Gestern in der Oper: Mit der Carmen von Georges Bizet unter dem Dirigenten Myung-whun Chung und in der Regie von Damiano Michieletto stimmte sich die Mailänder Scala auf den Sommer ein – und auf den Wechsel in der musikalischen Leitung Mailand – Es war eine Art Übergabe gleichsam bei laufenden Motoren auf der Bühne des Teatro alla Scala: Anfang Juni hatte noch Riccardo Chailly (73), der scheidende musikalische Leiter der Mailänder Oper, Verdis Nabucodonosor dirigiert. Mitte des Monats griff sein Nachfolger (ab Spielzeit 26/27) Myung-whu Chung (73) zum Taktstock und stand für Bizets Carmen am Pult. Kontrolliert und analytisch der eine, emotional und spontan im Umgang mit Tempo und Phrasierung der andere. „Mit Chung – hurra! – ist die Freude am Abenteuer des Zuhörens ins Theater zurückgekehrt“, jubilierte die Kritikerin der Tageszeitung Il Sole 24 Ore. Doch sollte man die beiden herausragenden Dirigenten nicht gegeneinander ausspielen, dafür waren auch die Vorlagen (Verdi, Bizet) viel zu verschieden. Riccardo Chailly wird als einer der bedeutenden musikalischen Leiter der Scala in Erinnerung bleiben (und weiterhin an der Mailänder Oper auftreten).
Landschaft
Der Suffizienz-Gedanke und seine innovative Rolle in der Stadt- und Landschaftsplanung. Ein Gastbeitrag von Andreas Kipar(*) Mailand – Der Suffizienz-Gedanke, die Frage nach Maßhalten, nach Nutzung des Bestehenden, ist letztendlich eine Frage des Lebensstils, der Haltung. Das gilt für den Einzelnen, der seinem Leben im Alltag Sinn vermitteln möchte und bereit ist, privaten Verbrauch zugunsten des allgemeinen Wohlstands zu reduzieren. Das gilt für Unternehmen und Verbände, die Gewinnstreben mit dem Erhalt von Ressourcen abwägen. Und das gilt für Politik und Verwaltung, um den Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden und langfristig die Basis für eine bessere, eine nachhaltige Zukunft zu legen, statt kurzfristig in einen Wettbewerb um Wählergunst einzutreten. Die Frage, was brauchen wir wirklich, ist nicht zu trennen von den Fragen, wie wollen wir leben und was wollen wir sein. In diesen ethischen Zusammenhängen bewegt sich Städte- und Landschaftsplanung.
WAS WIR WIRKLICH BRAUCHEN
Die erste vollständige deutsche Übersetzung des Bandes mit Erzählungen von Beppe Fenoglio „Die 23 Tage der Stadt Alba“ im Wagenbach Verlag unterstreicht nicht nur die bedeutende Rolle des Autors als literarischer Zeuge der Resistenza, sondern auch die Aktualität der Auseinandersetzung mit dem italienischen Widerstand. Mailand/Turin – „Alba nahmen sie mit zweitausend am 10. Oktober ein und verloren es mit zweihundert am 2. November des Jahres 1944.“ So beginnt die Titelgeschichte „Die 23 Tage der Stadt Alba“ einer Sammlung von Erzählungen von Beppe Fenoglio aus dem Jahr 1952. Sie vereint Geschichten der Zeit des Widerstands in Italien gegen Faschismus und deutsche Besatzung 1943-45 mit weiteren Prosatexten über die Jahre unmittelbar nach Kriegsende. Anti-heroische Episoden der Resistenza werden so durch Schilderung des Alltags und der Widersprüche der folgenden Friedensjahre ergänzt. Der Berliner Verlag Klaus Wagenbach hat sie jetzt in seiner Reihe „Klassiker und Wiederentdeckungen“ in einer ersten vollständigen Übersetzung zusammen mit einem gründlichen Nachwort und einem hilfreichen Glossar zum historischen Hintergrund herausgegeben.
DAS EIGENE SCHICKSAL IN DIE HÄNDE NEHMEN
Das Italien der ersten Italiener – Eine Ausstellung in Novara porträtiert die Entstehung einer Nation mit Arbeiten der bildnerischen Kunst und unterstreicht so den Reichtum des Kulturangebots Italiens auch abseits der Metropolen Mailand/Novara – Wer sich Ende März oder über Ostern im westlichen Norditalien aufhält, kann in der alten Bischofsstadt Novara die Ausstellung über „L’Italia dei primi Italiani“ (Das Italien der ersten Italiener) besichtigen. Es geht, wie es im Untertitel heißt, um ein „Porträt einer gerade geborenen Nation“. Präsentiert werden über 70 Arbeiten der figurativen Malerei von den 1860er-Jahren bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Künstlerische Perspektiven wechseln mit geografischen und bilden ein Mosaik von Eindrücken, die sich in den Köpfen der Beobachter vielleicht zu ganz verschiedenen Gesamtbildern zusammensetzen – und damit der Vielfältigkeit Italiens und seiner jüngeren Geschichte entsprechen.
EIN MOSAIK VON EINDRÜCKEN
Vage Erinnerungen bei einem Tötungsdelikt und die Lebenskrise eines Anwalts in dem Roman „Der Horizont der Nacht“ von Gianrico Carofiglio. Im Gespräch unterstreicht der Autor die Bedeutung des Zweifels Mailand/Bari – Eigentlich ist das Fall von Anfang an klar, der sich in Bari, der Regionalhauptstadt Apuliens, abgespielt hat. Täterin und Opfer sind bekannt. Eine Frau, Elvira, hat den gewalttätigen Liebhaber ihrer Zwillingsschwester erschossen, die wenig zuvor aus Verzweiflung den Freitod gesucht hatte. Doch für den Anwalt Guido Guerrieri ist es nicht klar, ob Elvira vorsätzlich getötet hat oder ob sie, wie sie später behauptet, im Laufe einer Auseinandersetzung aus Notwehr gehandelt habe. Zeit und Erinnerung werfen Fragen auf. Ihre Beantwortung wird in einem Prozess über das Strafmaß und damit über die zukünftigen Lebensumstände von Elvira entscheiden. Das ist der kriminalistische Spannungsbogen in dem Roman „Der Horizont der Nacht“ von Gianrico Carofiglio, den Verena von Koskull im Folio Verlag aus dem Italienischen übersetzt hat.
