IN DER BIBLIOTHEK


Umberto Eco, Bücher und anderen Leidenschaften

© Cluverius

Mailand (Januar 2007) – Ein Besuch bei Umberto Eco, der durch seine Bibliothek in der Mailänder Wohnung führt. Mit Wortmeldungen von Renate Eco, Mario Scognamiglio und Michael Krüger – Manuskript eines Beitrags für den Bayrischen Rundfunk (BR 2 Journal).

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O-Ton Eco:
„La biblioteca è organizzata così: qui è la zona donne.“

Autor:
Nicht ohne Ironie führt Umberto Eco durch die Bibliothek seiner Wohnung in Mailand. Es beginnt mit der sogenannten Frauenzone, weil hier Bücher über Kunst und Architektur stehen, die auch seine deutsche Frau Renate und seine Tochter Carlotta interessieren. Dann gibt es einen geheimnisvollen braunen Schrank, in dem neben anderen Objekten, Mitbringseln aus Reisen und einer kleinen Sammlung von Zifferblätter alter Uhren nur braune Bücher stehen. Und wenn ein Buch nicht braun ist, steht es nicht hier.

O-Ton Eco:
„Quindi se un libro non è marrone, lì non c’è… Questo è il corridoio della letteratura, delle letterature, della critica letteraria.“

Autor:
Es folgt ein langer Korridor mit literarischen Büchern in vielen Sprachen, und mit Büchern zur Literaturkritik. Rund 30.000 Titel sind in dieser Bibliothek versammelt.

O-Ton Eco:
„E questo è lo studio con i libri di saggistica.“

Autor:
Sachbücher, Titel unter anderem zu Themen der Philosophie und der Semiotik, aber auch die Klassiker der Antike, findet man im anschließenden Studio, wo mehrere Arbeitstische stehen. Dazu große Kartons, in denen die Neuerscheinungen gesammelt werden, die ins Landhaus bei San Marino kommen sollen. Und diejenigen, die der Professor seinen Studenten an der Universität Bologna schenkt, weil es inzwischen kaum noch Raum für neue Bücher in der Mailänder Wohnung gibt.

O-Ton Eco
„Qui quelli li sbatto in campagna…, qui quelli li regalo agli studenti a Bologna che sono decine, decine ogni giorno e non posso permettermi di tenerli qui.“

Autor:
Bibliotheken haben Geschichte geschrieben. Umberto Eco hat, wie wir aus „Der Name der Rose“ wissen, eine gewisse Vertrautheit mit benediktinischen Klosterbibliotheken, und so ist es nicht verwunderlich, dass er sich oft über Bibliotheken geäußert hat. Wie in diesem Text aus dem Jahr 1981, der zugleich seine Lust belegt, ein Problem in Paradoxien zu fassen:

Zitat Eco:
„Zu manchen Zeiten, vielleicht schon zwischen Augustus und Konstantin, war die Aufgabe einer Bibliothek sicher auch das Bereitstellen ihrer Bücher zum Lesen, also mehr oder weniger das, was eine schöne Resolution der UNESCO besagt, in der es heißt, es sei einer der Zwecke von Bibliotheken, dem Publikum das Lesen zu ermöglichen. Später sind dann aber Bibliotheken entstanden, die eher den Zweck verfolgten, das Lesen nicht zu ermöglichen, die Bücher unter Verschluss zu halten, sie zu verbergen. Allerdings waren diese Bibliotheken auch so beschaffen, dass man Funde in ihnen machten konnte. Wir staunen immer wieder über die Fähigkeit der Humanisten des 15. Jahrhunderts, verschollene Handschriften wiederzufinden. Wo fanden sie sie? In Bibliotheken. In Bibliotheken, die teilweise zum Verbergen dienten, aber auch zum Bewahren und damit zum Fundemachen.“ (aus: Eco, Die Bibliothek, Hanser 1987)

O-Ton Eco:
„E qui invece sono libri antichi veri e propri.“

Autor:
Fundemachen kann man auch im Allerheiligsten der Bibliothek von Umberto Eco, einem eigenen kleinen Raum, in dem er die antiquarischen Bände aufbewahrt:

O-Ton Eco:
„Ermetismo rinascimentale, incunaboli, emblematica, emblemi, e simbologia…“

Zitator:
„Hermetismus der Renaissance, Inkunabeln, Wappen und Symbole, dort die bibliographischen Bände, Atanasius Kircher, Caspar Schott, Henry Rey Flaud. Dazu Kabbala, Rosenkreuzer, Phantasiesprachen, Mnemotechnik, Freimauererkunde, Alchimie, Teufel- und Hexenkunde, Reisebücher, Naturkunde und ein bisschen Philosophie. Das sind alles Sammelstücke, aber einige habe ich auch für meine Arbeit benutzt.”

