WACH, OFFEN, MUTIG


Thesy Kness-Bastaroli erinnert an die Zeitzeugin und Journalistin Lili Gutmann, Enkeltochter von Eugen Gutmann, dem Gründer der Dresdner Bank, und ihrem Kampf um das von den Nazis verhökerte Familienerbe

© geni

Lili Collas-Gutmann 1919-2020

Florenz/Mailand – Sie war jüdisch geboren, wurde evangelisch getauft, hatte katholische Kinder und heiratete zum Schluss noch einmal nach dem griechisch-orthodox Ritus. Im Leben von Lili Collas-Gutmann, am 17. Juli 1919  im niederländischen Leiden geboren, überschneiden sich religiöse, kulturelle und nationale Erfahrungen und formen das Bild einer wachen, mutigen Europäerin. Bis ins hohe Alter hatte sie nie Ihren Sinn für Entschlossenheit wie Gerechtigkeit verloren – und ihre offene, einnehmende Art mit Menschen umzugehen. Im Alter von 100 Jahren ist Lili jetzt am 29. Januar in Florenz gestorben.

Die Familie jüdischer Abstammung kam aus Böhmen. In Deutschland, wo die Gutmanns zum evangelischen Glauben konvertierten, war ihr Großvater Eugen Gutmann entscheidend an der Gründung der Dresdner Bank beteiligt. In den Niederlanden stellte ihr Vater Fritz Gutmann, einstmals Filialleiter der Bank in Amsterdam, nachdem er 1933 wegen der „Arisierung“ die Dresdner  verlassen musste, ein eigenes Bankhaus in Leiden auf die Beine.  Lili Gutmann gehörte zu letzten Zeitzeuginnen, die vom Schicksal jüdischstämmigen Bankiersfamilien in den Jahren der braunen Diktatur Zeugnis geben konnten.

Von Holland nach Italien

„Es schmerzt, über das Schicksal meiner Familie zu reden, besonders über das, was meinen Eltern widerfuhr“, sagte Lili Gutmann vor ein paar Jahren im Gespräch. Jahrzehntelang habe sie daher geschwiegen, aber nun, im hohen Alter, habe sie sich doch entschlossen zu sprechen.

Mit 18 Jahren war Lili in die Toskana nach Lucca geschickt worden, wo sie Italienisch studieren sollte. Mit 19 lernte sie ihren späteren Mann, Franco Bosi, in Florenz kennen. Als Hitler-Deutschland Europa mit Krieg überzog und auch die Niederlande besetzte, wandte sie sich mehrmals über Verwandte in Rom an Mussolini, um eine Einreiseerlaubnis für ihre Eltern nach Italien zu bewirken.

Als es 1942 endlich so weit schien, wartete Lili 24 Stunden lang am Bahnhof von Florenz auf die heißersehnte Ankunft ihrer Eltern. Sie wusste damals nicht, dass auf Befehl Görings der Wagon, in dem Vater und Mutter saßen, nach Berlin abgeleitet worden war, und sie dann direkt in einen Zug nach Theresienstadt verfrachtet wurden. Erst zu Kriegsende erfuhr sie vom Schicksal ihrer Eltern.

Eine Reise in den Tod

Dies war mit der Kunstsammlung der Familie verbunden, die Großvater und Vater zusammen getragen hatten. Dazu zählten Gemälde von Botticelli, Degas, Renoir oder Canaletto. Lili erinnert sich später besonders sich an ein Kleinod aus dem 16. Jahrhundert, an eine Silberuhr, „die Orpheusuhr“. Hitler und Göring seien ganz wild auf die Gemälde gewesen, Göring auch auf die Orpheusuhr. Lilis Vater Fritz Gutmann aber verweigerte die Unterschrift unter eine „Schenkungsurkunde“. Schließlich musste er die Werke an einen Zwischenhändler verkaufen – das Geld kam aber auf ein von den Nazis kontrolliertes Sperrkonto. Fritz und seine Frau Louise Gutmann von Landau wurden dann ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Der Vater wurde dort brutal erschlagen, die Mutter in Auschwitz vergast. Lili war damals in Florenz, ihr Bruder Bernard in London. Erinnernd sagte sie: „Wäre ich in Holland geblieben, wäre ich auch umgekommen.“

