DER HISTORIKER IN DER GLOBALEN GEGENWART


Ein Gespräch mit Jürgen Osterhammel, Träger des Balzan Preises 2018 für Globalgeschichte, über nationale und nationalistische Geschichte, die Angst vor dem Globalen, die Rolle des Historikers heute und Fragen seines Faches.

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Kosmopolit – der Historiker Jürgen Osterhammel, geboren 1952

Rom/MailandJürgen Osterhammel, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Konstanz (Emeritus seit April 2018), ist als Mitglied einer Reihe von wissenschaftlichen Akademien in Deutschland sowie Italien, Österreich und Großbritannien international vernetzt. Er ist Träger des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste sowie Ehrendoktor des European University Institute EUI (Florenz). Der 66jährige Historiker wurde jetzt mit dem Balzan Preis 2018 „für seine grundlegenden Beiträge zur Globalgeschichte und zu ihrer Definition als eigene Teildisziplin“ – wie es in der Begründung der Internationalen Balzan Stiftung (Mailand/Zürich) heißt – ausgezeichnet. Neben anderem lobte die Jury seinen „eleganten und faszinierenden Schreibstil“.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde Jürgen Osterhammel mit der umfassenden, in viele Sprachen übersetzten Studie „Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts“ (Verlag C.H. Beck, München 2009) bekannt. Im Beck Verlag erschien 2017 auch sein Essay-Band „Die Flughöhe der Adler – Historische Essays zur globalen Gegenwart“. Zum reichen Themenspektrum des Wissenschaftlers gehören die Geschichte internationaler und interkultureller Beziehungen, die europäischen Aufklärung, die Geschichte politischer und sozialer Ideen oder die Rolle Asiens in der neueren Geschichte. Am Rande der Verleihung des Balzan Preises in Rom, den der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella überreichte, ergab sich die Gelegenheit zu einem Gespräch.

„Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche herrschende Gedanken“, heißt es bei Marx. Die herrschende Geschichtsschreibung sei also die Geschichte der Herrschenden. Globalgeschichte beschäftigt sich nun mit verschiedenen Herrschenden von unterschiedlichen Standpunkten aus. Ist es das, was sie der Nationalgeschichte voraus hat?

„Geschichte der Herrschenden: das ist ein gutes Stichwort, um zu beginnen. Es ist kein Zufall, dass die Globalgeschichte weniger von der Peripherie her entwickelt wurde, also ursprünglich keine subversive Geschichte der Dritten Welt gewesen ist, obwohl heute unter dem Stichwort Postkolonialismus wichtige Beiträge aus Südasien oder Afrika kommen. Vielmehr ist sie in den Zentren großer Imperien entstanden, in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten. Insofern ist sie von ihren Entstehungsbedingungen her eine Geschichte der dominierenden Zentren, die aber von Anfang selbstkritisch gemeint war, keinesfalls als Verherrlichung der imperialen und kolonialen Vergangenheit. Die Globalgeschichte versteht sich zudem immer als ein Gegenentwurf zu einer nach innen gekehrten Nationalgeschichtsschreibung. Dabei sollte man unterscheiden zwischen wissenschaftlich abgesicherter Nationalgeschichte, gegen die wenig einzuwenden ist, und nationalistisch ideologisierter Geschichtsdeutung. Die Vorstellung, dass die Globalgeschichte die Nationalgeschichte in sich aufsaugt und sie dadurch überflüssig macht, ist abwegig. Die Nationalhistoriker müssen sich vor uns nicht fürchten.“

Sensibilität für die größeren Zusammenhänge

Man wird weiterhin Nationalgeschichte schreiben?

„Man muss sogar weiter die Geschichten von Nationen und Nationalstaaten schreiben, die aber idealerweise informiert sind durch eine Sensibilität für die größeren Zusammenhänge, in denen sich Nationen entwickelt haben. Für Europa bedeutet dies – und das ist heutzutage nicht selbstverständlich – einzelne Nationen in ihren Wechselbeziehungen und Gemeinsamkeiten mit dem übrigen europäischen Kontinent zu sehen, möglichst auch noch unter Einbeziehung der historischen Beziehungen Europas in der Welt: Kolonialismus, Imperialismus, Aufbau einer zunächst europäisch geprägten Weltwirtschaft. An diesen Punkt spätestens kommt die sogenannte Peripherie ins Spiel, also Einflüsse auf Europa von außen und die Erfahrungen der „Anderen“ mit uns.“

Jubelnd in den Krieg 1914 – mit einem nationalistischen Geschichtsbild

100 Jahre erster Weltkrieg war gerade ein Thema, mit dem sich Medien ausführlich beschäftigt haben. Nationale unterschiedliche Interpretationen von Geschichte haben ja eine Rolle etwa beim Ausbruch und beim Verlauf des Kriegs gespielt und in der Öffentlichkeit der jeweiligen Gesellschaft für Zustimmung gesorgt. Wie groß ist die Gefahr von nationalistischer Geschichtsschreibung heute unter dem wachsenden Einfluss souveränistischer Ideen unter anderem auch in Italien, wo sich eine breite Öffentlichkeit etwa von Europa, von Brüssel beleidigt fühlt?

