theodor Leopold Weller aus dem 19. Jahrhundert bei Katrin Bellinger) bis zu siebenstelligen Beträgen („Sitzender Halbakt“ von Egon Schiele aus dem Jahr 1914 bei Wienerrroither & Kohlbacher). Zu den Höhepunkten gehört auch ein kleines Bronzepferd (27,8 mal 31,5 cm) aus der Zeit um 1500, das im direkten Gussverfahren hergestellt wurde. Offen ist die Provenienz (Florenz, Padua, Mailand?). Florian Eitle-Böhler hat das „Trabende Pferd“ vor zehn Jahren erworben und stellt es zum ersten Mal hier in Florenz aus. Den Preis verschweigt er. Und am liebsten möchte er es sowieso nicht verkaufen. Kunsthändler sind oft auch passionierte Sammler.

Gleich neben den Münchenern stellt Jörn Günther Rare Books (Stalden/Basel), der zum ersten Mal nach Florenz gekommen ist, reich illustrierte Ausgaben von Dante, Petrarca und Boccaccio aus. Dazu kurios im Schnitt bemalte Bücher der Biblioteca Piloni (1479-1550) aus dem Veneto. Emotionen zeigt auch Matteo Salamon aus Mailand. Als preisliches Highlight präsentiert er eine Ansicht der Rialtobrücke von Michele Marieschi um 1740 (1,2 Millionen Euro). Verliebt ist er aber in eine kleine Holztafel von Bicci di Lorenzo (1368-1452) zum „Wunder des Hl. Johann Qualbert“ (250.000 Euro). Bei Bacarelli Antichità gerät man über die carraraweiße Marmorstatue eines jungen Bauern von Romolo Ferrucci del Tadda (1544-1621) ins Schwärmen.

Diskussionen über das deutsche Kulturschutzgesetz
Im historischen Ambiente des Palazzo Corsini drängen sich neben Skulpturen vor allem malerische Arbeiten in den Vordergrund. Möbel und Objekte bleiben im Hintergrund. Eine herrliche Darstellung der Flora von Giambattista Tiepolo (1696-1770) kann man bei Jean-Luc Baroni (London) entdecken. Die römische Galerie Francesca Antonacci & Damianio Lapiccirella Fine Art bietet den auf Leinwand gemalten Entwurf eines Deckenfresko von Luca Giordano (1634-1705) für 250.000 Euro an. Und Messechef Moretti wartet mit einer „Gürtelmadonna“ des Ghirlandaio-Schülers Francesco Granacci (1469-1543) zum Preis von 800.000 Euro auf.

Diskutiert wurde auch kräftig. Darüber, dass in der weltweiten Wirtschaftskrise der Mittelstand als Käuferschicht weggebrochen sei. Oder über die Fallen der italienischen Bürokratie wie natürlich über das geplante Kulturschutzgesetz der deutschen Bundesregierung. Der Entwurf „vergiftet das Geschäftsklima“, so ein Händler erbost am Münchener Gemeinschaftsstand. Ein anderer warnte vor einem „Rattenschwanz an Bürokratie“, allein wenn man demnächst Arbeiten zur TEFAF nach Maastricht bringen wollte. „Warum kopiert ihr Deutschen bloß immer unsere Unsitten“, fragte ein Galerist aus Florenz angesichts ähnlich restriktiver Gesetze in Italien. Zum Glück lebe er jetzt in der Schweiz, kommentierte der frühere Hamburger Jörn Günther trocken.

Wenn die BIAF am 4. Oktober  ihre Türen schließt, bereiten die Händler sich schon auf die nächsten Messen vor. Darunter auf die „Highlights“ in München. Vom 28.Oktober bis zum 1.November werden mehr als 50 Galerien aus dem In- und Ausland in der Residenz ausstellen. Dabei sein werden im Gegenzug elf italienische Kunsthändler von der Florentiner Biennale, die zum ersten Mal ihre „Höhepunkte“ vom Arno an die Isar bringen.

29. Biennale Internazionale dell’Antiquariato di Firenze – BIAF. Palazzo Corsini, Florenz 26.9. bis 4.10. Info: www.biaf.it

Erstveröffentlichung in ähnlicher Form in Süddeutscher Zeitung vom 2.10.2015