Frauen


Venedig Anfang April – Aufatmen, Luftholen, Frühling nach dem langen Winter der Pandemie. Auch wenn die Lagunenstadt kulturell weiterhin im Dornröschenschlaf vor sich hindämmert und viele Einrichtungen zu Ostern geschlossen sind. Die Natur ist dagegen aufgewacht in einem neuen alten Garten: in den Giardini Reali, die im Rücken der Procuratie Nuove sich längs der Uferbefestigung beim Anleger S.Marco erstrecken. Ein Garten, den Touristen meist (noch) übersehen, weil sie es eilig haben, auf den Markusplatz zu kommen, statt in diese Oase der Ruhe einzutauchen. Narzissen und Tulpen blühen unter Feigenbäumen, Glyzinien leuchten an einer alten Pergola, bedächtig schwanken Bambusblätter. Steineichen werfen Schatten, Bitterorangen glänzen unter blauem Himmel und eine immergrüne Lorbeerhecke schützt wie ein natürlicher Deich vor der Lagune und dem – in covidfreien Zeiten hektischen – Treiben am Uferweg.

In Venedig


Das Musikdrama von Richard Strauss in einer Inszenierung der Mailänder Scala unter Covidbedingungen nur im Fernsehen (Rai 5, Raiplay) und im Radio (Rai 3, Euroradio) Mailand – So mutieren Spielpläne in Zeiten der Pandemie: ursprünglich sollte die Mailänder Neuinszenierung der Salome von Richard Strauss am 8. März 2020 unter Leitung von Riccardo Chailly (Musik) und Damiano Michieletto (Regie) mit Malin Byström und Michael Volle Premiere haben. Die Proben waren schon weit fortgeschritten, als 23. Februar der Lockdown (nicht nur) den Kulturbetrieb lahm legte. Ein Jahr später wurde die Inszenierung jetzt mit teilweise neuem Cast (Elena Stikhina und Wolfgang Koch) ohne Publikum in der Scala aufgeführt (19.2.) und tags darauf zeitversetzt im Fernsehen und im Radio ausgestrahlt. Die Orchesterleitung sollte eigentlich Zubin Mehta haben, der aber aus gesundheitlichen Gründen passen musste. An seiner Stelle dirigierte (wie bei den Proben vor einem Jahr) Riccardo Chailly.

in der Oper: Salome



Valeria Parrella erzählt in ihrem beeindruckenden kleinen Roman „Versprechen kann ich nichts“ von Almarina, einer jugendlichen Strafgefangenen in Neapel, und ihrer Lehrerin Elisabetta, die ihr eine Zukunft schenken möchte Mailand/Neapel – Das ist die Geschichte einer Liebe zwischen einer 50jährigen Frau und einem 16jährigen Mädchen. Eine, wenn man so will, Mutter-und-Tochter-Beziehung, die immer auch eine Beziehung zwischen zwei Frauen ist. Die kinderlose Ich-Erzählerin Elisabetta, die nur schwer den plötzlichen Tod ihres Ehepartners überwindet, lebt in Neapel und unterrichtet Mathematik in einem Jugendgefängnis, das auf der kleinen Insel Nisida  unterhalb von Posillipo liegt, die mit dem Festland über einen Damm verbunden ist. Eines Tages sitzt eine Neue in der Klasse, Almarina, die mit ihrem kleinen Bruder aus Rumänien floh, wo sie von ihrem Vater vergewaltigt und misshandelt worden war.

DAS SPERRIGE LEBEN


Wundervoll erzählt, berührend zu lesen: Der Roman „Ein Tag wird kommen“, in dem Giulia Caminito von einer Bruderliebe in der bäuerlichen Landschaft der Marken vor 100 Jahren zur Zeit von Krieg und Krankheit erzählt. Mailand – Unter den Romanen und Erzählungen, die in diesem schrägen Herbst und Winter in deutscher Übersetzung aus dem Italienischen erschienen sind, ist das vielleicht der schönste: Ein Tag wird kommen von Giulia Caminito (Verlag Klaus Wagenbach). Er führt uns in die Anfangsjahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts und in die von Hunger und Ausbeutung geprägte bäuerliche Landschaft der Marken, wo Tragödien zum Alltag gehören. Und zu Träumen einer anderen, besseren Welt, die mal aufs Leben und mal auf die Zeit nach dem Leben gerichtet sind. Hauptfiguren sind zwei ungleiche Brüder aus dem Dorf Serra de’ Conti: Der eine, Lupo, mutig und kraftvoll, der andere, Nicola, schwach und „weich wie Brotkrume“. Und während der eine den anderen stützt, gibt ihm der andere Sinn.

EINE ANDERE WELT



Eine Farbanschlag auf das Denkmal für Indro Montanelli in einem Mailänder Stadtpark erinnert Italien an seine koloniale Vergangenheit Mailand – Der Kampf um Statuen im Zusammenhang mit antirassistischen Protesten hat auch Italien erreicht. In Mailand wurde am Sonnabend (13. Juni) Abend das Denkmal für Indro Montanelli (1909-2001) in den Giardini Pubblici mit roter Farbe übergossen. Auf dem Sockel wurde der angesehene Journalist als „razzista“ und „stupratore“ angeklagt. Zur Tat bekannte sich das linke studentische Aktionsnetz „Rete Studenti e Lu.Me (Laboratorio universitario MEtropolitano), das auch ein Video des Einsatzes ins Netz stellte. Bereits vor einigen Tagen hatte die Bewegung der „Sentinelli di Milano“, die sich als „laici e antifascisti“ bezeichnen, in einem Brief Mailands Bürgermeister aufgefordert, das Denkmal für den Journalisten zu entfernen, weil Montanelli während des Abessinienkrieges 1936 „ein zwölfjähriges, eritreisches Mädchen gekauft“ und geheiratet habe, um ihm „als Sexsklavin zu dienen“. Im vergangenen Jahr hatte eine feministische Gruppe mit ähnlicher Begründung das Denkmal am 8. März mit rosa Farbe bespritzt.

DESTA’ UND DAS MADAMATO