APOTHEKE GEGEN DIE DUMMHEIT


Die vielen Rollen der Edicola im italienischen Alltag und ihre Krise. Eindrücke auf einer Fotoausstellung über Zeitungskioske in Ferrara

© Ulrich Wienand

Aufblühend trotz Zeitungskise – Edicola an dem Piazzale Giochi in Ferrara

 Mailand/Ferrara – Wenn man nach typischen Unterschieden im Erscheinungsbild zwischen deutschen und italienischen Stadtlandschaften sucht, gehört die Edicola dazu. Nördlich der Alpen hat sich der Zeitungskiosk meist als Laden in die Häuserfront eingegliedert, wo man neben Zeitungen oft auch Getränke oder andere Waren kaufen kann. In südlicheren Breiten findet man ihn (noch) als frei stehende Einrichtung, in denen hauptsächlich Druck-Erzeugnisse angeboten werden. Das ist gerade auf einer kleinen Ausstellung mit rund 30 großformatigen Fotografien von Ulrich Wienand in Ferrara nachzuvollziehen. Sie wird in der kommunalen Biblioteca Giorgio Bassani unter dem Titel Vado a prendere il giornale („Ich geh die Zeitung holen“) gezeigt.

In diesem Titel drückt sich bereits ein Unterschied zwischen der deutschen und der italienischen Presselandschaft aus. Dem Deutschen flattert die Tageszeitung (wie so manches Magazin) per Abonnement ins Haus. Eine Vertriebsform, die sich in Italien trotz vieler Anläufe nie hatte durchsetzen können. Hier geht man noch zum Kiosk, der dadurch auch zu einem sozialen Treffpunkt wird. Die Spannweite reicht von der kurzen Diskussion über Schlagzeilen, Frotzeleien über Fußballleidenschaften bis zum Austausch von Neuigkeiten im Wohnviertel oder einfachen Fragen nach dem Weg. Und während der Pandemie, als man die Wohnung zeitweise nur in Ausnahmefällen verlassen durfte, war der Weg zur Edicola erlaubt. Es bildeten sich (bei Einhalt der Abstandsregeln) oft Schlangen – wobei trotz Abstand zumindest verbaler Austausch möglich wurde.

© Ulrich Wienand

Abendstimmung – Edicola an der Via Pomposa in Ferrara

Auf den Fotos von Ulrich Wienand werden Beziehungen deutlich. Wie etwa ein Verkäufer seinen Kiosk verlässt, um einem älteren Kunden zu helfen, wie ein Junge den Arm ausstreckt, um zu bezahlen, wie ein Käufer bereits beim Weggehen hastig die Zeitung aufschlägt. Zugleich bilden die Fotos das städtische Umfeld ab. Den Gemüsemarkt nebenan, den nachbarlichen Kirchturm, prächtig blühende Bäume oder eine Abendstimmung am Straßenrand. Dem deutschen Fotografen, der als Mediziner und Psychologen seit 1975 in Ferrara lebt und die Fotografie zur Altersleidenschaft entwickelt hat, ist damit auch ein kleines Lokalporträt der kulturell so reichen Stadt am südlichen Rand des Po-Deltas gelungen. Sein Freund, der Münchener Journalist und Ferrara-Kenner Carl Macke, nennt die Edicole „Apotheken gegen die Dummheit“.

