Sizilien


100 Jahre Leonardo Sciascia (3): Ein unangemeldeter Besuch beim Schriftsteller in der Contrada Noce – Fragmente eines Gesprächs anderthalb Jahre vor seinem Tod Mailand – Es war ein warmer Tag Ende April 1988. Allein unterwegs mit dem Auto in Sizilien, an diesem Tag von Gela nach Agrigent. Irgendwann kam die Idee, in Racalmuto, im Geburtsort von Leonardo Sciascia, Halt zu machen. Wir hatten uns zuvor ein paar Mal gesprochen, fünf Jahre zuvor etwa in Rom am Ende seiner Zeit als Abgeordneter für den Partito Radicale, oder später bei einer Veranstaltung und zu einem Essen in Taormina zusammen mit Gesualdo Bufalino. Ob Sciascia überhaupt in seinem Landhaus war? Eine Telefonnummer gab es nicht. Freundlich gaben Bewohner Auskunft, der Weg durch die Contrada Noce zum hinter Mandelbäumen versteckten Haus war trotzdem nicht leicht zu finden. Es war bereits später Nachmittag. Ein Überfall, entschuldigen Sie bitte. – „Haben Sie bis morgen Zeit? Dann kommen Sie morgen Nachmittag wieder.“ – Auch wenn Feiertag ist? – „Auch wenn Feiertag ist.“

EIN AUF STRASSEN WANDERNDER SPIEGEL


100 Jahre Leonardo Sciascia (2): Die essayartige Erzählung „Tod des Inquisitors“ endlich auf Deutsch in dem Band „Ein Sizilianer von festen Prinzipien“ Mailand – Das ist ein wohl komponiertes Buch, das zum 100. Geburtstag von Leonardo Sciascia zwei seiner bislang noch nicht ins Deutsche übersetzten Texte mit einem hintergründigen Porträt Sciascias von der Literaturkritikerin Maike Albath sowie einer Anmerkung von Santo Piazzese, Schriftsteller von Kriminalromanen aus Palermo, verbindet. Im Zentrum steht der Text Morte dell’inquisitore („Tod des Inquisitors“) aus dem Jahr 1964/67. In ihm erzählt Sciascia eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert, die Geschichte vom Leben und Sterben des Augustinermönchs Diego La Matina, der wie Sciascia aus dem kleinen Ort Racalmuto bei Agrigent stammte.

»DAS MIR TEUERSTE VON ALLEM, WAS ICH GESCHRIEBEN HABE»



100 Jahre Leonardo Sciascia (1): der Staat, die Politik, die Parteien, der Fall Moro – ein bislang unveröffentlichtes Interview aus dem Jahr 1983 Mailand –Der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia (1921 – 1989) engagierte sich zwei mal aktiv politisch. 1975 ließ er sich als unabhängiger Kandidat auf der Liste der Kommunistischen Partei in den Stadtrat von Palermo wählen, trat aber anderthalb Jahre später aus Protest gegen den Kurs vom „historischen Kompromiss“ und wegen Auseinandersetzungen um die innerparteiliche Demokratie der sizilianischen KP zurück. Nach der Veröffentlichung seines Buches L’affaire Moro (dt: „Die Affäre Moro“) wurde er bei den Parlamentswahlen 1979 über die Liste das Partito Radicale in die Abgeordnetenkammer gewählt.  Er war Mitglied  in dem Untersuchungsausschuss zur Moro-Entführung, ebenso  in dem Antimafia-Ausschuss. Bei den Neuwahlen Ende Juni 1983 kandidierte er nicht wieder. Kurz vor den Wahlen gab es Gelegenheit zu einem Gespräch, das hier zum ersten Mal veröffentlicht wird.

DIE MÜDE DEMOKRATIE


Der Roman „Der kunstfertige Fälscher“ von Maria Attanasio erzählt von einem Leben auf Sizilien (und in der Welt), das in wohltätiger Selbstjustiz seine Erfüllung findet Mailand – Das ist wirklich ein „kurioser Fall“, wie es im Untertitel dieser höchst lesenswerten Geschichte von Maria Attanasio heißt. Die Autorin erzählt von Paolo Ciulla (1867 – 1931), einem Künstler und Fotografen aus ihrer sizilianischen Heimatstadt Caltagirone, der nach einem abenteuerlichen Leben zwischen Neapel, Paris, Buenos Aires schließlich in Catania zum Geldfälscher wurde. Aber nicht, um sich zu bereichern oder um sich in den Dienst maffiöser Gruppen zu stellen. Er war ein Einzelgänger, der aus „Hunger nach Gerechtigkeit“ zu einer ganz eigenen Art der Selbstjustiz griff, indem er Armen und Ausgebeuteten von ihm perfekt nachgemachte 500-Lire-Scheine zusteckte, die sogar die Staatsbank nicht als Fälschung erkannte.

CHRONIK EINES EINZELGÄNGERS



Massimo Montanari widmet sich mit „Spaghetti al pomodoro. Kurze Geschichte eines Mythos“ genussvoll der Kulturhistorie der Pasta Mailand – Seit wann kocht man Pasta in Wasser (Genießer nehmen Brühe)? Welche Rolle spielt der Käse? Weich oder bissig – eine Frage der Zeitläufe ebenso wie das Essen mit der Gabel? Wie kam es zur Begegnung von Pasta und Tomate? Massimo Montanari geht in seinem wundervollen kleinen Buch Spaghetti al pomodoro. Kurze Geschichte eines Mythos den Spuren eines typischen italienischen Gerichts nach. Wobei er viele, für Pastaliebhaber überraschende historische Details ausbreitet. So, dass etwa in der Renaissancezeit Pasta über eine halbe Stunde „gar“ gekocht, dann in mehreren Schichten übereinander gelegt und dazwischen geriebener Käse, Zucker und Zimt gestreut und das ganze schließlich bedeckt im Ofen oder in heißer Asche eine weitere Zeit gegart wurde. Raffaels Pasta war wie die von Machiavelli oder Vasari labberig, klebrig und süß.

LABBERIG, KLEBRIG UND SÜSS?