Reportagen und Berichte


    EIN GARTEN VOLL KRAUT UND UNKRAUT

    Briefe aus der Quarantäne (11): Debatten um Europahilfen und Stichworte zur Lage der Nation von Paolo Rumiz, Adriano Sofri und Johann Gottfried Herder

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    Italiener zeigen Flagge. Um Ärtzte und Pflegepersonal zu stützen - und um als Gemeinschaft zusammen zu rücken

    Mailand (6. April) – Montag, der dreißigste Tag im Ausnahmezustand. Der Coronavirus greift Europa an. Die Repubblica veröffentlicht heute eine Umfrage, nach der nur noch 30 Prozent der Italiener Vertrauen in die EU hätten. Die Debatte um die ökonomischen Hilfen droht zu einem Religionskrieg um die sogenannten Eurobonds zu werden. Die reichen Deutschen, die arroganten Nordeuropäer gegen notleidende Italiener und ganz Südeuropa. Lässt der Norden den Süden im Stich?

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    BUNTE MASKEN, SCHWARZE TÜCHER

    Briefe aus der Quarantäne (10): Die Mundmaske als Placebo und Raffaels Tod in Zeiten von Corona

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    Vom Todesjahr rückwärts gerechnet - Aufgang zur Raffael-Ausstellung in Rom (Scuderie del Quirinale), die zurzeit geschlossen ist.

    Mailand (5. April) – Palmensonntag, der neunundzwanzigste Tag im Ausnahmezustand. Jetzt heißt es Masken tragen. Oder zumindest ein Tuch, einen Schal vor Mund und Nase halten, wenn man nach draußen geht. Das ist die jüngste Verordnung der Region Lombardei. Ob es etwas nützt? Bei den (wenn überhaupt) erhältlichen Masken ist die Wirkung, was den Schutz vor Ansteckung angeht, höchst umstritten, bei Tüchern oder Schals sogar witzlos. Aber wer sich nicht daran hält, wird in der Schlange vorm Supermarkt böse angeguckt. Massimo Gramellini hat gestern in seiner Rubrik „Il Caffè“ im Corriere della Sera weise von seiner „mascherina-placebo“ gesprochen. Er setze sie nur in Gegenwart von anderen auf, „um mir einzubilden, dass sie mich wenigstens vor ihren Urteilen schützt.“

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    IM LAND DER TRÄUME

    Briefe aus der Quarantäne (9): Kulinarisch und literarisch unterwegs in Italien. Und Corona zum Trotz abends in die Scala – oder lieber ins Elfo?

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    Teatro Elfo Puccini in Mailand - Aufführungen gibt es nur online

    Mailand (2. April) – Donnerstag, der sechsundzwanzigste Tag im Ausnahmezustand. In der Via Boscovich blühen die ersten Fliedersträuche. Zum Frühstück gab es Erdbeeren aus der Basilicata, die auch wie frische Erdbeeren schmecken, süß, aromatisch mit leichter Säure am Ende. Zu Mittag steht Risotto mit jungem grünen Spargel auf dem Kochplan. Spargel aus Salerno. Das ist zwar keine „Null-Kilometer-Ware“, aber immerhin alles Italien. Der Reis, natürlich Carnaroli, kommt derweil von hier aus der Lomellina. Dazu ein Glas Rotwein, leicht und spritzig aus dem Piemont, Barbera di Monferrato etwa.

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    WEDER DUMMKÜHN NOCH FRECH

    Briefe aus der Quarantäne (8): Blühende Bäume, schreckliche Vorstellungen und Botschaften aus der Reformationszeit

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    Gepflegtes Grün auch in der Coronazeit - Mailand bei der Porta Venezia

    Mailand (30. März) – Montag, der dreiundzwanzigste Tag im Ausnahmezustand. Sonnenschein wechselt mit Regen, der Frühling hat begonnen. Morgen, Dienstag, sollen die Temperaturen wieder sinken, es könnte sogar schneien. Der April und das Aprilwetter stehen vor der Tür. Die Grasflächen unter den blühenden Bäumen bei der Porta Venezia, die man auf dem Weg zum Supermarkt passiert, wurden diese Woche geschnitten und gesäubert. Es tut gut zu sehen, dass die Stadt sich auch in der Krise pflegt und auf ihr grünes Kleid hält. Dabei hätte sie allen Anlass, Trauer zu tragen.

