Sardinien


Cagliari Anfang August – Strahlend kreist ein Riesenrad abends hinter Palmen an der Hafenfront der sardischen Regionalhauptstadt. Das „City-eye“, das aus Salerno stammt – deshalb das große „S“ im Zentrum –, erreicht eine Höhe von 45 Metern. Vor genau einem Jahr wurde es aufgestellt und spaltete sogleich die öffentliche Meinung in zwei Lager. Für die einen ein Schandfleck vor dem  Meerespanorama, für die anderen ein neuer touristischer Anziehungspunkt. Sechs Monate sollte es sich drehen (Eintritt 10 Euro pro Kopf), doch bald stand es im Lockdown still, wurde im März diesen Jahres wieder geöffnet, nach einem weitern Lockdown erneut geschlossen, dann abermals eröffnet. Und wird Cagliari wohl noch diesen heißen Sommer lang begleiten.

In Cagliari


Salvatore Mereu hat den Roman von Giulio Angioni mit Gavino Ledda in der Hauptrolle (fast) getreu verfilmt Mailand (Cinema Arcobaleno) – Es geht um die Verwertung von Traditionen im Wirtschaftstreiben der Gegenwart. Und um schnelle Befriedigung der Sehnsucht nach dem Ursprünglichen durch Folklore. Auf Sardinien lässt sich der alte Hirte Costantino von seinem Sohn und seiner deutschen Schwiegertochter überreden, gemeinsam einen Agritourismus-Betrieb in seinem ehemaligen Schafsstall einzurichten. Besucher besonders aus Nordeuropa sollen „echtes“ Hirtenleben von einst „sinnlich“ erleben. Im Film „Assandira“, der gerade auf der Biennale außerhalb des Wettbewerbs gezeigt wurde, gerät Costantino, der typische Speisen kochen und in alten Trachten die Touristen unterhalten soll, in Konflikt zu den Werten seiner Vergangenheit.

im Kino: Assandira



Eine Ausstellung in Nuoro untersucht die kulturellen Beziehungen zwischen Sardinien und dem Piemont, nachdem die Insel vor 300 Jahren an des Turiner Herzogtum angegliedert wurde. Nuoro – Sardinien und Piemont verbindet eine 300jährige Geschichte. Im Jahr 1720 war das damalige Königreich Sardinien den Verträgen von London und Den Haag nach dem Herzogtum Savoyen zugesprochen worden – und hatte damit den Herzog in Turin zu einem König gemacht. Die neuen Herren kümmerte sich jedoch – abgesehen von den Jahren ihres Exils in Cagliari während der napoleonischen Dominanz in Italien – wenig um die Insel. Noch heute werden die Savoyer dort in vielen Veröffentlichungen verächtlich als „Kolonialherrscher“ bezeichnet. Die Ausstellung in Nuoro Il regno segreto. Sardegna-Piemonte: una visione postcoloniale versucht dagegen die Beziehungen, den Austausch und das gegenseitige Durchdringen im kulturellen Bereich mit persönlichen Erfahrungen, Objekten und Ideen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zu beschreiben.

EDINAS GESCHICHTE


Nuoro Ende Juli – Verlassen liegt unter heißer Vormitagssonne die Piazza Satta mit Skulpturblöcken des Bildhauers Costantino Nivola. Erst langsam öffnet sich die alte Stadt Nuoro (35.000 Einwohner) im Herzen Sardiniens nach dem Lockdown wieder dem kulturellen Leben. Museen wie das MAN (mit der aktuellen Ausstellung „Il regno segreto“ über die Beziehungen zwischen der Insel und dem Piemont) sind wieder zugänglich. In der gut sortierten Buchhandlung „Novecento“ in der Via Manzoni kann man nach Neuerungen der sardischen Literaturszene stöbern. Und zum Beispiel die Autorin Graziella Monni, die in Nuoro lebt, und ihren Roman „Gli amici di Emilio“ (Mondadori Editore) über den sardischen Politiker und Intellektuellen Emilio Lussu entdecken. Eine 400 Kilo schwere Bronzestatue von Grazia Deledda (Literaturnobelpreis 1926) wurde gerade am Monte Ortobene aufgestellt. Ganz traditionell hat sie Pietro Longu in lokaler Tracht gestaltet ( – hier ein Video der Einweihung). Da hätte man sich auch etwas mehr Gegenwartskunst trauen dürfen.

In Nuoro



Gesundheit, Umwelt, Ökonomie: Mit dem Tod von Giorgio Todde ist eine kritische Stimme Sardiniens verstummt Milano/Cagliari – Giorgio Todde ist tot. Der Augenarzt, Schriftsteller und engagierte Ambientalist starb am 29. Juli 2020 im Alter von 68 Jahren in Cagliari an einem Krebsleiden. Mit seinen Kriminalromanen um den Arzt und Einbalsamierer Efisio Marini  vom Ende des 19. Jahrhunderts gelang es ihm, dem Sardinien von heute ein historisch-humanes Fundament zu geben. In vielen Sprachen übersetzt – auf Deutsch im Piper Verlag etwa „Die toten Fischer von Cagliari“ (2011) – spiegelten seine Romane (Krimis und anderes) den internationalen Erfolg der „Nouvelle vague“ der sardischen Literatur wider. Zusammen mit Giulio Angioni und Marcello Fois gründete er das lokal verwurzelte aber global orientierte Literaturfestival von Gavoi. Zuletzt war der Roman „Il mantello del fuggitivo„ (Il Maestrale. Nuoro 2019) erschienen.

LITERATUR UND LANDSCHAFT