DER DUFT DES SÜDENS


Peter Peter schreibt in seinem kulturhistorischen Reiseführer „Blutorangen“ wie aromatische Zitrusfrüchte Italien, Europa und uns eroberten

© Cluverius

„Schau, schau diesen Garten/ Spür, spür die dunklen Orangen/ Ein Duft so fein/ Dringt ins Herz dir ein.“ (Giambattista De Curtis, „Rückkehr nach Sorrent“

Mailand – Italien ist – natürlich – das Land, wo die Zitronen blühen und im dunklen Laub die Goldorangen glühen. Dahin, dahin will uns der „Gastrosoph“ und Kulturwissenschaftler Peter Peter mit seinem kleinen, leuchtend rot eingebundenen Buch „Blutorangen“ ziehen. Die kalte Jahreszeit, die Wochen um Weihnachten und zum Jahresbeginn sind eine ideale Zeit, um „eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens“, so der Untertitel anzutreten. Denn die duftenden Agrumen versprechen Süden, Sommer und Sonne, reifen jedoch im Winter und bereichern unseren Vitaminhaushalt, wenn es in geheizten Zimmern wohlig warm ist. Sie stammen aus Asien, bevor sie auch im Westen, schon zu Zeiten der Römer, aber besonders mit den Kreuzzügen vor allem in Italien Lebensraum fanden und heute in ganz Südeuropa verbreitet sind. Ihre ursprüngliche Herkunft steckt noch in manchen regional geprägten Namen: Holländer nennen etwa die Süßorange „sinaasappel“ oder Norddeutsche sprechen von der „Apfelsine“, dem Apfel aus China, passend zum Fachbegriff „Citrus sinensis“.

Der Autor mischt in mit leichter Hand aber nicht leichtfertig Botanik und Kulturgeschichte, Reisebericht und Gastronomie. Er erzählt, wie Italiens „Alleinstellungsmerkmal“ vor allem bis heute in der Kultivierung älterer und seltener Sorten besteht. Auf Bäumen, die 100 Jahre alt werden können, wachsen zwischen dem Gardasee und Sizilien die Früchte von Pomeranzen (Bitterorangen) und Zitronen, von Süßorangen und Mandarinen, von spektakulären, bis zu zwei Kilo schweren Zitronatzitronen und Pampelmusen. Zu den Raritäten gehört auch die Chinottofrucht (besonders in Ligurien) oder die Bergamotte (Kalabrien). Der Agrumenanbau, so beschreibt Peter Peter in vielen Beispielen, hat in „jahrhundertelanger Mühe und Plackerei“ einzigartige wie vielfältige Kulturlandschaften zwischen „steilen Limonenterrassen“ und „aus dem Fels gesprengten Mandarinenplateaus“ geschaffen.

Thunfischstücke mit Bergamotte

Man liest gerne und mit Gewinn über die Geschichte der Zitrusfrüchte zwischen Kulinarik und Medizin, Malerei und Poesie, Wirtschaft und Raumplanung. Zentraler Teil des Buches sind ein rundes Dutzend Reiseberichte von den Limonaie am Gardasee kreuz und quer durch Italien bis zu den „benedette arance“, den Blutorangen des Ätna (- aber Sardinien fehlt). Wir lernen die Sorgen und Hoffnungen der Menschen kennen, die vom Anbau leben. Dazu kommen ganz praktische Rezepte wie „Tagliolini al limone“ oder „Spezzatino di tonno al bergamotto – Thunfischstücke mit Bergamotte”. Peter Peter weiß anschaulich und hintergründig zu erzählen und macht Lust, seinen Spuren zu folgen. Ein Adressenteil bietet konkrete Hinweise. So können wir eine Apfelsine im Winter schälend bereits vom Sommer träumen.  Und das Buch verschenkend Freude bereiten.Verlag Klaus Wagenbach

Peter Peter: Blutorangen. Eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens. Verlag Klaus Wagenbach, 2024. 144 Seiten, 22 Euro