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    EIN HÄUFCHEN MUTIGER MÄNNER

    Briefe aus der Quarantäne (7): Es wird immer stiller, man hört Musik und nimmt Fäden zur Vergangenheit auf

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    Von allen guten Geistern verlassen? - Kirche San Gregorio Magno in Mailand über dem Friedhof des ehemaligen Lazarettes errichtet. Gregorius lebte von 540 - 604,  war Papst (Gregor I.) und Biograph von Benedikt von Nursia. 1295 wurde er heiliggesprochen

    Mailand (22. März) – Sonntag, der fünfzehnte Tag im Ausnahmezustand. Eine gespenstische Ruhe liegt über der Stadt. Die Schlangen vor der Esselunga in dem Viale Piave werden länger. Heute Morgen hatte ich noch Glück – nur etwa 25 Minuten Wartezeit. In den Medien hört man von abenteuerlichen Schlangebildungen in Italien bis zwei Stunden und mehr. Und die Gesichter werden ernster. Zunächst war das Anstehen vor dem Supermarkt Gelegenheit für einen Schwatz, einen Scherz mit anderen – immer Abstand wahrenden – Wartenden. Heute herrscht Stille auch in der Schlange. Immer mehr Menschen sterben. In der Lombardei sind es inzwischen über 3000, gut 1000 allein in den vergangenen drei Tagen.

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    ZWISCHEN ANGST UND BEKLEMMUNG

    Briefe aus der Quarantäne (6): Das Frühlingswetter und der Nebel der Betäubung

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    Zu schönes Wetter, um zu Hause zu bleiben - neuer Mailänder Park im offenen Gelände

    Mailand (18. März) – Mittwoch, der elfte Tag im Ausnahmezustand. Im Deutschlandfunk höre ich: Der Präsident des Weltärzteverbandes Frank Ulrich Montgomery hält Ausgangssperren für kein geeignetes Mittel im Kampf gegen Coronavirus. Italien habe gezeigt, dass das nicht funktioniere. Man schüttelt nur noch mit dem Kopf. Gerade Italien zeigt, dass es funktioniert.

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    Heldinnen und Helden

    Briefe aus der Quarantäne (5): Zwischen den Routine im Alltag und der dramatischen Situation in den Krankenhäusern

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    Das Foto, das Italien bewegte: Krankenschwester in Cremona nach stundenlangem Einsatz

    Mailand (16. März) – Montag, der neunte Tag im Ausnahmezustand. Sonnenschein. Langsam stellt sich eine Art Quarantäne-Routine ein. Im Bett morgens übers Handy den Deutschlandfunk hören. Dann duschen, anziehen während das Radio läuft, jetzt die Italiener, abwechselnd Radio Popolare und Rai tre. Raus an die frische Luft – noch nie war die Luft in Mailand so voller Duft, so morgenrein wie in diesen Tagen. Also durchatmen, Zeitung kaufen und mit Massimo, dem Kioskbesitzer, ein paar Worte wechseln. Zuhause der Caffè, den man so heiß wie möglich schlürft – dem Espresso der Bar nachtrauernd. Man wechselt das Zimmer, der Schreibtisch mahnt zur Disziplin.