„Immer wieder – und nicht nur in Europa, wenn man etwa an heutige hindunationalstische Vergangenheitskonstruktionen denkt – gibt es Versuche, eine „nützliche“, die eigene Identität feiernde und stabilisierende Nationalgeschichte zu schreiben. Sie wird manchmal sogar auf einen globalen Hintergrund projiziert, um zu zeigen, wie groß die eigene Nation in der Vergangenheit war und zukünftig wieder werden sollte. Dies ist der gegenwärtige Trend zum Beispiel in China. In Deutschland haben wir eine solche nationalistische Geschichtssicht in den letzten Jahrzehnten überwunden. Niemand im akademischen Bereich vertritt sie ernsthaft. Aber in anderen Ländern ist es eben nicht so. Wo immer ‚Sovranisti’, wie die Italiener sagen, auftreten, werden Mythen nationaler Größe und feindlicher Verschwörung wieder gesellschaftsfähig. Allerdings: Äußerungen von AfD-Seite gehen inzwischen auch in diese Richtung. Es gibt meines Wissens noch keine ausformulierte Geschichtssicht aus diesem Lager, aber es lassen sich solche Tendenzen erkennen.“

Wie kann sich Wissenschaft dagegen wehren?

„In den Nachbarländern finden sich neuerdings interessante Ansätze wie die ‚Histoire mondiale de la France’, die Patrick Boucheron initiiert hat, oder in Italien die ‚Storia mondiale dell’Italia’ herausgegeben von Andrea Giardina. Die Teams, die diese stattlichen Bände erarbeitet haben, versuchen, eine zeitgemäße Sicht auf Nationalgeschichte zu entwickeln. Die braucht man in den Schulen und dafür interessiert sich das breite Publikum. Der neue Ansatz besteht darin, an einer Fülle von Beispielen und Episoden die Bezüge nach außen und die von außen auf das eigene Land deutlich herauszustellen. In Frankreich ist der Boucheron-Band ein Bestseller geworden.“

Misstrauen gegenüber dem Globalen

Die erneute Hinwendung zum Nationalen, das Misstrauen gegenüber dem Globalen, hat viel mit weitverbreiteten Ängsten zu tun, die, wie etwa in der jüngsten Debatte zum UN Migrationspakt, noch weiter geschürt werden?

„Sie sagen: ‚geschürt’. Angst kann spontan entstehen, kann Ursachen haben, die auf tief sitzende Vorstellungen, dass das Eigene bedroht sein könnte, zurückgehen. Sie kann aber auch herbeimanipuliert werden. Ich denke, dass man diese beiden Aspekte immer zusammen sehen muss. Natürlich ist ein Misstrauen gegenüber Kräften zu erwarten, die man nicht versteht, die von außen zu kommen scheinen und die man nicht kontrollieren kann,. Auf der anderen Seite wird dieses Misstrauen in vielen Ländern von rabiaten Abwehrnationalisten, die manchmal sogar an der Macht sind, bewusst genährt und ausgeschlachtet. Das ist etwa in Italien der Fall, wo wir dieses Gespräch führen: Die Ursache des umfassenden Schlamassels, so wird suggeriert, liege außerhalb der Landesgrenzen. Das ist eine Rhetorik der Entlastung, des Angriffs auf Sündenböcke, die in diesem Fall so weit weg sind, dass man sie rhetorisch scharf anpacken kann.“

Unverstanden und mit aggressive Rhetorik – Demonstration gegen Asylpolitik

Die Gesellschaften spalten sich, in Italien sind 50 Prozent und mehr mit dem populistischen Kurs der Regierung einverstanden. In Deutschland gibt es Gruppen, die gar keine abweichende Meinung mehr hören wollen, Stichwort Lügenpresse. Haben Historiker Aufgabe in die Gegenwart hinein zu wirken und zu erklären?

