Sardinien


Der Spazio Ilisso in Nuoro zeigt Arbeiten der deutschen Fotografin Marianne Sin-Pfältzer über das Leben auf Sardinien zwischen Tradition und Wandel  Nuoro (Spazio Ilisso bis 30.April)- Marianne Sin-Pfältzer, 1926 in Hanau geboren, kam 1955 zum ersten Mal nach Sardinien – und fand auf der Insel ihren Lebensmittelpunkt. Sie starb in Nuoro 2015. In ihren Fotos, die jetzt im Spazio Ilisso (Nuoro) präsentiert werden, zeigt sich die „Wucht der Gegensätze zwischen Tradition und Wandel“, wie es einmal der Schriftsteller und Anthropologe Giulio Angioni (1939 – 2017) formuliert hat. Die Arbeiten von Marianne Sin-Pfältzer (s/w wie color) spiegeln das Leben auf Sardinien bis in die 1970er Jahre wieder. In abgelegenen Dörfern oder einsamen Landstrichen, an der Küste oder in Städten wie Cagliari, bei der Arbeit oder bei Feierlichkeiten. Und immer kann man Menschen in die Augen schauen.

Heimkehr ins Dorf von gestern


Der bedeutende sardische Erzähler und Intellektuelle Salvatore Mannuzzu ist im Alter von 89 Jahren in seiner Heimatstadt Sassari gestorben Mailand/Sassari – Salvatore Mannuzzu kam 1930 in der Toskana als Sohn einer sardischen Familie auf die Welt. Von 1955 bis 1976 war er Richter auf Sardinien in Bosa und Sassari, danach bis 1987 Abgeordneter im römischen Parlament ( als Unabhängiger gewählt auf der Liste der Kommunistischen Partei). Als Schriftsteller setzte er sich in Erzählungen und Romanen wie Procedura (Einaudi 1988) – ausgezeichnet mit dem Premio Viareggio) – Un morso di formica (Einaudi 1989) oder Alice (Einaudi 2001) mit seiner sardischen Heimat auseinander. Der Intellektuelle und Autor auch von Essays über Politik, Rechtswissenschaft und Kultur gilt als eine Art Vaterfigur für die jüngere Literaturszene der Insel. Salvatore Mannuzzu ist jetzt am 10. September in seiner Heimatstadt Sassari gestorben.

DIE SCHMERZEN DER IDENTITÄT



Zwei Ausstellungen über Maria Lai zum 100. Geburtstag der sardischen Künstlerin in Rom und in Ulassai Ulassai/Rom – Kunst sei, Dinge miteinander zu verbinden, in Beziehung zu setzen, ohne ihnen ihre Eigenart zu nehmen. Das war das Credo der Künstlerin Maria Lai, die 1919 in Ulassai, einem Dorf auf Sardinen geboren wurde. Ausstellungen zu ihrem 100. Geburtstag zeigen das römische Museum MAXXI und die Stazione dell’Arte, der „Kunstbahnhof“ von Ulassai. Maria Lai starb 2013 im Alter von 93 Jahren. Posthum wurde ihr Werk auf der documenta 14 und der Kunstbiennale Venedig gewürdigt.

SEIN HEISST WEBEN


Bosa, zum Jahreswechsel. Als Weihnachten gegangen war, fiel der Mistral über Sardinien her. Stürmische Böen rissen Palmenwedel auf die Straßen, meterhohe Wellen rollten weiß aufschäumend an die Uferpromenade von Bosa Marina und die Menschen verkrochen sich in ihren Häusern. Nach drei Tagen, rechtzeitig zum Jahreswechsel ließ der Wind nach, die Sonne kämpfte sich durch Wolkenlücken und ging rotgold glänzend hinter der Torre Rossa an der Mündung des Temo-Flusses im wieder ruhiger atmenden Meer unter. Zu Silvester zeigte sich dann die Macchia in frischem Grün und mit gelben und violetten Blüten vorfrühlingshaft durchsetzt. Auf der Dachterrasse in der Altstadt von Bosa entkorkte man zum Mittagsimbiss unter freiem Himmel eine Flasche Monica.

In Bosa



Zur Erinnerung an den Anthropologen und Schriftsteller Giulio Angioni Mailand/ Cagliari – Die Beschäftigung mit sich selbst ist für eine Gesellschaft, die auf einer Insel lebt, eigentlich selbstverständlich. In Sardinien kommt ein Bruch mit der eigenen Geschichte hinzu, einer Geschichte, die sich tausend, zweitausend Jahre nicht, oder nur wenig bewegt hatte. Der Anthropologe und Schriftsteller Giulio Angioni, der 1939 in Guasila (Provinz Cagliari) auf die Welt kam, erzählt, er habe noch eine Jugend erlebt, „die näher an der Jugendzeit vor tausend oder zweitausend Jahren war als an der von heute.“ Mit diesem Bruch zwischen Geschichte und Gegenwart muss sich jeder Schriftsteller auf Sardinien auseinandersetzen, wie Angioni auch in einem brillanten Essay schreibt, der dem Fotobuch von Marianne Sin-Pfältzer: Sardinien. Menschliche Landschaften (Ilisso Edizioni, Nuoro 2015) vorangestellt ist.

DAS SCHWEIGEN BEWAHREN