Kriminalität


100 Jahre Leonardo Sciascia (3): Ein unangemeldeter Besuch beim Schriftsteller in der Contrada Noce – Fragmente eines Gesprächs anderthalb Jahre vor seinem Tod Mailand – Es war ein warmer Tag Ende April 1988. Allein unterwegs mit dem Auto in Sizilien, an diesem Tag von Gela nach Agrigent. Irgendwann kam die Idee, in Racalmuto, im Geburtsort von Leonardo Sciascia, Halt zu machen. Wir hatten uns zuvor ein paar Mal gesprochen, fünf Jahre zuvor etwa in Rom am Ende seiner Zeit als Abgeordneter für den Partito Radicale, oder später bei einer Veranstaltung und zu einem Essen in Taormina zusammen mit Gesualdo Bufalino. Ob Sciascia überhaupt in seinem Landhaus war? Eine Telefonnummer gab es nicht. Freundlich gaben Bewohner Auskunft, der Weg durch die Contrada Noce zum hinter Mandelbäumen versteckten Haus war trotzdem nicht leicht zu finden. Es war bereits später Nachmittag. Ein Überfall, entschuldigen Sie bitte. – „Haben Sie bis morgen Zeit? Dann kommen Sie morgen Nachmittag wieder.“ – Auch wenn Feiertag ist? – „Auch wenn Feiertag ist.“

EIN AUF STRASSEN WANDERNDER SPIEGEL


100 Jahre Leonardo Sciascia (1): der Staat, die Politik, die Parteien, der Fall Moro – ein bislang unveröffentlichtes Interview aus dem Jahr 1983 Mailand –Der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia (1921 – 1989) engagierte sich zwei mal aktiv politisch. 1975 ließ er sich als unabhängiger Kandidat auf der Liste der Kommunistischen Partei in den Stadtrat von Palermo wählen, trat aber anderthalb Jahre später aus Protest gegen den Kurs vom „historischen Kompromiss“ und wegen Auseinandersetzungen um die innerparteiliche Demokratie der sizilianischen KP zurück. Nach der Veröffentlichung seines Buches L’affaire Moro (dt: „Die Affäre Moro“) wurde er bei den Parlamentswahlen 1979 über die Liste das Partito Radicale in die Abgeordnetenkammer gewählt.  Er war Mitglied  in dem Untersuchungsausschuss zur Moro-Entführung, ebenso  in dem Antimafia-Ausschuss. Bei den Neuwahlen Ende Juni 1983 kandidierte er nicht wieder. Kurz vor den Wahlen gab es Gelegenheit zu einem Gespräch, das hier zum ersten Mal veröffentlicht wird.

DIE MÜDE DEMOKRATIE



Palermo, Ende Oktober – Die Via Immacolatella schlängelt sich kaum einhundert Meter lang durch das Altstadtviertel Kalsa. Ein paar Schritte von der Basilica di San Francesco entfernt liegt das Oratorio di San Lorenzo, das barocke Gebetshaus des Franziskanerklosters von Palermo. Eine überreiche weiße Stuckverzierung schmückt die Wände mit Szenen aus den Leben der Heiligen Laurentius und Franziskus. Kleine freistehende Figuren dieser anmutigen theatralischen Szenografien wurden jedoch von Dieben herausgebrochen oder Opfer vandalischen Treibens. Noch schlimmer ging es dem Altarbild, einer Darstellung der Geburt Christi mit den beiden hier verehrten Heiligen, gemalt von Caravaggio in Palermo 1609. Vor 50 Jahren, Mitte Oktober 1989, wurde die rund 3 mal 2 Meter große Leinwand von Dieben sauber aus ihrer Holzverschalung geschnitten. Seitdem ist die „Natività“ von Caravaggio nicht wieder aufgetaucht und gehört zu den zehn meist gesuchten Kunstwerken auf der Welt.  

In Palermo


Franco Maresco spielt in seinem in Venedig preisgekrönten Film über den „Bauch“ von Palermo mit Dokumentation und Fiktion Milano (Cinema Anteo) – Was ist von den Helden geblieben und für wen sind sie überhaupt Helden? 25 Jahre nach den Mafia-Morden an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino untersucht der Filmmacher Franco Maresco die Stimmung in den Unterschichten von Palermo. Und entwirft, indem er Dokumentation und Satire mischt, ein grotesk-trübes Bild von „oben“ verordneten Erinnerungsriten und der Trostlosigkeit der Da-unten im „Bauch“ der sizilianischen Regionalhauptstadt. Als Leitfiguren dienen ihm die Fotografin Letizia Battaglia – eine Veteranin auch der Antimafiabewegung – und der Impressario Ciccio Mira, der für eine Truppe von „neumelodischen“ Künstlern Auftritte bei Stadtteilfesten und in einem lokalen TV-Sender organisiert.

im Kino: La mafia non è più quella di una ...



Die italienische Justiz erhebt Anklage gegen Kurator und Ausstellungsmacher einer Modigliani-Schau in Genua Mailand/Genua – Was macht ein Kunstwerk zur Fälschung? Die (willentlich) falsche Zuschreibung als Originalwerk eines Künstlers. Der Kunstmarkt ist voll solcher Werke, die aus dunklen Quellen überraschend auftauchen und denen auf der Suche nach Gewinn ein falsches Mäntelchen umgehängt wird. Man bemüht einen Fachmann für eine Expertise, bringt die Ware auf einer Ausstellung unter, wo sie auch im Katalog erscheint, der in weiteren Veröffentlichungen zitiert werden kann. So kann das Werk bei einer Versteigerung/einem Verkauf eine guten Preis erzielen, der nach folgenden Ausstellungen, neuen Veröffentlichung und Expertisen beim Weiterverkauf noch übertroffen wird – die Spirale ist nach oben offen. Die italienische Justiz ist jetzt dabei, diesen Kreislauf im Fall von Amedeo Modigliani (Livorno 1884 – Paris 1920) zu durchbrechen.

EIN FALL VON BETRUG?