WER VON PAOLO ERZÄHLT, LÄSST IHN WEITERLEBEN


Palermo (I) : 25 Jahre nach dem 19. Juli 1992 und dem Attentat in der Via D’Amelio: wirksame Erinnerungsarbeit und viele offene Fragen. Eine Begegnung mit Rita Borsellino

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„Wie in Beirut“ – Kurz nach dem Bombenanschlag gegen Paolo Borsellino und seinen Begleitschutz in der Via D’Amelio am 19.Juli 1992

Palermo – Idyllisch liegt die Villa Niscemi am Rand des Favorita-Parks im Westen Palermos. Der mit Palmen umstandene Adelssitz aus dem 18. Jahrhundert dient heute der Kommune als Repräsentationsgebäude. In den ehemaligen Stallungen hat das Studienzentrum „Paolo Borsellino“ zur Erforschung der jüngeren Geschichte Siziliens einen vorläufigen Sitz gefunden. Ein guter Ort um mit Rita Borsellino, der Schwester des von der Mafia in der Via D’Amelio ermordeten Ermittlungsrichters, zu reden und ihre Geschichte als engagierte Kämpferin der Antimafia-Bewegung Revue passieren zu lassen.  Die 72jährige bewegt sich nach einer Krankheit nur mit Mühe, im Gespräch zeigt sie sich aber lebhaft und lässt die Last des Alters vergessen. 

Eine Erinnerung, die wirkend verändert

Viel ist in all den Jahren passiert, vor allem hat sich der Blickwinkel verändert, unter dem die Ereignisse präsentiert werden. Der Ort, wo wir reden, das Studienzentrum, sei der Ort einer „memoria operante“, wie ihn Rita Borsellino nennt. Gemeint ist eine „wirksame Erinnerung“, eine Art Erinnerung, die verändert. Aus der Frage, was genau im Frühjahr/Sommer 1992 passiert ist, hat sich das Bedürfnis entwickelt, die Erinnerung an die Person Paolo Borsellino wach zu halten, die Hintergründe zu dokumentieren und die Geschichte der Auseinandersetzung mit der Cosa Nostra, der sizilianischen Mafia, weiter zu tragen.  Hin zu den Leuten, in die Gesellschaft hinein, die nach den tragischen Ereignissen – und den weiteren Anschlägen 1993 sogar außerhalb Siziliens in Rom, Florenz und Mailand – bewusster und wehrhafter geworden ist.

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Idyllisch – Die Villa Niscemi in Palermo, wo auch das Borsellino-Studienzentrum untergebracht ist

„Anfangs wollte ich nur begreifen, inzwischen möchte ich verstehen, wie ich auf die Vermittlung der Geschichte Einfluss nehmen kann, welches meine Rolle dabei sein kann.“ So kam es zur Gründung des Studienzentrums und zu einem wachsenden Einsatz gerade in der Arbeit mit Jugendlichen. Neben dem politischen Engagement ( siehe unten „Zur Person“) haben Auftritte in Schulen und vor Schülern eine zentrale Bedeutung in ihrem Leben bekommen. Ein Weg, den Paolo Borsellino schon vorgezeichnet hatte. „Paolo hatte gesagt, wenn die Jugendlichen anfangen, den Konsens zu verweigern, dann komme die Mafia an ihr Ende.“

Ein Problem nicht nur für Süditalien

Heute bekommt Rita Borsellino unzählige Anfragen für solche Auftritte und Konferenzen nicht nur aus Sizilien, sondern aus ganz Italien –  und gerade aus dem Norden. Früher hieß es, „die Mafia ist euer Problem da unten im Süden“. Heute kann man nicht mehr leugnen, dass Mafiagruppen auch im restlichen Italien und besonders im Norden ihr Unwesen treiben. Und das Bedürfnis nach Fakten, aber auch nach Analyse wächst. Hier sieht Rita Borsellino ihre Aufgabe, ihre Rolle.

