Pasolini


Italien feiert den vor 40 Jahren ermordeten Autor wie einen Heiligen Rom. Vor vierzig Jahren, in der Nacht vom 1. auf den 2. November, starb Pier Paolo Pasolini. Er wurde unweit der Küste am Rand von Ostia, einer Peripherie der römischen Peripherie, ermordet. Die Täter schlugen den 53jährigen Schriftsteller, Filmemacher und Intellektuellen brutal zusammen. Anschließend wurde er am Boden liegend mehrfach von einem Auto überrollt. Vierzig Jahre danach erinnert sich Italien dieses einstmals umstrittenen Autors mit einem Medienaufwand, als sei er gestern gestorben. Die Zeitungen überschlagen sich mit seitenlangen Erinnerungsstücken und Berichten. Der Mailänder Corriere della Sera, für den Pasolini die letzten drei Jahre vor seinem Tod Kolumnen schrieb, vertreibt jetzt im Wochenrhythmus bis zum kommenden März 22 Einzelausgaben zum Preis von umgerechnet 8,90 Euro pro Band – praktisch das gesamte literarische Werk von den „Ragazzi di Vita“ an einschließlich der Drehbücher und Streitschriften. Im Internet haben sowohl der Corriere als die römische la Repubblica Plattformen mit Artikeln, Fotos und Videos über PPP eingerichtet.

ZU VIEL WIND UM PASOLINI?


Peter Kammerer: Pier Paolo Pasolini und die Rolle der Poesie Pier Paolo Pasolini (1922-1975) ist als Dichter geboren. Zeit seines Lebens gibt er an bestimmten Wendepunkten seinen Lesern Rechenschaft über die Erfüllung dieses Auftrags. Sein erstes Gedicht schreibt er als Zweitklässler im Jahre 1929. Seine Mutter zeigt ihm, wie man ein Gedicht selbst machen und nicht nur in der Schule lesen kann. In einem Sonett erklärt sie dem Kind ihre Liebe. Wenige Tage später verfasst der Siebenjährige Verse, deren Worte „rosignolo“ und „verzura“ er später erinnert. Das erste, mit französischem Anklang, bedeutet „Nachtigall“, das zweite ist ein sehr gewählter Ausdruck für „Grün“. Instinktiv habe er, natürlich ohne Petrarca zu kennen, „den klassizistischen Code von Auslese und Erlesenheit benutzt“. (1) Pasolini wird diesen Code aber auch immer durchbrechen, wie Heiner Müller feststellt: „das ist eine Qualität bei ihm: einerseits ein hoher Ton, der aber immer offen ist auch für ganz niedrige Elemente, für Jargons, Slangs und Alltagssprache“. (2)

EIN ABGRUND ZWISCHEN DEN WELTEN