Gestern in der Oper: Mit der Carmen von Georges Bizet unter dem Dirigenten Myung-whun Chung und in der Regie von Damiano Michieletto stimmte sich die Mailänder Scala auf den Sommer ein – und auf den Wechsel in der musikalischen Leitung Mailand – Es war eine Art Übergabe gleichsam bei laufenden Motoren auf der Bühne des Teatro alla Scala: Anfang Juni hatte noch Riccardo Chailly (73), der scheidende musikalische Leiter der Mailänder Oper, Verdis Nabucodonosor dirigiert. Mitte des Monats griff sein Nachfolger (ab Spielzeit 26/27) Myung-whu Chung (73) zum Taktstock und stand für Bizets Carmen am Pult. Kontrolliert und analytisch der eine, emotional und spontan im Umgang mit Tempo und Phrasierung der andere. „Mit Chung – hurra! – ist die Freude am Abenteuer des Zuhörens ins Theater zurückgekehrt“, jubilierte die Kritikerin der Tageszeitung Il Sole 24 Ore. Doch sollte man die beiden herausragenden Dirigenten nicht gegeneinander ausspielen, dafür waren auch die Vorlagen (Verdi, Bizet) viel zu verschieden. Riccardo Chailly wird als einer der bedeutenden musikalischen Leiter der Scala in Erinnerung bleiben (und weiterhin an der Mailänder Oper auftreten).
Frauen
Biennale (1): Die 61. Internationale Kunstbiennale Venedig setzt auf leise Töne und spiegelt in ihrer Hauptausstellung vor allem die Vielfalt des Globalen Südens, während die Länderpavillons auf der Suche nach einer eigenen Rolle sind Venedig – Der Trubel im Vorfeld der 61. Kunstbiennale hat sich gelegt. Abgesehen von verstärkten Sicherheitsmaßnahmen etwa vor dem Pavillon Israels oder vor dem geschlossenen Russlands mit einem kuriosen Monitorprogramm davor (siehe hier auf Cluverius) pflegt die internationale Kunst und Kultur ihren Auftritt. Sie tut das nach dem diesjährigen Motto der Biennale „In Minor Keys“, in leiseren „Moll-Tönen“. So wie es sich die Kuratorin Koyo Kouoh (Kamerun/Schweiz) gewünscht hatte, die im Mai vergangenen Jahres im Alter von 57 Jahren unerwartet verstarb. Ein noch von ihr eingesetztes Mitarbeiterteam konnte zwar ihre Vorbereitungen konzeptionell erfolgreich zu Ende bringen, doch begann diese Biennale mit einem Hauch von Trauer.
RÄUME DES ZUHÖRENS
Biennale (2): Der Deutsche Pavillon unter ostdeutscher Perspektive – spielerisch und bedrückend zugleich Venedig – Der erste Blick irritiert. Der Deutsche Pavillon der Biennale 2026 zeigt sich namenlos ohne den gewohnten Schriftzug „Germania“ und in anderem Gewand. Das Gebäude – 1909 als Bayrischer Pavillon errichtet und ab 1912 als Deutscher genutzt – war 1938 von den Nationalsozialisten im monumentalen Stil umgebaut worden. Seitdem ihn die Bundesrepublik betreibt, hat es etwa mit dem aufgebrochenen Fußboden des Konzeptkünstlers Hans Haacke 1993 unterschiedliche Versuche gegeben, sich mit der Ästhetik der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Jetzt tritt er uns identitätslos und in einer schmutzig verwaschenen Haut aus rund drei Millionen Mosaiksteinen gegenüber. Die wurde der Fassade eines von Abriss bedrohten Ostberliner Plattenbaus samt aufgesprayten Graffitis nachgebildet. Aus dem Deutschen ist ein Ostdeutscher Pavillon geworden.
AUFERSTANDEN AUS RUINEN
Die Kunstbiennale, die unter dem Motto „In Minor Keys“ auf der Suche nach leisen Tönen sein will, startet unter ziemlich lauten Vorzeichen. Venedig – Bei der Kunstbiennale Venedig, die am Samstag den 9. Mai offiziell eröffnet wird, haben die Tage der Vorbesichtigung begonnen. Von Protesten begleitet wurde jetzt der russische Pavillon „eröffnet“, der aber übermorgen zu Beginn der Biennale wieder geschlossen wird. Die internationale Preisjury, die die Gewinner der Goldenen Löwen ermitteln sollte, ist zurückgetreten, nachdem sie zunächst angekündigt hatte, Russland und Israel von der Preisvergabe auszuschließen. Die Goldenen Löwen sollen jetzt durch ein Publikumsvotum vergeben werden. Südafrika hat die Künstlerin, die im Pavillon des Landes auftreten sollte, aus dem Haus gejagt, weil sie sich mit ihren Arbeiten zu sehr mit den Folgen des Gazakrieges beschäftigt habe und deshalb „einen gespaltenen Beitrag“ leisten würde. Der Iran hat in diesem Jahr ganz auf eine Beteiligung verzichtet. Die Wellen schlagen hoch in der Lagunenstadt.
DUR STATT MOLL
100 Jahre nach der Geburt von Dario Fo und zehn Jahre nach seinem Tod feiert Italien einen „Giullare e Pittore“, einen „Gaukler und Maler“, wie es auf seinem Grabstein steht – aber es bleibt nicht viel mehr als Erinnerung Mailand – So ein Datum konnte man einfach nicht übersehen: Am 24. März vor 100 Jahren kam Dario Fo auf die Welt. Der beliebte Schauspieler, volkstümliche Autor und gesellschaftlich engagierte Künstler war bis kurz vor seinem Tod im Oktober 2016 in der italienischen Öffentlichkeit präsent. So gab es jetzt für den Literaturnobelpreisträger von 1997 eine Reihe Veranstaltungen in Rom (Teatro Sistina), Mailand (Piccolo Teatro) oder an verschiedenen Orten mit Initiativen der Familienstiftung, der Fondazione Fo-Rame. Gefeiert wurde der kritische Geist, Querdenker und Theatermacher meist alleine, manchmal auch zusammen mit seiner Partnerin Franca Rame (1929 – 2013). Und was besonders im Ausland übersehen wird, erinnert wurde ebenso an den Autor von Dutzenden Lieder- und Songtexten (Musik oft von Fiorenzo Carpi). Die Stadt Mailand widmete Dario und Franca jetzt eine Gedenktafel an ihrer langjährigen Wohnstätte in der Via Porta Romana.
