Landschaft


Venedig Anfang April – Aufatmen, Luftholen, Frühling nach dem langen Winter der Pandemie. Auch wenn die Lagunenstadt kulturell weiterhin im Dornröschenschlaf vor sich hindämmert und viele Einrichtungen zu Ostern geschlossen sind. Die Natur ist dagegen aufgewacht in einem neuen alten Garten: in den Giardini Reali, die im Rücken der Procuratie Nuove sich längs der Uferbefestigung beim Anleger S.Marco erstrecken. Ein Garten, den Touristen meist (noch) übersehen, weil sie es eilig haben, auf den Markusplatz zu kommen, statt in diese Oase der Ruhe einzutauchen. Narzissen und Tulpen blühen unter Feigenbäumen, Glyzinien leuchten an einer alten Pergola, bedächtig schwanken Bambusblätter. Steineichen werfen Schatten, Bitterorangen glänzen unter blauem Himmel und eine immergrüne Lorbeerhecke schützt wie ein natürlicher Deich vor der Lagune und dem – in covidfreien Zeiten hektischen – Treiben am Uferweg.

In Venedig


Wundervoll erzählt, berührend zu lesen: Der Roman „Ein Tag wird kommen“, in dem Giulia Caminito von einer Bruderliebe in der bäuerlichen Landschaft der Marken vor 100 Jahren zur Zeit von Krieg und Krankheit erzählt. Mailand – Unter den Romanen und Erzählungen, die in diesem schrägen Herbst und Winter in deutscher Übersetzung aus dem Italienischen erschienen sind, ist das vielleicht der schönste: Ein Tag wird kommen von Giulia Caminito (Verlag Klaus Wagenbach). Er führt uns in die Anfangsjahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts und in die von Hunger und Ausbeutung geprägte bäuerliche Landschaft der Marken, wo Tragödien zum Alltag gehören. Und zu Träumen einer anderen, besseren Welt, die mal aufs Leben und mal auf die Zeit nach dem Leben gerichtet sind. Hauptfiguren sind zwei ungleiche Brüder aus dem Dorf Serra de’ Conti: Der eine, Lupo, mutig und kraftvoll, der andere, Nicola, schwach und „weich wie Brotkrume“. Und während der eine den anderen stützt, gibt ihm der andere Sinn.

EINE ANDERE WELT



Es ist berührend, beim Sterben eines Baumes dabei zu sein. Im Kreislauf des sich erneuernden Lebens der Natur. Auch in der Stadt. Mailand – In den Giardini Pubblici stand eine mächtige Eiche, zehn Meter hoch mit einem Stammumfang von fast fünf Metern, einer der ältesten Bäume des 1780 in Mailand angelegten Stadtparks. Eine Quercus rubra (Roteiche), die ursprünglich aus Nordamerika stammt und mit dem 18. Jahrhundert auch in Europa angesiedelt wurde. Pilze und Ungeziefer hatten ihren Rumpf befallen und Krankheiten die Kräfte ihre Äste geschwächt. Gegen Ende konnte sie nur noch von Eisenträgern gehalten aufrecht stehen. Im Oktober 2019 brach sie, von Vandalismus zusätzlich geschwächt, bei einem Herbststurm zusammen. Sie hatte am Rand einer teils offen liegenden, teils von Bäumen umgebenden Wiese nicht weit vom östlichen Zugang des Parks bei der Porta Venezia entfernt gestanden. Man nannte sie La quercia di Montale – „Die Eiche von Montale“.

DIE EICHE VON MONTALE


Eine Ausstellung in Nuoro untersucht die kulturellen Beziehungen zwischen Sardinien und dem Piemont, nachdem die Insel vor 300 Jahren an des Turiner Herzogtum angegliedert wurde. Nuoro – Sardinien und Piemont verbindet eine 300jährige Geschichte. Im Jahr 1720 war das damalige Königreich Sardinien den Verträgen von London und Den Haag nach dem Herzogtum Savoyen zugesprochen worden – und hatte damit den Herzog in Turin zu einem König gemacht. Die neuen Herren kümmerte sich jedoch – abgesehen von den Jahren ihres Exils in Cagliari während der napoleonischen Dominanz in Italien – wenig um die Insel. Noch heute werden die Savoyer dort in vielen Veröffentlichungen verächtlich als „Kolonialherrscher“ bezeichnet. Die Ausstellung in Nuoro Il regno segreto. Sardegna-Piemonte: una visione postcoloniale versucht dagegen die Beziehungen, den Austausch und das gegenseitige Durchdringen im kulturellen Bereich mit persönlichen Erfahrungen, Objekten und Ideen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zu beschreiben.

EDINAS GESCHICHTE



Jürgen Hosemann hat mit „Das Meer am 31. August“ eine wundervolle Erzählung über die Langsamkeit und das Warten auf Veränderungen geschrieben Mailand/Grado – Das ist wie Urlaub vom Urlaub. Fast 24 Stunden verbringt der Ich-Erzähler am Meer, lässt die Familie hinter sich. Zwischen dem Morgenlicht, das flackert, „als könnte es jederzeit wieder ausgehen“, bis zur Nacht, als es so dunkel ist, „dass die Erinnerung das Einzige ist, was man sieht.“ Der Erzähler kann spüren, „wie der Tag durch mich hindurch zieht.“ Er beobachtet sich, indem er anderen zusieht. Indem er auf Veränderungen wartet. Im Licht. Im Wind. Im Meer. Indem er vieles notiert, um all das Unaufgeregte nicht zu vergessen. Eine Schwimmerin mit roter Badekappe. Ein Liebespaar auf den Felsen des Wellenbrechers. Einsiedlerkrebse im Priel. Schiffe auf dem Wasser. Und: „15 Uhr 35. Nichts.“

DIE ZEIT IST WEG