UNTER DIE HAUT


Barbara Frandino erzählt in ihrem Roman „Das hast du verdient“ (Folio Verlag) von der langsamen Zersetzung einer Ehe

© Foto: Cluverius

„Ich würde gerne weinen, doch mein Körper ist wie ausgetrocknet.“  (Gemälde von Xenia Hausner in der Ausstellung „True Lies“ der Wiener Albertina, Mai 2021)

Mailand – Was hält eine Beziehung zusammen, wenn die Liebe in Enttäuschung umschlägt? Wenn der Schmerz die Lust nach Rache weckt? Barbara Frandino erzählt von Claudia, 42, die als Ghostwriterin arbeitet und mit Antonio, einem bekannten TV-Moderator, zusammen lebt. Vom Fenster aus sieht Claudia, wie Antonio im Garten von der Leiter bei der Arbeit an einem Grantapfelbaum stürzt und dann bewusstlos auf dem Boden liegt. Später im Krankenhaus erfährt sie, dass ihr Mann einen Infarkt erlitten hatte, die Erstversorgung aber erst sehr spät erfolgt sei. Als der Unfall passierte, war die Beziehung zwischen den beiden, die als große Liebe begonnen hatte, bereits merklich abgekühlt. „Meine Tage lasse ich fast wortlos verstreichen“, heißt es In dieser Ich-Erzählung aus der Sicht von Claudia, die bei Folio unter dem Titel Das hast du verdient erschienen ist.

In einer Art tagebuchartigen Bericht, mit dem Claudia sich selbst schonungslos beobachtet, entsteht langsam das Bild einer Ehe, die durch Routine zermürbt und schließlich durch einen Seitensprung von Antonio zerstört wurde. Als Claudia zudem erfährt, dass die andere ein Kind erwartet, bricht der blanke Hass aus. Was wäre aus ihrem Leben geworden, wenn sie Antonio nicht kennen gelernt hätte? Am Krankenbett, bei Mediationskursen, in Gesprächen versucht sie mit ihrem schneidenden Schmerz und ihrer aufschäumenden Wut umzugehen.

© Steve Panariti/Folio Verlag

Barbara Frandino, geboren 1965. Die Turiner Schriftstellerin ist mit Alessandro Baricco verheiratet

Die Geschichte ist eigentlich alltäglich, gleichsam banal. Aber sie wird in der Innensicht von Claudia so einfach, so lakonisch, im positiven Sinne so trivial erzählt, dass man den Schmerz dieser Frau fühlen kann. Dank auch der Übersetzerin Karin Fleischanderl, die diesen Ton richtig getroffen hat. Das ist ein Roman, der unter die Haut geht. Auch weil er zugleich geschickt dramaturgisch inszeniert ist. Und hier spürt man, dass die Autorin Barbara Frandino, die mit Das hast du verdient (im Original „E’ quello che ti meriti“, Einaudi 2020) ihren ersten Roman vorlegt, als Drehbuchautorin und Produzenten für Dokumentarfilme arbeitet. Und zugleich Yoga-Kurse leitet, in denen Kinder lernen, mit ihren Emotionen umzugehen. Nach und nach erfährt man Details. Was beim Unfall wirklich passiert ist. Und wie das Leben von Claudia und Antonio schließlich weiter geht. Der Roman gipfelt in einem Akt der Befreiung, die dem Leser ebenso gut tut, wie er wohl Claudia hilft – zugleich aber das Ende offen lässt.

Barbara Frandino: Das hast du verdient. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag, Wien(Bozen, 168 Seiten, 22 Euro