Ligurien


Gegenwartskunst in Ligurien und 30 Jahre Museum Villa Croce in Genua Genua (Villa Croce bis 20.März 2016) – Alte Reklameschilder, ausgediente Leuchtschriften, vergilbte Infotafeln – wer die Treppe zum ersten Stock des Museums Villa Croce zur Jubiläumsausstellung hoch geht, stößt auf ein scheinbar wild zusammen gewürfeltes Sammelsurium. Unter dem Titel „R.I.P. (landscape)“ beschreibt Andrea Nacciarriti mit dieser Installation die Veränderung von Stadtlandschaft, die sich zugleich Erinnerung bewahrt. Walter Benjamin hat über das Sammeln geschrieben, dass „jede Leidenschaft ja ans Chaos“ grenze. Diese Arbeit des in Mailand lebenden Künstlers erweist sich als gelungener Auftakt zur Ausstellung „VX30/Chaotic Passion“, die zum 30jährigen Bestehen des Einrichtung einen Dialog zwischen Teilen der festen Sammlung und neueren Arbeiten von jungen italienischen Künstlern „unter 40“ sucht.

LEIDENSCHAFT, DIE ANS CHAOS GRENZT


Genua (Villa Croce bis 11. Oktober). Seit geraumer Zeit interessiert sich die schottische Klangkünstlerin Susan Philipsz (Turner-Preis 2010) für den italienischen Physiker und Pionier der drahtlosen Telegrafie Guglielmo Marconi. Sie fotografierte kürzlich Reste seines Forschungsschiffes „Elettra“, auf dem Marconi in 1930er Jahren zwischen Genua und Santa Margherita mit Radiowellen experimentiert hatte. Für eine Klanginstallation, die sie jetzt zusammen mit den Fotos im Museum Villa Croce von Genua präsentierte, versenkte Philipsz unter anderem ein Morsegerät vor der ligurischen Küste und nahm unter Wasser Geräusche auf.

Susan Philipsz in Genua



Wie erinnern? Zwei Beispiele aus Mailand und aus Genua Italien gedenkt der Befreiung von deutscher Besatzung und der Herrschaft Mussolinis vor 70 Jahren. Am 25. April 1945 wurde vom Nationalen Befreiungskomitee in Mailand der Generalstreik in den noch von Wehrmacht und SS besetzten Gebieten Norditaliens ausgerufen. Das war zugleich das Signal zu einem allgemeinen Aufstand, durch den dann die Partisanen die Herrschaft über große Städte wie Mailand, Genua und Turin errangen, während die Alliierten von Süden kommend immer weiter vorrückten. Die Deutschen Truppen befanden sich bereits auf einem chaotischen Rückzug Richtung Alpen. Vier Tage später kapitulierten sie endgültig vor den Alliierten. In Italien wird der 25. April inzwischen als Nationalfeiertag begangen, an dem man die Resistenza, also den Widerstand ehrt, dessen Werte auch in die republikanische Verfassung Eingang gefunden haben. Zuletzt hatte sich jedoch eine Feiertagsrhetorik entwickelt, die zu einer gewissen Ermüdung der Erinnerung geführt hat. In Mailand wie in Genua gab es jetzt Versuche, die Feiern des 25. Aprils mit neuem Leben zu füllen.

70 JAHRE RESISTENZA


Palmen sterben, die Spielbank schreibt rote Zahlen und der Blumenmarkt hat seine Bedeutung verloren – jetzt setzt die ligurische Rivierastadt auf Kultur und Nachhaltigkeit Sanremo (Mai 2013). Wenn man den langen Tunnelgang verlässt, der den tief in den Hügeln versteckten neuen Bahnhof von Sanremo mit der Außenwelt verbindet, glaubt man zu träumen. Eben noch von der Neon- und Betonästhetik einer Laufbandtrasse gefangen, die eher an einen Flughafen als eine Eisenbahnstation erinnert, trifft der Besucher unter einem freien Himmel auf hoch aufstrebenden Palmen, auf majestätischen Akazien mit ihrem dichten Blätterwerk oder auf Fichten, in die blau blühende Glyzinien hineingewachsen sind – und im frühlingsgrünen Gras leuchten überall Blumenrabatte. Die milde Witterung der ligurischen Riviera wird hier am Ausgang der Valle Argentina, wo hohe Berge nahe ans Meer rücken, durch ein besonderes Mikroklima noch verstärkt. So liegen die Temperaturen von Sanremo im Winter rund zwei Grad über denen der Nachbarorte Imperia im Osten und Bordighera im Westen. Und im Hochsommer zwei Grad darunter. Ein ideales Klima, das zu jeder Jahreszeit erholsame Tage garantiert. Wenn man nicht wie Dickie in dem Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ von Patricia Highsmith bei einer Bootsfahrt vor dieser Küste ermordet wird…

STILLE ABENDE IN SANREMO



Zwischen Thüringen und Ligurien: Das bewegte Leben des Bauhausschülers Otto Hofmann Pompeiana (Ligurien), Dezember 2009. Vom kleinen Friedhof von Pompeiana, wo Otto Hofmann (1907-1996) begraben liegt, fällt der Blick die kurvige steile Straße hinunter auf den alten Borgo mit seinem Sarazenenturm und der barocken Kirche Santa Maria Assunta. Von dort gleitet er ins Tal, das sich südwärts zum ligurischen Meer und zur Mittagssonne öffnet, als wollten die sanften Hügelketten unterhalb des Monte Croce zwischen Sanremo und Imperia die Welt mit offenen Armen empfangen. In dieses vom Licht durchflutete Klimaparadies, in dem noch in den Wintermonaten die Bougainvillea feurig blühen und es nach Jasmin duftet, hatte sich Mitte der siebziger Jahre der Maler, Fotograf und Designer Otto Hofmann mit seiner Frau Marianne zurückgezogen. Als Schüler von Paul Klee und Wassily Kandinsky Das weiße mediterrane Licht und die vibrierenden Farben des Hinterlands der Riviera haben in ein Spätwerk Eingang gefunden, das heiterer nicht sein könnte. Zeit seines Lebens hat sich Hofmann einen kindlichen Blick bewahrt. Abstrakte und konkrete Formen, phantasievoll stilisiert, bewegen sich dabei durch einen landschaftsartigen Hintergrund. Es sind teilweise großformatigen Arbeiten, die auf der Retrospektive zu sehen sind, die der Palazzo Ducale von Genua in diesen Wochen Otto Hofmann widmet. […]

NEBEN DEM SARAZENENTURM