© Cluverius

Der Fotograf Ulrich Wienand in seiner Ausstellung der Biblioteca Bassani

Das Porträt bleibt realistisch und versagt sich nostalgische Blicke. Das Foto eines Kiosks mit heruntergelassen Rollläden belegt, dass eine Aktivität aufgegeben wurde. Spuren einer Ausformung auf dem Pflaster zeigen auf einer anderen Aufnahme, dass hier früher einmal ein Kiosk gestanden hatte. Veränderungen der Lesegewohnheiten in Italien haben tief reichende Folgen für den Vertrieb der Medien und die Rolle der Edicole. Unter dem Druck der digitalen Kommunikation sind die Auflagen der Tageszeitungen in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken. Blätter wie etwa der Corriere della Sera oder La Repubblica, die früher täglich über 600.000 Exemplare verkaufen konnten, müssen sich heute mit Vertriebszahlen von täglich 217.000 (Corriere) oder 107.000 (Repubblica) zufriedengeben – so die jüngsten Daten der Fachzeitschrift Prima Online. Tendenz weiter sinkend. Hinzu kommt, dass der Anteil der digitalen Ausgaben beim Corriere gegenwärtig 50 Prozent, bei der Repubblica etwa 35 Prozent beträgt. Für die Edicola fallen so immer weniger Papierausgaben ab.

© Ulrich Wienand

Von der Schließung zum…

© Ulrich Wienand

… Verschwinden. Letzte Spuren einer Edicola in der Via Padova (Ferrara)

In Italien gibt es nach einer Untersuchung der Gewerkschaft der Zeitungsverkäufer (SNAG) aus dem Jahr 2023 rund 25.000 Presseverkaufsstellen, darunter 12.000 „reine“ Edicole, die ausschließlich oder vornehmlich Tageszeitungen und Periodika verkaufen. Die anderen Verkaufsstellen sind Bars (29 Prozent), Buchhandlungen (6,4 Prozent), Tankstellen (3,5 Prozent) oder Supermärkte (1,6 Prozent). Im Zeitraum 2018/2023 haben rund 3.300 Edicole schließen müssen. Steuerliche Hilfen oder ein sogenannter staatlicher Zuschuss („bonus edicole“) können die Entwicklung vielleicht abmildern, aber nicht wirklich aufhalten. Die Folge: In vielen kleinen Orten – in fast der Hälfte der rund 7900 Gemeinden Italiens – findet man heute keine vollwertigen Verkaufsstellen für Presse-Erzeignisse mehr.

Soziale Dramen

Hinter vielen Schließungen verstecken sich auch soziale Dramen. Die meisten Besitzer der Verkaufsstellen sind über 50 Jahre alt. Die Edicola war jahrzehntelang eine Art Altersvorsorge für ihre Betreiber – der Wert oszillierte je nach Standort zwischen 80.000 und 120.000 Euro. Inzwischen übersteigt er kaum die 50.000 Euro. Und immer weniger Besitzer können damit rechnen, sie im Alter zu verkaufen.

© Ulrich Wienand

Endstation Edicola? (am Volto Cavallo in Ferrara)

Die Rolle von Zeitungen im Verkaufspanel der noch bestehenden Edicole wird immer kleiner. Touristische Angebote (Andenken, Getränke etc), Werbeflächen oder Serviceeinrichtungen (Internetverbindungen, teilweise bereits kommunale Dienstleistungen) treten an ihre Stelle. Die oft architektonischen Kleinode werden wohl nicht ganz aus dem Bild der italienischen Städte verschwinden. Ob man jedoch in Zukunft an einer Edicola immer auch eine Zeitung kaufen kann, ist längst nicht mehr ausgemacht. Diejenigen, die das dann noch anbieten, werden vielleicht zu viel fotografierten touristischen Attraktionen mit ihren bunten Auslangen an Blättern und Zeitschriften, die über zusätzlichen Außenstände gleichsam die Straße umarmen. Ist es ein Zufall, dass im Italienischen la edicola weiblich ist, während im Deutschen der Kiosk oder der Stand männlich dekliniert werden? In diesem Sinne problematisiert die in der Biblioteca Bassani in Ferrara liebevoll eingerichtete Ausstellung das Thema, indem sie es dokumentarisch aufgreift.

Vado a prendere il giornale. Fotografie di Ulrich Wienand. Bis 20.4. Biblioteca comunale Giorgio Bassani, Ferrara (Quartiere Barco). Di-Do 9-13 und 15-18.30 Uhr, Fr-Sa 9-13 Uhr, So und Mo geschlossen. Eintritt frei.