im Kino: Cuori puri


Der Erstlingsfilm von Roberto De Paolis erzählt eine Liebesgeschichte aus dem Alltag unserer Vorstädte zwischen Brutalität und Solidarität.

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Eine Beziehung mit Gittern: Agnese (Selene Caramazza) und Stefano (Simone Liberati)

Mailand (Cinema Anteo) – Sie, Agnese, ist gerade achtzehn Jahre alt; er, Stefano, 25. Sie lebt mit ihrer Mutter und engagiert sich in einer kirchlichen Jugendgruppe an der römischen Peripherie (Tor Vergata). Er lebt allein und kommt aus Problem beladenen sozialen Verhältnissen. Sie versucht sich von der Kontrolle und der erdrückenden Liebe der Mutter zu lösen. Er verdient sich Geld als Wächter eines heruntergekommenen Parkplatzes, der an ein Lager von Roma und Sinti grenzt. Agnese und Stefano begegnen einander und es beginnt eine schwierige Beziehung.

Cuori Puri – wörtlich „reine Herzen“ – der Titel des Films geht auf den Namen einer christlichen Vereinigung von Jugendlichen zurück, die Keuschheit vor der Ehe versprechen. Die Mädchen der Jugendgruppe von Agnese wollen sich, von ihrem Priester darin bestärkt, dem Keuschheitsversprechen anschließen. Agneses Versuch des Erwachsenwerdens stößt sich an den traditionellen Werten der Kirche, den Bedingungen ihrer Umwelt und ihrer eigenen Unfähigkeit, zwischen richtig und falsch zu entscheiden. Stefano schwankt zwischen den Verlockungen der Kriminalität und den Regeln des Anstandes.

Jenseits falscher Romantik

Roberto De Paolis ist einen eindrucksvoller, realistischer, trauriger Film gelungen, der jenseits falscher Romantik den Alltag unserer Vorstädte widerspiegelt. De Paolis, 1980 in Rom geboren, hatte unter anderem in London an der International Film School studiert und eine Schauspielausbildung absolviert. Er konnte sich einen Namen als künstlerischer Fotograf machen und war mit zwei Kurzfilmen auf der Kino-Biennale von Venedig vertreten. Der Filmemacher zeigt in seinem ersten langen Spielfilm gerne Details, erzählt in Großaufnahmen, liest mit der Kamera in den Gesichtern seiner Protagonisten.

Und hat zwei ideale Schauspieler gefunden: Selene Caramazza (Agnese) und vor allem Simone Liberati (Stefano) für eine Liebesgeschichte auf einem (vielleicht zu) vielschichtigen Hintergrund: urbane Verwahrlosung, Drogenhandel, Solidarität in der Freiwilligenarbeit, Roma- und Sinti Gruppen, prekäre Arbeitsverhältnisse, Mutterliebe, Wohnungsnot, Gewalt, Resignation, Zynismus aber auch Zuneigung und Hingabe. Und einen Jugendpfarrer – Stefano Fesi in der Rolle von Don Luca – , der sich ganz modern gibt und Jesus etwa mit einem Navigator vergleicht, doch mit den Jugendlichen völlig an der Realität vorbei steuert.

Cuori puri. Regie: Roberto De Paolis. Drehbuch: Luca Infascelli, Carlo Salsa, Greta Scicchitano, Roberto De Paolis. Kamera: Claudio Cofrancesco. Mit Selene Caramazza, Simone Liberati, Barbora Bobulova, Stefano Fresi. 114 Minuten. Produktion: Young Films, Rai Cinema. Italien 2017

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