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    EIN UNAUFHÖRLICH LAUTES SINGEN

    Briefe aus der Quarantäne (4): Jetzt werden auch die Parkanlagen verschlossen – es bleiben nur noch die Balkons

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    Gesperrt - Zugang zu den Giardini Pubblici "Indro Montanelli"

    Mailand (14. März) – Sonnabend, der siebte Tag im Ausnahmezustand. Nun darf man auch nicht mehr in die Parkanlagen. Die, die umzäunt sind, werden geschlossen. Wie die Giardini Pubblici bei der Porta Venezia. Der erste öffentliche Park Mailands, auf Bestreben von Vizekönig Ferdinand Karl von Österreich-Este 1784 eröffnet. Zu weiterhin „habsburgischer Disziplin“ ermahnen die Verantwortlichen ihre demokratischen Untertanen heute. Eine große Mehrheit unter ihnen scheint sich den Regeln zu fügen.

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    RAGAZZI, BLEIBT ZUHAUSE!

    Briefe aus der Quarantäne (2) - Ab heute ist ganz Italien im Ausnahmezustand vereint

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    Nicht viel Arbeit - Stadtreinigung auf der Piazza Duomo

    Mailand (10. März) – Dienstag, dritter Tag im Ausnahmezustand. Die Bar an der Ecke zur Via Tadino hat seit gestern ganz geschlossen. Pazienza – es gibt ja genügend Alternativen. Doch es wird nicht mehr am Tresen serviert, man bekommt seinen Caffè plus das kleine Glas Wasser an den Tisch gebracht. Immer schön Abstand halten zum Nachbarn, mahnt die blonde Maddalena, die serviert. Sie stammt aus Rumänien. Wie die Lage da ist? Noch harmlos. Kaum mehr als zehn, fünfzehn Fälle. Allein in der Lombardei, berichten die Medien, sind es 4490.

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    DIE HAND GEBEN? NEIN DANKE.

    Briefe aus der Quarantäne (1) - Die Lombardei mit Mailand wird zum Sperrgebiet erklärt

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    Mailand - Stazione Centrale am Tag eins der Quarantäne für die ganze Region Lombardei

    Mailand (8. März) – Sonntag Morgen, wie immer. Frühstück in der Bar mit Caffè (doppio), Brioche (ai cereali) und Zeitung (domenicale del sole24ore). Ravasi zitiert in seinem Breviario Shakespeare zum Weltfrauentag. Die Kinorubrik lobt Giorgio Dirittis Film „Volevo nascondermi“ über den Maler Antonio Ligabue (fünf von fünf Sternen). Schade nur, dass ich ihn nicht sehen kann.

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    LEERE SÄLE, LEERE KASSEN

    Hilferuf der italienischen Kulturunternehmen, die zusammen mit dem Tourismus-Sektor besonders von den Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus betroffen sind

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    Mehr Tauben als Touristen - Piazza Duomo in Mailand

    Mailand/Rom – Die Kulturunternehmen Italiens fordern sofortige Hilfsmaßnahmen für Unternehmen und Arbeitskräfte des Sektors wegen der Notlage durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Grippe-Epidemie ausgelöst durch den Coronavirus. Der drastische Rückgang des Verkaufs von Kulturprodukten, Büchern, Musikträgern und DVDs, die Absage von Konzerten und Ausstellungen, die spärliche Museumsbesuch mit nicht einmal 20 Prozent der gewöhnlichen Besucherzahlen, die Absage von Festivals und Messen, die Schließung von Kinos und Theatern bringe, so der Verband der Kulturunternehmen (Confindustria Cultura Italia), für viele Einrichtungen und ihre Mitarbeiter ernsthafte wirtschaftliche Probleme.