Autor:
Manchmal stellt Umberto Eco seine Schätze in der Wohnung aus: für Gäste, Besucher und wohl auch ein bisschen für sich selbst. In einer großen Glasvitrine zum Beispiel, die das Wohnzimmer vom Esszimmer trennt. Renate Eco beschreibt den kleinen Ausstellungsbereich:

O-Ton Renate Eco:
„In dieser Vitrine gehört die rechte Hälfte mir, die darf ich bestücken, die linke Hälfte gehört meinem Mann, die darf er bestücken, und in der linken Hälfte sind natürlich immer Bücher und in der rechten Hälfte sind natürlich immer Gegenstände, und die linke Hälfte hat jeweils eine Ausstellung zu einem Thema, zum Beispiel hat er mal Weihnachten ausgestellt aus seinem Bestand Weihnachtskinderbücher, Weihnachtsobjekte. Im Augenblick muss ich mal nachschauen, was es ist, das ist glaube ich Atanasius Kircher, sehr viele Dinge, Illustrationen aus seinem Buchantiquariat, die mit Atanasius Kircher zusammenhängen, Abbildungen, Illustrationen usw. Hier, sehen sie, das haben wir aus Ägypten mitgebracht, kleine Pyramiden, eigentlich haben wir sie dem Enkel mitgebracht, um dem Enkel zu erklären, was eine Pyramide ist, aber dafür war er noch viel zu klein zu, aber das ist ein wichtiges Thema und gehört weiterhin zu Atanasius Kircher. Und das sind meine Sachen, die habe ich gesammelt als wir auf den Fidji-Inseln waren, nicht mit ihm zusammen gesammelt, denn er schaut nicht auf den Boden, wenn er irgendwo spazieren geht,… das sind also Muscheln. Der untere Teil ist dann Naturkunde, alles gesammelt, alles mitgebracht, diese zum Beispiel sind die Stacheln vom Stachelschwein, die sind aus der Toskana und Ähnliches mehr.“

Autor:
Diese Vitrine belegt eine Art intellektuelle Gütertrennung im Hause Eco: Sie sammelt Gegenstände, er Bücher. Sicher, Bücher haben das Leben von Umberto Eco, der aus dem piemontesischen Städtchen Alessandria stammt, von Anfang an bestimmt. Er promovierte an der Universität Turin über die Ästhetik des Thomas von Aquin, baute dann in Mailand für das italienische Fernsehen zusammen mit Gianni Vattimo und Furio Colombo ein Kulturprogramm auf, ging als Sachbuchlektor zum Bompiani Verlag, und begann gleichzeitig eine Hochschulkarriere. Er wurde Ordinarius an der Universität Bologna und gilt heute in Europa als ein herausragender Vertreter der Semiotik, der Wissenschaft von den Zeichen. Eco mischt sich mit Artikeln und Aufsätzen auch in die gesellschaftlichen und politischen Debatten Italiens ein. Anfang der achtziger Jahre, überraschte er dann sogar engste Freunde mit der Veröffentlichung seines ersten Romanes „Der Name der Rose“, dem bis heute vier weitere gefolgt sind. Wie er schließlich dazu gekommen ist, alte, antiquarisch wertvolle Bücher zu sammeln, begründet er so:

O-Ton Eco:
„Io avevo in casa due o tre libri vecchi perché li ho trovati su una bancarella a 20 Euro…“

Zitator:
„Ich hatte anfangs zwei, drei alte Werke zu Hause, die ich an einem Bücherstand für 20 Euro erworben hatte. Aber dann hat alles aus ökonomischen Gründen begonnen. Als ich 1980 mit “Der Name der Rose” Geld verdiente, fragte ich mich, wie soll ich es anlegen? Börsengeschäfte interessieren mich nicht, ich verstehe nichts vom Bilderkauf, aber ich kenne mich bei Büchern aus. So fing das an, und dann kam natürlich die Leidenschaft hinzu. Aber ich sagte mir, wenn man Geld mit Büchern verdient, dann kann man es auch für andere Bücher ausgeben, das sind schließlich schöne Objekte. Ich habe mir die entsprechende Fachlektüre besorgt, und nach einem Jahr hatte ich mir dann ein gutes Wissen angeeignet.“

