Literatur


Paolo Rumiz macht sich in seinem Buch „Der unendliche Faden“ auf die Reise zu den Benediktinern, den Erbauern Europas Mailand/Venedig – Paolo Rumiz, der aus Triest stammt, ist Italiens bekanntester Reiseschriftsteller. Zuletzt hatte er von einem Fußmarsch auf  der Via Appia von Rom bis Brindisi erzählt. In seinen Büchern, zum Beispiel über einen monatelangen Aufenthalt auf einer einsamen Leuchtturminsel im Mittelmeer, mischt er Beobachtungen und Reflexionen, erfreut sich an Schönheiten und klagt Missstände an. Europa, so seine wachsende Sorge, droht der Verlust der mühsam erworbenen Einheit durch die Wiedererweckung längst überwunden geglaubter nationaler Vorurteile. Fremdenhass und Abschottung würden die Solidarität innerhalb der EU untergraben. So hat sich der inzwischen 74jährige Rumiz mal wieder auf den Weg gemacht, diesmal um die Spur der Benediktiner aufzunehmen.

ÜBER ALLE GRÄBEN HINWEG


Briefe aus der Quarantäne (8): Blühende Bäume, schreckliche Vorstellungen und Botschaften aus der Reformationszeit Mailand (30. März) – Montag, der dreiundzwanzigste Tag im Ausnahmezustand. Sonnenschein wechselt mit Regen, der Frühling hat begonnen. Morgen, Dienstag, sollen die Temperaturen wieder sinken, es könnte sogar schneien. Der April und das Aprilwetter stehen vor der Tür. Die Grasflächen unter den blühenden Bäumen bei der Porta Venezia, die man auf dem Weg zum Supermarkt passiert, wurden diese Woche geschnitten und gesäubert. Es tut gut zu sehen, dass die Stadt sich auch in der Krise pflegt und auf ihr grünes Kleid hält. Dabei hätte sie allen Anlass, Trauer zu tragen.

WEDER DUMMKÜHN NOCH FRECH



Ein Führer durch die neuere sizilianische Literaturgeschichte von Maike Albath, die Neuübersetzung von Giuseppe Tomasis Roman „Der Leopard“ durch Burkhart Kroeber und ein Lesemarathon der Vereinigung Deutsch-Italienischer Kulturgesellschaften Mailand/München – Italien ist ein regional geprägtes Land, ein Flickenteppich vieler kultureller Einflüsse und lokaler Eigenarten. Das gilt für die Küche wie für die Literatur. Kaum eine Region des Landes hat im vergangenen Jahrhundert eine so reiche Literaturszene hervorgebracht wie Sizilien. Maike Albath hat ihr unter dem Titel Trauer und Licht ein facettenreiches  Buch gewidmet, das man mit Gewinn liest. Der größte Teil ist Giuseppe Tomasi di Lampedusa und seinem Roman Il Gattopardo („Der Leopard“) gewidmet. Einen „Jahrhundertroman“ nennt ihn Burkhart Kroeber, der ihn gerade neu übersetzt hat –  und dafür vielfach gelobt wird (unter anderem hier von Maike Albath). „Der Leopard“ stand jetzt auch im Mittelpunkt eines Lesemarathons der Vereinigung Deutsch-Italienischer Kulturgesellschaften.  Texte aus dem Roman wirden bei gleichzeitigen Veranstaltungen von rund 30 Mitgliedergesellschaften in ganz Deutschland gelesen.

MIT ANGELICA TANZEN


Claudia Klingenschmid entwirft in „Parasit ToGo“ einen kleinen, bitterbösen Schelmenroman der Gegenwart Mailand – Das ist die Geschichte eines Parasiten, eines Toxoplasma gondii. Mit diesem Urtierchen, so kann man im Lexikon lesen, seien mindestens 50 Prozent der Weltbevölkerung in Kontakt gekommen. In der Regel merken aber die mit Gegenkörpern ausgestatteten Wirte nichts vom krankhaften Treiben ihrer Gäste. Claudia Klingenschmid hat sich nun in ihrem kleinen Roman Parasit ToGo mit viel schwarzem Humor solch ein Protozoon als Erzählperspektive gewählt, um zu zeigen, wie es heutzutage um die Welt und um die Menschen bestellt ist. Untertitel: „Die geheimen Wirtschaften eines Urtierchens“.

SIMPLICISSIMUS IM BIOGEWAND



Gianrico Carofiglio, bislang vor allem als Krimiautor wahrgenommen, ist mit „Drei Uhr morgens“ ein kleiner Entwicklungsroman gelungen Mailand/Bari – Der jugendliche Antonio leidet an Epilepsie. Am Ende einer erfolgreichen Therapie nach Vorgaben eines französischer Spezialisten fährt er zusammen mit seinem Vater zur Abschlussuntersuchung nach Marseille. Vater und Sohn erwarten eine Routineuntersuchung, doch der Neurologe will seinen Patienten einer letzten, schockartigen Prüfung unterziehen. Alle Medikamente werden abgesetzt und der junge Mann soll zwei Tage und zwei Nachte verbringen, ohne zu schlafen. Nach dieser Stressphase könne man, so der Arzt, endgültig feststellen, ob Antonio geheilt sei oder nicht. Das ist die Ausgangsposition des kleinen Romans Le tre del mattino (Einaudi 2016) von Gianrico Carofiglio, der jetzt unter dem Titel „Drei Uhr morgens“ in der Übersetzung von Verena von Koskull bei Folio (Bozen/Wien) auf Deutsch erschienen ist.

ZWEI TAGE UND NÄCHTE