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    EIN METER ABSTAND

    Der Coronavirus und die Kultur in Norditalien – nach einer totalen und radikalen Schließung aller kulturellen Veranstaltungen und Aktivitäten können jetzt wenigstens Museen und Ausstellungsbetriebe unter Auflagen wieder öffnen

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    Kulturtourismus mit Mundschutz - Reisegruppe in der ziemlich verlassen wirkenden Mailänder Galleria

    Mailand - Erste Türen öffnen sich jetzt in der Woche nach dem 3. März für einige Kulturveranstaltungen. Während Schulen und Universitäten in den meisten Regionen des Nordens weiterhin geschlossen bleiben und keine öffentlichen Veranstaltungen stattfinden, dürfen Museen und Ausstellungseinrichtungen wieder öffnen, wenn sie behördliche Vorgaben einhalten. Dazu gehört eine Beschränkung des Besucherstroms, damit keine, wie es offiziell heißt, „assembramenti“ (Menschenansammlungen) entstehen und ein Mindestabstand von einem Meter zwischen den einzelnen Personen gewährleistet bleibt. Weiterhin geschlossen bleiben Kino, Theater, Oper- und Konzerthäuser. Das Teatro La Fenice bietet Konzerte im Streaming-Dienst an.

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    KULTUR IN QUARANTÄNE

    Der Coronavirus und die Schönen Künste: nichts geht mehr. Theater, Museen, Ausstellungen bleiben geschlossen. Die Kulturnation Italien mach dicht. Und der Schriftsteller Gianrico Carofiglio denkt über das Verhältnis von Angst und Gefahr nach.

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    Am Samstag noch geöffnet für die Premiere von Rossinis "Il turco in Italia" , ab Sonntag 23.2. geschlossen - Mailänder Scala

    Mailand - Schreckensmeldungen aus Italien: Hauptsächlich im Norden des Landes haben sich – Stand 25.2. – über 300 Personen mit den Coronavirus angesteckt, davon rund 200 allein in der Lombardei. Zehn meist ältere Personen sind gestorben. Besonders gefährdet ist ein Gebiet in der Metropolzone Mailands unweit der Provinzstadt Lodi. Mailand selbst bleibt bislang noch kaum betroffen. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, haben die Behörden zu drastischen Maßnahmen wie die Abriegelung der Gebiete gegriffen, die als Ansteckungsherde gelten. Aber in ganz Norditalien werden Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Darunter fallen auch das Verbot von öffentlichen Kulturveranstaltungen. Die Opernhäuser mussten schließen, der Karneval ist ausgefallen, die Kinderbuchmesse Bologna wurde auf Anfang Mai verschoben. Eine Kulturnation wird im Notstand ihrer Kultur beraubt. Aber nicht alle sind mit diesen Maßnahmen einverstanden.

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    im Theater: Misericordia

    Emma Dante inszeniert am Piccolo Teatro eine neue Arbeit über Humanität und Hoffnung am Bodensatz der Gesellschaft

    © Masiar Pasquali/Piccolo Teatro

    Fühlen, Leiden, Streiten - Leonarda Saffi und Simone Zambelli in Emma Dantes neuem Stück

    Mailand (Piccolo Teatro Grassi bis 16.2.2020) – Drei etwas heruntergekommen wirkende Frauen sitzen in einer Reihe auf der Bühne. Sie stricken, sie streiten, sie beschimpfen sich. Zwischen ihnen ein junger Mann in einem kindlichen Kleid, geistesschwach, unfähig still zu sitzen und seine Bewegungen zu kontrollieren. Bald lernt der Zuschauer, es sind drei Prostituierte, die so tagsüber ihre Zeit verbringen, während sie sich nachts wohl nicht weniger heruntergekommenen Freiern anbieten. Der Junge aber ist das Kind einer Kollegin, die von ihrem Vater brutal erschlagen worden war, seine Verhaltensstörungen sind Folgen dieser Tat. Die Drei haben ihn aufgezogen.