Ihr Schwiegervater hatte ihr damals empfohlen, „kein Wort Deutsch zu sprechen, damit die Faschisten nicht auf mich aufmerksam wurden.“ Nach Kriegsende arbeite Lili Gutmann als Journalistin. Sie war jahrzehntelang Auslandskorrespondentin zunächst für eine niederländische Tageszeitung, dann auch für eine deutsche Textil- und Modezeitschrift. In der Mailänder Sektion der Stampa Estera, der Vereinigung der Auslandsjournalisten in Norditalien, fand sie internationalen Kontakt und Freunde. Bis zu ihrem Tod lebte sie in Florenz, wo auch ihre drei Kinder und mehrere Enkelkinder zu Hause sind.

Auf der Suche nach dem Familienschatz

In den 1990er-Jahren machte sich Lili, unterstützt durch ihren Neffen Simon, auf die Suche nach den verloren gegangenen Kunstschätzen. Ausschlaggebend war der Tod ihres Bruders Bernard, der seinen Nachnamen in Goodman veränderte hatte, im Jahr 1994. Dieser hatte stillschweigend in den vorangegangenen Jahrzehnten nach den Kunstwerken aus der Gutmann-Sammlung gesucht und zahlreiche Stücke in Museen und bei privaten Kunstsammlern entdeckt. Doch seine Bemühungen um Rückerstattung der Kunstwerke verliefen im Sand. Bernard hatte jedoch all seine Entdeckungen in einem Dossier zusammengefasst und seinen in den USA lebenden Söhnen vermacht. Die hatte zuvor nicht einmal gewusst, dass sie von einer jüdisch-böhmischen Bankiersfamilie abstammten.

Eines Tages entdeckte Lili bei einer Auktion das Porzellanservice ihres Großvaters und Silberobjekte, die sie als Familienbesitz erkannte. Einen Degas, den einst ihre Familie besessen hatte, fand sie bei einem privaten Kunstsammler in Chicago wieder. Der Sammler hatte das Bild in gutem Glauben erworben, Lili ließ aber nicht locker. Sie traf ihn am Flughafen Heathrow und überzeugte ihn, das Bild dem jüdischen Museum zu übergeben.

Das Buch zu einer dramatischen Geschichte

Lili und ihr Neffe Simon hatten bei ihren Recherchen mithilfe eines Antiquars auch entdeckt, dass Hitler und Göring persönlich einen Großteil der Sammlung erworben hatten. Einen Teil der Sammlung und der Möbel aus alten Familienbesitz konnte schließlich von Simon mit Lilis Hilfe nach langen Kämpfen wieder in den Besitz der Gutmanns kommen, die sie jetzt rechtsmäßig verkaufen konnten. Die „Orpheusuhr“ aus dem 16. Jahrhundert gehört inzwischen dem Landesmuseum Württemberg in Stuttgart.

Simon hat die romanhafte Geschichte der Familie und der Sammlung in einem gründlich recherchierten Buch beschrieben, das unter dem Titel  „The Orpheus Clock“ 2015 bei Simon & Schuster in New York erschienen ist. Davon gibt es bislang Übersetzungen ins Niederländische und Italienische – aber merkwürdiger Weise nicht ins Deutsche.

Ihre Freunde hätten es der polyglotten Lili Gutmann gewünscht, dass sie am Ende ihres dramatischen wie reichen Lebens das Buch auch in deutscher Sprache in der Hand hätte halten können.

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Zum Verhältnis der Dresdner Bank zur Familie ihres Mitbegründers heute siehe auch den Beitrag „Im Auftrag der Familie“ in der Jüdischen Allgemeinen Zeitung (23.2.2006)

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