„ICH LIEBE DICH, ALSO GEHÖRST DU MIR“


„Femminicidio“ – Italien diskutiert mit einem neuen Wort über Mordtaten von Männern an Frauen

Demonstration gegen zunehmende Morde an Frauen

Demonstration gegen zunehmende Morde an Frauen

Mailand (Januar 2014) – Italien ist um ein Wort reicher geworden. Das aber klingt sogar in der an Wohllauten so reichen Sprache Dantes nicht gut: „femminicidio“ – „Mord an Frauen“. Der Begriff, der sich jetzt endgültig durchgesetzt hat, meint im Gegensatz zum allgemeinen Mord („omicidio“) Gewalttaten, die von Männern an Frauen verübt werden. Von Männern, die in fast zwei Drittel aller Fälle in einer Beziehung zu den Opfern standen. Während die Mordfälle in Italien insgesamt rückläufig sind, steigen die von Männern an Frauen erschreckend an. Zwischen 2000 und 2012 wurden 2200 Frauen ermordet. Im vergangenen Jahr waren es wieder 131 – eine Frau alle zweieinhalb Tage.

Kulturelles Beharren auf antiken Vorbildern

Zum Thema sind eine ganze Reihe Sachbücher (unter anderem von Michela Murgia und Loredana Lipperini) erschienen, die auf den Literaturfestivals ausführlich erörtert werden. Der „femminicidio“ wird in den Talkshows diskutiert und in den Zeitungen kommentiert. Der Philosoph Remo Bodei betrauert den „Verlust der Kunst zu lieben.“ Die Schriftstellerin Dacia Maraini beklagt ein kulturelles Beharren auf antiken Vorbildern. Wie im von Aischylos erzählten Götterprozess, in dem Apoll die These vertritt, dass der Vater als Motor des Lebens der Mutter überlegen sei. Die sei nur die Vase, die den Samen des Mannes aufzunehmen habe. So herrsche, kommentiert Dacia Maraini, bis heute in der „maskulinen Kultur“ das Besitzdenken vor. Ich liebe dich, also gehörst du mir.

Kommt es zum Bruch der Beziehung von Seiten der Frau aus, reagiert der Mann intolerant bis zur Gewaltanwendung. Das lässt sich auch an der steigenden Zahl der Stalking-Fälle ablesen, die von der römischen Hilfsorganisation „Telefono Rosa“ registriert werden: rund 28000 Meldungen seit 2009. Die Statistik zeigt, dass es sich nicht um ein Unterschichtenphänomen handelt. Die betroffenen Frauen sind meist zwischen 35 und 54 Jahren alt, haben zur Mehrzahl eine höhere Schulbildung (und 22 Prozent sogar einen Hochschulabschluss). Die Theatermacherin Serena Grandi hat aus Biographien der Opfer das Bühnenprojekt „Ferite a morte“ (Zu Tode verletzt) entwickelt, das in den Städten Palermo, Bologna oder Genua unter großer Anteilnahme gezeigt wurde und bei Rizzoli auch als Buch erschienen ist.

Schärfe Bestimmungen zum Schutz von Frauen

Das italienische Parlament hat jetzt darauf reagiert und schärfe Bestimmungen zum Schutz von Frauen erlassen. Unter anderem werden neuerdings Klagen auch weiter juristisch verfolgt, wenn sie vom Opfer zurückgezogen werden. Endlich, kommentieren die einen, bekämen Frauen bei Prozessen dieser Art eine Hauptrolle zugesprochen. Weitgehend unnütz, nennen andere das Gesetz, es diene nur dazu, die öffentliche Wachsamkeit zu verringern.

Neue Gesetze seien zwar wichtig, kommentierte auch die sizilianische Autorin Simonetta Agnello Hornby in der Turiner Zeitung La Stampa, aber es gehe vor allem auf kultureller Ebene darum, die Rollenbilder zu verändern, „die in unserer Köpfen kreisen und von den Medien propagiert werden.“ Sogar Staatspräsident Giorgio Napolitano forderte die Medien auf, Frauen „dezent und würdevoll“ darzustellen. Im Corriere della Sera ließen sich Prominente von Antonio Albanese (Schauspieler und Kabarettist) bis Brunello Cucinelli (Modestylist und Unternehmer) und Cesare Prandelli (Trainer der Fußball-Nationalelf) für eine Kampagne unter dem Titel „Es geht alle an, auch uns“ mit abwehrender Hand fotografieren.

Den 86jährigen Poeten und Aphoristiker Guido Ceronetti stört dagegen der Begriff „femminicidio“. „Liebe Frauen“, schrieb der alte Grantler kürzlich in einem Artikel auf Seite eins von la Repubblica, „schafft doch das Wort ab.“ Es würde das Frauliche auf einen zoologischen Begriff des Weiblichen, auf Techniken des Gebärens und Stillens, reduzieren. Er schlägt dagegen eine Ableitung aus dem Griechischen vor, wie sie etwa im Wort „Gynäkologe“ auftauche. Also „ginecidio“ statt „femminicidio“? Am Ernst der Sache ändert sich nichts – und der Lauf der Sprache, die sich machtvoll in den Medien Bahn bricht, ist sowieso nicht mehr aufzuhalten.