Mafia (2): Simonetta Agnello Hornby hat auf dem Hintergrund der Entwicklung Siziliens in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine Art kriminellen Bildungsroman geschrieben. Mailand/Palermo – In dem Roman „Er war ein guter Junge“ (Folio Verlag) beschreibt Simonetta Agnello Hornby die Grauzone zwischen organisierter Kriminalität und der Zivilgesellschaft auf Sizilien. Die Autori erzählt vom Heranwachsen zweier Jugendlicher im südwestlichen Sizilien zwischen der Kleinstadt Sciacca und dem Dorf Pertuso Piccione – ein Fantasiename, hinter dem sich der Bergort Caltabellotta versteckt – und dem beruflichen Aufstieg der beiden. Der bringt sie zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren gleichsam zwangsläufig in die Nähe zur Cosa Nostra. Wie Giovanni in einem Brief an seinen engen Freund Santino schreibt: „Wir beiden werden für uns und unsere Liebsten immer unser Bestes geben. Wenn man in dieser Welt Karriere machen will, muss man aber auch den Schmutz akzeptieren.“
Palermo
Mafia (1): Davide Enia analysiert eindrucksvoll in seinem Stück „Autoritratto“ ein Leben parallel zur Cosa Nostra und zu den Ereignissen der 1980er und 1990er-Jahre in Palermo Mailand (Piccolo Teatro) – Den ersten ermordeten Toten sieht der Achtjährige in Palermo auf dem Heimweg von der Schule. In der Via Scobar, ausgerechnet unter dem Balkon der Wohnung eines Klassenkameraden, der an diesem Tag nicht in der Schule war, liegt ein Körper auf dem Fußweg in einem „See von Blut“. Mit dieser Erinnerung beginnt der heute 51-jährige Davide Enia sein jüngstes Theaterstück „Autoritratto“ (Selbstporträt). In einem eindringlich vorgetragenen Monolog – von Livemusik des Gitarristen Giulio Barocchieri und Gesang gegengeschnitten – erzählt Davide Enia von den ständigen Begegnungen mit der Cosa Nostra in den 1980er- und 1990er-Jahren: Von den Mafiakriegen, den Leichen auf den Straßen, von der Cosa Nostra ermordeten Menschen und von den Bombenanschlägen auf Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Die Inszenierung wird nach der Uraufführung auf dem Festival dei Due Mondi (Spoleto) im vergangenen Juni jetzt im Piccolo Teatro di Milano gezeigt.
ERSCHEINUNG DES BÖSEN
Ein Gespräch mit Nando dalla Chiesa über die Strategien der Cosa Nostra, die Periode der Gewalt unter Totò Riina, seine Festnahme vor 30 Jahren und die Bedeutung der Erinnerung Mailand – Manchmal lässt Aktualität Geschichte aufleuchten. So jetzt die Festnahme von Matteo Messina Denaro, Padrino der Cosa Nostra aus der Provinz Trapani. Fast auf den Tag genau vor 30 Jahren konnte Totò Riina, damaliger Boss der Bosse der sizilianischen Mafia, von den Carabinieri in Palermo verhaftet werden. Messina Denaro, verbündet mit den Corleonesi von Riina und seinem Nachfolger Provenzano, war u.a. mitverantwortlich für die mörderischen Bombenanschläge, die 1993/94 als Reaktion auf Riinas Verhaftung in Florenz, Rom und Mailand verübt wurden. Dabei kamen etliche Personen ums Leben, andere wurden teilweise schwer verletzt. In einem Gespräch mit dem Soziologen Nando dalla Chiesa ( – das kurz vor der Festnahme von Messina Denaro geführt wurde -) geht es vor allem um die Rolle der Gewalt in der Strategie der Cosa Nostra unter der Herrschaft von Totò Riina und den Corleonesi.
„EINE FÜR UNS UNERREICHBARE KRIMINELLE VERNUNFT“
100 Jahre Leonardo Sciascia (2): Die essayartige Erzählung „Tod des Inquisitors“ endlich auf Deutsch in dem Band „Ein Sizilianer von festen Prinzipien“ Mailand – Das ist ein wohl komponiertes Buch, das zum 100. Geburtstag von Leonardo Sciascia zwei seiner bislang noch nicht ins Deutsche übersetzten Texte mit einem hintergründigen Porträt Sciascias von der Literaturkritikerin Maike Albath sowie einer Anmerkung von Santo Piazzese, Schriftsteller von Kriminalromanen aus Palermo, verbindet. Im Zentrum steht der Text Morte dell’inquisitore („Tod des Inquisitors“) aus dem Jahr 1964/67. In ihm erzählt Sciascia eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert, die Geschichte vom Leben und Sterben des Augustinermönchs Diego La Matina, der wie Sciascia aus dem kleinen Ort Racalmuto bei Agrigent stammte.
»DAS MIR TEUERSTE VON ALLEM, WAS ICH GESCHRIEBEN HABE»
100 Jahre Leonardo Sciascia (1): der Staat, die Politik, die Parteien, der Fall Moro – ein bislang unveröffentlichtes Interview aus dem Jahr 1983 Mailand –Der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia (1921 – 1989) engagierte sich zwei mal aktiv politisch. 1975 ließ er sich als unabhängiger Kandidat auf der Liste der Kommunistischen Partei in den Stadtrat von Palermo wählen, trat aber anderthalb Jahre später aus Protest gegen den Kurs vom „historischen Kompromiss“ und wegen Auseinandersetzungen um die innerparteiliche Demokratie der sizilianischen KP zurück. Nach der Veröffentlichung seines Buches L’affaire Moro (dt: „Die Affäre Moro“) wurde er bei den Parlamentswahlen 1979 über die Liste das Partito Radicale in die Abgeordnetenkammer gewählt. Er war Mitglied in dem Untersuchungsausschuss zur Moro-Entführung, ebenso in dem Antimafia-Ausschuss. Bei den Neuwahlen Ende Juni 1983 kandidierte er nicht wieder. Kurz vor den Wahlen gab es Gelegenheit zu einem Gespräch, das hier zum ersten Mal veröffentlicht wird.