„Unbedingt. Das hat mit Globalgeschichte nur zum Teil zu tun. Jede Historikerin und jeder Historiker hat zunächst einmal die professionelle Aufgabe, schlichtweg falsche Aussagen zu korrigieren. Teils werden irrige Aussagen – nennen wir sie Geschichtsklitterungen – bewusst lanciert, teils haben sich neue Ergebnisse der Forschung einfach noch nicht herumgesprochen. In Deutschland ist die kulturelle Spaltung im Moment noch weniger scharf als in manch anderen Ländern. Es gruselt einen aber, wenn man an die Brexit-Situation in Großbritannien denkt. In einem Land, das eine weltweit führende Geschichtswissenschaft hat und wo Historiker sich die größte Mühe gegeben haben, das verflossene Weltreich fest in der Vergangenheit zu verorten, lässt sich ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung von Politikern und Medien einreden, eine Rückkehr zu den Glanzzeiten des Empire sei möglich, also im Grunde ins 19. Jahrhundert. Hier stößt historische Aufklärung an Grenzen, über die wir nachdenken müssen.“

Wissenschaft in die Gegenwart hineindenken

Sie sprechen in Ihren Texten neben der Globalisierung von „Globalifizierung“ und meinen damit das Eindringen und die Übernahme von grenzüberschreitenden Erkenntnisperspektiven in bestehende Diskurszusammenhänge. Wenn man sich die aktuelle Emigrationsdebatte ansieht, wäre es nicht Aufgabe von Wissenschaft, in die Gegenwart hineinzudenken?

„Das wird schon gemacht. Es gibt zum Beispiel in Osnabrück seit mehreren Jahrzehnten ein Institut für Migrationsforschung, das auch historisch arbeitet. Wanderungen und ihre Folgen sind das Thema einer eigenen Migrationssoziologie und ein Wachstumsfeld innerhalb der Globalgeschichte.“

Wird dabei die Sichtweise derjenigen berücksichtigt, die zu uns aus Afrika kommen?

„Man kann teilweise an das anknüpfen, was in Forschungen zur Amerika-Auswanderung im 19. Jahrhundert seit langer Zeit gemacht wird. Zumindest viele Fragen sind ähnlich: nach individuellen Motiven und Erwartungen, nach ökonomischen und ökologischen Triebkräften, nach der legalen wie kriminellen Organisation von Migration, nach staatlicher Aufnahme- und Abschottungspolitik, nach dem, was heute bürokratisch „Familiennachzug“ heißt. Was sich unterscheidet, sind die Quellen. An die Stelle der klassischen Auswandererbriefe treten Mobiltelefonie und Instant Messaging, die für Forscher nur sehr schwer zugänglich sind. Soziologen und Anthropologen helfen sich mit den bewährten Methoden von Beobachtung und Befragung. Künftige Historiker werden den schriftlichen Dokumenten des Gutenberg-Zeitalters nachtrauern.“

Ideengeschichte global aufgefasst

Sie haben den Balzan Preis im Fachgebiet Globalgeschichte erhalten. Gibt es eine Globalgeschichte oder gibt es mehrere?

„Es gibt mehrere, eine große und willkommene Vielfalt unterschiedlicher Ansätze. Überhaupt sollte man Globalgeschichte nicht als ein klar abgezirkeltes Feld betrachten oder als einen abgehobenen und besonders tiefgründigen Superdiskurs. Globale Fragen verbergen sich bereits in wohletablierten Gebieten wie der Geschichte der internationalen Beziehungen oder der Weltwirtschaft. Sie lassen sich an viele andere Felder richten. Spätestens durch die Klimaproblematik ist Umweltgeschichte global geworden. Wenn Ideengeschichte global aufgefasst wird, fragt sie nach Einflüssen und Übernahmen über kulturelle Grenzen hinweg. So hat man etwa die weltweite Rezeption des europäischen Positivismus oder diejenige von Mao Zedongs Kleinem Rotem Buch nachverfolgt. Ich selbst habe mich ein wenig mit globaler Musikgeschichte beschäftigt: der Ausbreitung der europäischen „klassischen“ Musik nach Asien und dem umgekehrten europäischen Interesse an asiatischen Klängen.“

Werden zwischen Globalhistorikern ausgesprochene Kontroversen geführt?