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    „ER HAT EINFACH KEINE GEDULD“

    Was bleibt vom Leonardo-Jahr (1) : Ein Gespräch mit dem Kunsthistoriker Pietro C. Marani

    Verwirrende Haarpracht - Leonardo Entwurf "La Scapiliata" (Bleiweiß auf Holz, zirka 1492/1501), Parma Galleria Nazionale delle Pilotta

    Mailand – Ein Jahr ganz im Zeichen von Leonardo ist zu Ende gegangen. Der großen, einen Ausstellung in Paris (Louvre bis 24.2.2020) standen und stehen viele kleine Initiativen in Italien, allen voran in Mailand, aber auch in Rom, Florenz, Turin oder Parma gegenüber. Und dabei tauchten die merkwürdigsten Funde auf: In Florenz wurde bei einer Ausstellung über Verrocchio, den ersten Lehrmeister Leonardos, eine Marienstatue gezeigt, die die Kuratoren dem Mann aus Vinci zuschrieben. Leonardo als Bildhauer? Warum nicht, schließlich hat er in Mailand eine riesiges Reiterstandbild geplant - aber diese kleine Statue, die aussieht, als sei sie von dem Gemälde eines seiner Schüler abgekupfert, ein Original von Leonardo? In Mailand schenkte Herzog Lodovico dem Künstler und Wissenschaftler einen Weingarten, das ist belegt. Die Weinstöcke, die man heute dort sehen kann, sind sicher keine 500 Jahre alt. Bei Aufenthalten in der Romagna um 1502 soll er sich ebenfalls dem Weinanbau mit einem „Metodo Leonardo“ gewidmet haben, dem heute ein Weingut eine eigene Produktlinie widmet. Leonardo als Winzer?

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    VORBILDLICH

    Was bleibt vom Leonardo-Jahr (2): Die Präsentation der Madonna Litta im Museo Poldi Pezzoli und die neue feste Leonardo-Ausstellung im Mailänder Technik- und Technologiemuseum

    © Cluverius

    Vom Publikum geliebt - die Madonna Litta in der Ausstellung des Museo Poldi Pezzoli

    Mailand – Vom Leonardo Jahr 2019 aus weisen Spuren in die Zukunft. Zum Beispiel mit einer kleinen aber äußerst feinen Ausstellung im Museo Poldi Pezzoli über die Madonna Litta und die Rolle der Werkstatt. Und das Mailänder Technikmuseum, das in seinem Namen Museo Nazionale Scienza e Tecnologia Leonardo da Vinci den Künstler, Ingenieur und Wissenschaftler ehrt, hat gerade seine feste Maschinen- und Dokumentensammlung neu geordnet und präsentiert sie jetzt aufwändig und zeitgemäß mit viel digitaler Technik.

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    im Theater: fedeli d’Amore / Maryam

    Das Teatro delle Albe aus Ravenna und zwei Gastspiele in Mailand. Eine Arbeit von Marco Martinelli und eine Vorlage von Luca Doninelli interpretiert jeweils von Ermanna Montanari.

    © Enrico Fedrigoli/Teatro dell'Elfo

    Bewegt und bewegend - Ermanna Montanari in "fedeli d'Amore"

    Mailand (Teatro dell’Elfo/Teatro Oscar) – fedeli d’Amore („Gläubiger der Liebe“) ist ein „Polyptichon“, wie es der Autor und Regisseur Marco Martinelli nennt. Sieben Szenen, die sich um die letzten Stunden von Dante Alighieri drehen, um seine Phantasien, Ängste oder die Tochter Antonia, die zum letzten Abschied an sein Bett tritt: „Padre, sono qui, mi senti? – Vater, ich bin hier, hörst Du mich?“. Der florentinische Dichter, die (über)große Vaterfigur der italienischen Literatur, starb an einem nebligen Septembermorgen 1321 im Exil in Ravenna. Martinelli schafft im Rückgriff auf den romagnolischen Dialekt, dem Dialekt der Stadt Ravenna, Monologe von poetischer Kraft, denen Ermanna Montanari mit ihren Stimmvariationen szenischen Raum gibt, der musikalisch mit Dissonanzen noch geweitet wird. Zu den aufgefalteten Bildern des Polyptichon gehört auch eine Vision Dantes, die sich von der Zersplitterung Italiens aus der Zeit der Stadtrepubliken in die Gegenwart weitet – ein Italien, „che scalcia se stessa“, das sich laufend selbst ein Bein stellt.

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