Landschaft


Triest, Ende August – Es ist früher Nachmittag, die Sonne brennt. Katzen rekeln sich unterhalb der  Stufen des Teatro Romano.  Träge ziehen ein paar Touristen vorbei und suchen den Aufstieg zum Castello di San Giusto. Wer sich auskennt, findet quer durch das benachbarte Parkhaus einen bequemen Fahrstuhl zum Vorplatz von Burg und Kathedrale. Vom Zinnengang blickt man dann auf die Stadt, die sich schläfrig in Erwartung kühlerer Stunden ans Meer schmiegt, das sich fast unbeweglich glitzernd bis zum Horizont ausbreitet. Wenige Schiffe liegen im Golf, darunter eine große Jacht mit zwei merkwürdig verdrehten dünnen Masten, die wie Antennen aufragen. Angeblich das von Behörden konfisziertes Luxusboot eines russischen Oligarchen. Ein rostiges Frachtschiff wird langsam zur Überholung in den alten Hafen geschleppt. Von wenigen Werfteinrichtungen abgesehen, liegt der alte Freihafen mit seinen Lagerhäusern untätig und verlassen dar und hofft auf ein zweites Leben. Die Masterpläne für eine neue Nutzung und Anbindung an die Stadt sind gezeichnet, jetzt wartet man auf ihre Umsetzung. Doch die Lokalpolitik bewegt sich so wenig wie das Meer an diesem Nachmittag.

In Triest


Calasetta Ende Juni – Weiß leuchten die Häuser von Calasetta am äußersten nördlichen Rand der Halbinsel Sant’Antioco. Pünktlich legt das Fährschiff aus Carloforte von der kleinen gegenüberliegenden Insel San Pietro an. Die beiden Ortschaften tragen zur Vielfalt der auf Sardinien gesprochenen Sprachen bei. Hier wird ein ligurischer Dialekt („Tabarchino“) gesprochen. Einwohner aus Pegli (Genua) waren im 16. Jahrhundert als Korallenfischer auf die Insel Tabarca vor Tunesien ausgewandert. Nach wirtschaftlichen Problemen und Auseinandersetzungen mit den nordafrikanischen Anwohnern, erhielten sie 1738 vom Savoyerkönig Carlo Emanuele III. die Erlaubnis, sich in diesem verlassen Teil von Sardinien anzusiedeln. Aus den beiden kleinen Fischerdörfern hat sich heute ein im Sommer lebhaftes touristisches Zentrum entwickelt, das durch regelmäßigen Fährbetrieb verbunden ist.

Im Sulcis



Gertrude Cepl-Kaufmann und Philipp Cepl haben sich auf eine anregende Spurensuche kreuz und quer durch die Geschichte und die Landschaft der ehemaligen Künstlerkolonie Positano begeben Mailand – Wer die Amalfi-Küste heute neben dem touristischen auch als kulturellen Lebensraum erfahren möchte, der sollte zum Taschenbuch aus dem Wagenbach Verlag „Der einzig senkrechte Ort der Welt. Die Künstlerkolonie Positano“ greifen. Das Autorenduo  Gertrude Cepl-Kaufmann und Philipp Cepl – sie Literaturwissenschaftlerin, er ein Kunstsammler – geht unzähligen Spuren nach, die  Positano von den 1920er Jahren an vor allem für deutsche Künstlerinnen und Künstler, für Schriftsteller und Intellektuelle zu einer Alternative etwa zum mondänen Capri machte – von Theodor W. Adorno bis Marianne und Otto Edmund Zoff, von Annot (Anna Ottonie Krigar-Menzel) bis Alma Mahler.  Dabei wird keine kopflastige Kulturgeschichte geliefert, sondern anschaulich von den Menschen, von ihren Schicksalen und Abenteuern erzählt. Und wie sich das gleichsam an den Felsen geklebte eher ärmliche ehemalige Fischerdorf zu einer Künstlerkolonie entwickelte, in der man seine Italiensehnsucht auf verschiedene Arten ausleben konnte.

„EIN DEUTSCHER ERINNERUNGSORT“


Desenzano sul Garda/ Sirmione, Anfang Juni – Eine kleine Tour führt zu drei staatliche Einrichtungen unter der Direzione Regionale Musei Lombardia an den Gardasee. Sie beginnt in Desenzano sul Garda bei den Ausgrabungen einer römischen Villa, die bis zum 4. Jh. n. Chr. mehrfach verändert wurde. Möglich, dass sie zuletzt von einem Bruder des Kaisers Magnentius (350-353 n. Chr.) erweitert wurde – auf diesen Flavius Magnus Decentius geht angeblich auch der Name von Desenzano zurück. Von seiner Villa öffnete sich ein Panoramablick auf den See. Inzwischen von einem Wohnviertel umgeben, liegt sie eher versteckt und zählt zu den weniger bekannten Attraktionen von Desenzano. Erst im letzten Jahrhundert entdeckt spiegeln die Ausgrabungen der Villa Romana noch das Forschungsbemühen von Wissenschaftlern wider. Die Anlage erschließt sich nicht sofort beim Besuch (auch, weil die angebotene App der drei Einrichtungen schwer runterzuladen und nicht leicht zu bedienen ist). Dennoch lohnt das Kommen allein wegen der herrlichen Fußbodenmosaike.

Am Gardasee



  Schwierige Verhältnisse, konfliktreiche Beziehungen: Mensch, Natur und Landschaft. Ein Gespräch mit dem Wiener Historiker Philipp Blom Mailand – Mensch und Natur kann man nicht getrennt denken. Davon ist der Wiener Historiker, Essayist und Schriftsteller Philipp Blom überzeugt. Im Interview spricht er von „einer absurden Selbstüberschätzung des Menschen“, der sich über Natur stellt. Er fordert, das Verhältnis „zwischen uns und dem Rest der Natur“ neu zu definieren,  und fragt sich nach der Rolle, die Landschaft dabei spielen kann. Philipp Blom wurde 1970 in Hamburg geboren, studierte Philosophie, Geschichte sowie Judaistik in Wien und Oxford, und lebt heute in Wien.

EINE ABSURDE SELBSTÜBERSCHÄTZUNG