„Es besteht zum Beispiel Uneinigkeit darüber, welche Zeiträume man global betrachten kann und soll. Frühere Welthistoriker waren zuversichtlich, Jahrtausende und noch mehr überblicken zu können. Die Globalgeschichte hingegen begann als eine Untersuchung von Gleichzeitigkeiten. Deswegen konnte man ihre Gesichtspunkte am besten auf relativ kurze Zeiträume anwenden. Ich selbst habe versucht, ein ganzes Jahrhundert darzustellen. Das kommt nahe an das Maximum dessen heran, was praktisch möglich ist. Die heute populäre Big History, die zu den Anfängen das Homo Sapiens und im Extremfall bis zum „Urknall“ zurückgeht, trifft Aussagen, die sich mit den normalen Arbeitsmitteln des Historikers nicht belegen lassen. Wer sich für solche Fragen interessiert, sollte sich direkt an Astrophysik und Evolutionsbiologie wenden.“

Schwerpunkte für Globalgeschichte

Wo sehen Sie Schwerpunkte für Globalgeschichte heute?

„Ich nenne nur ein großes Themenfeld, das über die verschiedenen Richtungen hinaus wichtig ist. Sie werden überrascht sein, wenn ich dafür plädiere, dem 20. Jahrhundert mehr Interesse zu schenken. Es wird im Allgemeinen keineswegs vernachlässigt. Es ist aber auffällig, dass – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit – die intellektuell anspruchsvollsten globalhistorischen Arbeiten bisher im Zeitraum zwischen etwa 1500 und 1900 angesiedelt waren. Für das 20. Jahrhundert muss ein deutlicherer Begriff von Globalität entwickelt werden, der nicht mit wirtschaftlicher und kommunikationstechnischer Globalisierung identisch ist. Auch müssen die beiden Weltkriege plausibel einbezogen werden. Sie werden bisher – für den Ersten Weltkrieg beginnt sich dies gerade zu ändern – als Ausnahmezeiten sui generis den Spezialisten überlassen, wo sie doch eigentlich „Globalgeschichte pur“ sein sollten.

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Übergabe des Balzan Preises 2018 an Jürgen Osterhammel durch den italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella

Ein Teil des Balzan Preisgeldes soll für weitere Forschung möglichst mit jungen Wissenschaftlern verwendet werden. Haben Sie schon ein Projekt?

„Wichtig ist mir, dass junge Leute mit erfahrenen Historikern zusammen kommen. Ich möchte eine Vorlesungsreihe finanzieren, zu der weniger die Popstars der Globalgeschichte eingeladen werden als gestandene Historikerinnen und Historiker, die sich bisher auf deutsche und europäische Themen konzentriert haben und nunmehr ein gewisses Interesse an Globalgeschichte zu entwickeln beginnen. Wir wollen Doktorandinnen und Doktoranden, die wir aus einem weiten Umkreis einladen, an dieser Suchbewegung teilhaben lassen. An die Vorträge werden sich Workshops anschließen, auf denen sie mit den erfahrenen Historikern in Ruhe diskutieren und auch ihre eigenen Forschungsideen vorlegen können.“

Ein Optimist – der mit dem Schlimmsten rechnet

Und der thematische Fokus?

„Den werden wir in einem zweiten Vorhaben präziser fassen: in einer Reihe von drei Fachtagungen (abermals unter starker Beteiligung jüngerer Historikerinnen und Historiker), bei denen es um De-Globalisierung oder, genauer gesagt, um die Entkoppelung von Globalisierungsebenen gehen soll, um Spannungen und Widersprüche zwischen globalen Prozessen und der Eigendynamik von Regionen. Wenn es eine Lehre aus den letzten Jahren gibt, dann die, dass die Welt keineswegs in jeder Hinsicht homogener, gleicher und harmonischer wird. Das freilich können Historiker nicht alleine klären; da muss man eine ganze Reihe anderer Fächer beteiligen.“

Zum Abschluss: Ihre Interessen sind fachübergreifend, Ihre Weltanschauung ist grenzüberschreitend, sie fühlen sich als ein Kosmopolit – angesichts der Zeitläufe, die wir gerade erleben, als optimistischer oder pessimistischer Kosmopolit?

„Weder das eine noch das andere. Eher als ein skeptischer Optimist. Ich habe mich in der letzten Zeit mit Jacob Burckhardt beschäftigt, einem der wenigen Klassiker unseres Faches. Aus Burckhardt lese ich eine generelle Haltung heraus – auch wenn er es nie so formuliert hat: Der Historiker ist ein Optimist, aber er muss mit dem Schlimmsten rechnen.“

Das Gespräch wurde am 22.11.2018 in Rom in der Accademia dei Lincei geführt.

Hier zur Dankesrede Balzan Preis 2018 (Video)

Zuletzt erschienen
Jürgen Osterhammel: Die Flughöhe der Adler. Historische Essays zur globalen Gegenwart. C.H. Beck, München 2017. 300 Seiten, 19,95 Euro