Literatur


Von Ausstellungen bis zu Büchern – das Land feiert den Dichterfürsten Dante Alighieri 700 Jahre nach seinem Tod mit einem vollgestopften Programm, das aber wegen der Covid-Pandemie nur etwas mühsam anrollt –  ein Überblick (und ein deutsch-italienischer Streit) Mailand – Vor 700 Jahren, in der Nacht vom 13. auf den 14. September 1321, starb der 56jährige Dante Alighieri in Ravenna vermutlich an den Folgen einer Malaria. Dutzende von Ausstellungen, Aufführungen, Lesungen, Tagungen und weiteren Veranstaltungen sowie Veröffentlichungen stehen in diesem Jahr im Zeichen des Gedenktages. Hinzu kommt der Dantedì, der jährliche Dantetag, den das Kulturministerium für den 25. März eingerichtet hat, der jetzt zum zweiten Mal gefeiert wird. „Vater der italienischen Identität“ nennt der Corriere della Sera den „sommo poeta“. Und die Zeitschrift Giornale dell’Arte widmet einem Artikel über den Veranstaltungsreigen zum 700. Todestag die Schlagzeile: „L’iDantità italiana“.

ITALIEN UND DIE „IDANTITÄT“


Enttäuschend: der Ehe-Roman „Treue“ von Marco Missiroli an der Grenze zum Kitsch, die er manchmal überschreitet Mailand – Margherita und Carlo leben in Mailand. Sie sah sich als Architektin und leitet jetzt als Immobilienmaklerin eine kleine Agentur. Er hält sich für einen Schriftsteller, muss jedoch sein Geld als Dozent für kreatives Schreiben verdienen. Auch wenn beide Mittdreißiger ihre beruflichen Träume nicht erfüllt sehen, führen sie eigentlich eine gelungene Ehe, fühlen sich jeweils vom anderen auch erotisch angezogen. Wenn nur dieser Verdacht nicht wäre: gab es bei ihm einen Seitensprung mit einer Studentin? Und was spürt sie, wenn sie bei einer Therapiesitzung von dem jungen Physiotherapeuten berührt wird? Es geht in dem Roman von Marco Missiroli, wie es der Titel auf den Punkt bringt, um Treue, um Emotionen, um Sehnsüchte. Kein leichtes Gelände, das bereits von unzähligen Unterhaltungsromanen bearbeitet worden ist. Und, um es gleich zu sagen, der Autor verliert sich auf ihm.

AUF LEBLOSER FOLIE



Mehr als ein Kriminalroman: „Ciros Versteck“ von Roberto Andò zwischen Roadmovie und Kammerspiel im Folio Verlag Mailand/Neapel – Das ist ein spannender Roman, in dem sich Lebensstränge durch einen Zufall verknoten und einen dramatischen Verlauf nehmen. Der Musikprofessor Gabriele Santoro, der am Konservatorium von Neapel unterrichtet, lebt ohne weiteren Kontakt zu den Mitbewohnern in einem Haus mitten in der Stadt. Kultur – die Musik, die Poesie, allen voran die Gedichte des griechischen Lyrikers Konstantinos Kavafis, die er laut bei der Morgentoilette rezitiert – ist ihm alles. Die Welt außerhalb seiner Wohnung bleibt ihm fremd. Eines Tages sieht er sich dem Sohn einer Nachbarfamilie gegenüber. Ein Kind noch, wenig mehr als zehn Jahre alt, und doch schon in die Kleinkriminalität des Viertels verstrickt. Ciro, so heißt der Junge, bittet den Professor, ihn zu verstecken. Und der, ohne nach einem Grund zu fragen, nimmt ihn auf.

DIE UNERTRÄGLICHKEIT DES REALEN


Valeria Parrella erzählt in ihrem beeindruckenden kleinen Roman „Versprechen kann ich nichts“ von Almarina, einer jugendlichen Strafgefangenen in Neapel, und ihrer Lehrerin Elisabetta, die ihr eine Zukunft schenken möchte Mailand/Neapel – Das ist die Geschichte einer Liebe zwischen einer 50jährigen Frau und einem 16jährigen Mädchen. Eine, wenn man so will, Mutter-und-Tochter-Beziehung, die immer auch eine Beziehung zwischen zwei Frauen ist. Die kinderlose Ich-Erzählerin Elisabetta, die nur schwer den plötzlichen Tod ihres Ehepartners überwindet, lebt in Neapel und unterrichtet Mathematik in einem Jugendgefängnis, das auf der kleinen Insel Nisida  unterhalb von Posillipo liegt, die mit dem Festland über einen Damm verbunden ist. Eines Tages sitzt eine Neue in der Klasse, Almarina, die mit ihrem kleinen Bruder aus Rumänien floh, wo sie von ihrem Vater vergewaltigt und misshandelt worden war.

DAS SPERRIGE LEBEN



100 Jahre Leonardo Sciascia (3): Ein unangemeldeter Besuch beim Schriftsteller in der Contrada Noce – Fragmente eines Gesprächs anderthalb Jahre vor seinem Tod Mailand – Es war ein warmer Tag Ende April 1988. Allein unterwegs mit dem Auto in Sizilien, an diesem Tag von Gela nach Agrigent. Irgendwann kam die Idee, in Racalmuto, im Geburtsort von Leonardo Sciascia, Halt zu machen. Wir hatten uns zuvor ein paar Mal gesprochen, fünf Jahre zuvor etwa in Rom am Ende seiner Zeit als Abgeordneter für den Partito Radicale, oder später bei einer Veranstaltung und zu einem Essen in Taormina zusammen mit Gesualdo Bufalino. Ob Sciascia überhaupt in seinem Landhaus war? Eine Telefonnummer gab es nicht. Freundlich gaben Bewohner Auskunft, der Weg durch die Contrada Noce zum hinter Mandelbäumen versteckten Haus war trotzdem nicht leicht zu finden. Es war bereits später Nachmittag. Ein Überfall, entschuldigen Sie bitte. – „Haben Sie bis morgen Zeit? Dann kommen Sie morgen Nachmittag wieder.“ – Auch wenn Feiertag ist? – „Auch wenn Feiertag ist.“

EIN AUF STRASSEN WANDERNDER SPIEGEL