Autor:
Einer, der Umberto Eco auf diesem Weg eine große Stütze wurde, ist der Buchhändler Mario Scognamiglio. Er betreibt ein Buchantiquariat in der Via Rovello, direkt gegenüber des alten Piccolo Teatro im Zentrum Mailands:

O-Ton Scognamiglio:
„Io l’ho conosciuto nel 1980 e le dirò un particolare un po’ curioso…“

Zitator:
„Ich habe ihn 1980 auf eine kuriose Art kennen gelernt. Umberto Eco hatte meinen Katalog gesehen und war in den Buchladen gekommen, um ein Buch zu kaufen. Ich war nicht da, nur eine Verkäuferin und die fragte er, ob er einen Rabatt haben könnte. Die rief mich also an und sagte: Hier ist Professor Umberto Eco, ich übergebe mal den Hörer. – Und ich sagte: Schade, dass wir uns nicht begegnet sind, und natürlich mache ich Ihnen einer Sonderpreis, ich habe gerade “Der Name der Rose gelesen”, dass Buch ist viel mehr wert, als sein Ladenpreis, also stehe ich in Ihrer Schuld und möchte Ihnen das Buch, das Sie kaufen wollen, sogar schenken. – So hat das angefangen, dann haben wir uns mal getroffen, und seitdem sind wir Freunde geworden.“

Autor:
Mario Scognamiglio ging rund zehn Jahre später daran, eine lose Vereinigung von Freunden antiquarischer Bücher und bibliophiler Ausgaben unter dem Namen Aldus-Club zu gründen.

O-Ton Scognamiglio:
„E allora in questa occasione, quando ho fondato l’associazione…“

Zitator:
„Als ich dann die Vereinigung ins Leben rief, habe ich Eco gefragt, ob er nicht ihr Präsident werden wolle. Er war natürlich stark beschäftigt, aber dennoch sagte er: Mario, das mache ich für sechs Monate, um sie in Gang zu setzen, dann findest du einen anderen. – Also, wir schreiben das Jahr 2007 und er ist immer noch ihr Präsident. Es macht ihm einfach Spaß.“

Autor:
Für die Mitglieder das Aldus-Clubs hat Mario Scognamiglio im eigenen kleinen Rovello-Verlag gerade einen bibliophilen Leckerbissen herausgegeben. Umberto Ecos Aufsatz über den „Kodex Temesvar“, in dem er Dan Browns Weltbestseller „Sakrileg“ über den „Kodex Leonardo da Vinci“ durch den Kakao zieht. Im „Codice Temesvar“ geht es um einen mysteriösen Autor, der sich Milo Temesvar nennt, den Eco bereits im „Namen der Rose“ zitiert hat. Er soll unter anderem der Verfasser eines Aufsatzes unter dem Titel „Vom Gebrauch der Spiegel beim Schachspiel“ sein. Immer wieder taucht dieser Autor im Werk Ecos auf. Wie nun die Figur Milo Temesvar entstanden ist, erzählt Umberto Eco selbst, der als junger Lektor beim Mailänder Bompiani-Verlag gearbeitet hatte:

O-Ton Eco:
„In una Buchmesse negli anni sessanta si sono trovati un giorno a pranzo Harry Rowohlt…“

Zitator:
„Das war in den sechziger Jahren, als sich auf einer Frankfurter Buchmesse Heinrich Ledig-Rowohlt, Gaston Gallimard und Valentino Bompiani zum Mittagessen trafen. Sie sagten: Hier wird alles sofort gekauft, es genügt das Gerücht, dass es einen neuen vielversprechenden Autor gebe. Also denken wir uns einfach einen aus. Wir nennen ihn Milo Temesvar, für den bereits die American Labury 50.000 Dollar geboten hätte. – Als Valentino Bompiani mir und meinem Kollegen diese Geschichte erzählten, gingen wir von Stand zu Stand und fragten: Habt ihr Milo Temesvar gekauft? – Am späten Nachmittag suchten alle Milo Temesvar. Und beim Abendessen versuchte Giangiacomo Feltrinelli zu bluffen: Ihr braucht ihn nicht länger zu suchen, ich habe bereits seine Weltrechte gekauft. – So wurde Milo Temesvar geboren.“