Rita Borsellino (72)

Rita Borsellino (72): „Wir wollen wissen, wer die Hintermänner waren.“

Und schließlich kommt ein ganz persönlicher Faktor hinzu. „Sprich von Paolo, erzähl von ihm“, hatte ihre Mutter gleich nach dem Unglück geraten, „dann wird er nicht vergessen, dann wird er weiterleben.“ Starrköpfig, fast pedantisch, sei er gewesen, wenn es um die Arbeit ging. Aber auch lebensfreudig, immer zu Scherzen aufgelegt. Einer, der mit einem witzigen Spruch die Spannung aus schwierigen Situationen nehmen kommen. „Er hatte die Fähigkeit, die positiven Seiten des Lebens zu sehen.“ In der Familie, in der Arbeit mit seinen Kollegen, und ganz besonders zusammen mit seinem Freund Giovanni Falcone, der für ihn gleichsam zu einem alter ego geworden war. Und als Falcone ermordet wurde, war Borsellino sofort klar: „Jetzt bin ich an der Reihe.“ Wenige Tage vor dem Attentat in der Via D’Amelio sagte er: „Ich weiß, der Sprengstoff für mich ist angekommen.“

Falschaussagen und verwischte Spuren

Skandalös, dass Paolo Borsellino in den Wochen nach dem Mord an Falcone von den Ermittlungsbehörden nicht einmal nach den Hintergründen befragt worden war. Und eine letzte Aussage ist bis heute nicht geklärt: „Auch wenn die Mafia mich materiell umbringen sollte, so sind es doch andere, die meinen Tod wünschen.“

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Enge Freunde: Giovanni Falcone (links) und Paolo Borsellino

Heute weiß man viel über die ausführenden Täter, auch wenn nach Falschaussagen und verwischten Spuren einige Umstände weiterhin im Dunkel bleiben. Sicher ist: es waren Mafiosi. Doch über die Hintermänner, mögliche Auftraggeber, weiß man nichts.

Rita Borsellino: „ Es läuft gerade ein Prozess über Verhandlungen zwischen Staat und Mafia. Dass es die gab, ist keine Hypothese mehr, das ist inzwischen belegt, das ist eine Sicherheit. Jetzt geht es darum zu wissen, wer hat mit wem in wessen Auftrag verhandelt und worüber? Wir kennen die Mörder, doch wir wollen mehr wissen. Wir wollen wissen, warum Personen des Staates, Personen seiner Institutionen, darin verwickelt waren.“

Die Begegnung mit Rita Borsellino fand am 16. Mai 2017 in Palermo statt

Zur Person: Rita Borsellino, geboren 1945 in Palermo, ist die jüngere Schwester von Paolo Borsellino (1940 – 1992). Zur Familie gehören auch noch die Schwester Adele (1938 – 2011) sowie der Bruder Salvatore (geboren 1942). Studium der Pharmazie und zunächst Arbeit als Apothekerin. Nach dem Mord an ihrem Bruder 1992 engagiert sie sich in der Bewegung der Antimafia. 1995 wird sie Vizepräsidentin der nationalen Antimafia-Vereinigung Libera, die der katholische Priester Don Luigi Ciotti gegründet hat. Sie setzt sich in der Zivilgesellschaft (besonders in Schulen) für ein demokratisches Rechtsverständnis als Grundlage für eine freie Gesellschaft und eine erfolgreiche Bekämpfung des organisierten Verbrechens ein.

Während ihr Bruder Paolo eher mit der rechtsgerichteten Partei MSI sympathisiert hatte, kandidiert sie 2006 für ein Bündnis von Parteien der linken Mitte bei der Wahl zum Regionalpräsidenten Siziliens. Dabei unterliegt sie schließlich dem damaligen Amtsinhaber Salvatore Cuffaro ( – der später wegen Mitarbeit von außen bei einer kriminellen Organisation zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird). Von 2009 bis 2014 ist sie Abgeordnete im Europaparlament für den Partito Democratico. 2012 verliert sie eine Urnenwahl des Mitte-Links-Lagers für die Kandidatur zur Bürgermeisterwahl von Palermo. Im Jahr 2011 wird in Palermo des Studienzentrum „Centro Studi ricerche e documentazione Sicilia/Europa Paolo Borsellino“ gegründet, dem sie als Präsidentin vorsteht. Rita Borsellino ist verheiratet und hat drei Kinder.

Info: Centro Studi Paolo Borsellino

Zum Thema Paolo Borsellino ist hat der Deutschlandfunk am 19. Juli ein Kalenderblatt gesendet.