Autor:
Umberto Eco und Mario Scognamiglio verbindet eine langjährige Männerfreundschaft:

O-Ton Scognamiglio:
„Conoscere Eco fuori da quelli che sono gli incontri culturali…“

Zitator:
„Eco außerhalb der offiziellen Anlässe kennenzulernen, ist eine äußerst angenehme Angelegenheit. Manchmal genehmigen wir uns einen Aperitif in einer Bar hier in der Via Dante, und verplaudern ein Stündchen. Da kann man einen ganz natürlichen Umberto Eco erleben. Manchmal ist er auch wie ein Kind, er liebt zum Beispiel Uhren über alles. Ich stand mit ihm einmal vor dem Schaufenster eines Uhrengeschäftes und er sagte: Die da, die muss ich mal genauer ansehen, lass uns reingehen. – Der Uhrenverkäufer, der ihn gut kannte sagte: Aber Umberto, hast du jetzt ein Boot, das ist eine Taucheruhr? – Aber Eco ließ sich nicht erschüttern und kaufte sie schließlich für 300 Euro. Und dann sind wir einen Aperitif trinken gegangen und er musste sofort die Gebrauchsanweisung studieren und die Uhr ausprobieren. Wie Kinder, wenn sie zum ersten Mal ein Spielzeug sehen.“

Autor:
Es sind also doch nicht nur Bücher, die die Leidenschaft eines Umberto Eco wecken.

O-Ton Renate Eco:
„Ich muss ihn immer zurückhalten. Früher kam er von einer Amerikareise immer mit einem neuen Radio an. Und jetzt, wo wir so nah an San Marino wohnen, wo man so viele billige Radios kriegen kann, da man muss ihn ein bisschen warnen und davon abhalten, denn diese billigen sind auch immer sofort kaputt. Da ist er aber froh, da kann er sich ein neues kaufen, billige, größere oder kleinere. Jetzt, seit es die Computer gibt, geht es mit den Computern weiter. Die Notebooks, da hat er fast ein jedes Jahr ein neues. Und Uhren? Das geht so.“

Autor:
Sein Münchener Verleger Michael Krüger, der das in Deutschland anderswo abgelehnte Manuskript „Im Namen der Rose“ bei Hanser veröffentlichte und dem Haus damit einen Riesenerfolg einbrachte, sagt über die private Seite des Erfolgsautors:

O-Ton Krüger:
„Ich finde ihn sehr umgänglich, wenn man bei ihm zu Hause ist. Und noch umgänglicher ist er, wenn man bei ihm wohnt. Denn er geht gerne auf Märkte, er geht gerne in Antiquariate. Er isst gerne, er trinkt gerne, er erzählt gerne Witze. Da ist er ein wunderbar umgänglicher Mensch. Ich war zwei Mal zu Gast bei ihm in seinem Institut in Bologna, da ist er der liebenswerte Professor, den man sich vorstellen kann. Aber bei seiner Arbeitsleistung, die ja vollkommen ungebrochen ist, muss er sich auch seine schroffen Seiten haben, um sich gegen die Zumutungen der Welt zu schützen. Wenn dieser Mensch, dann hier auftritt, dann bin ich immer vollkommen verblüfft, er macht 15 Interviews hintereinander, er ist immer originell, immer höflich, immer witzig, aber wenn dann das Mikro aus ist, dann sehe ich an seinem Gesicht, dass er einen insgeheim mächtig verflucht.“

ENDE

Aktueller Nachtrag (Januar 2021): Die Erben von Umberto Eco und das italienische Kulturministerium haben sich über den Nachlass des Wissenschaftlers und Schriftstellers geeinigt. Die wissenschaftliche und literarische Bibliothek Ecos (rund 30.000 Bände einschließlich Manuskripte und Briefwechsel) geht als Leihgabe der Familie für 90 Jahre an die Universität Bologna, wo der Wissenschaftler lange gelehrt hatte. Die antiquarischen Titel (ca 1200 Werke) werden vom italienischen Staat aufgekauft und der Bibliothek Braidense der Stadt Mailand übergeben, wo Eco seinen Lebensmittelpunkt hatte. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Siehe auch auf Cluverius „Ein piemontesisches Schnabeltier“ – Radio Feature für den NDR zum 75. Geburtstag von Umberto Eco