Gestern in der Oper: Mit der Carmen von Georges Bizet unter dem Dirigenten Myung-whun Chung und in der Regie von Damiano Michieletto stimmte sich die Mailänder Scala auf den Sommer ein – und auf den Wechsel in der musikalischen Leitung Mailand – Es war eine Art Übergabe gleichsam bei laufenden Motoren auf der Bühne des Teatro alla Scala: Anfang Juni hatte noch Riccardo Chailly (73), der scheidende musikalische Leiter der Mailänder Oper, Verdis Nabucodonosor dirigiert. Mitte des Monats griff sein Nachfolger (ab Spielzeit 26/27) Myung-whu Chung (73) zum Taktstock und stand für Bizets Carmen am Pult. Kontrolliert und analytisch der eine, emotional und spontan im Umgang mit Tempo und Phrasierung der andere. „Mit Chung – hurra! – ist die Freude am Abenteuer des Zuhörens ins Theater zurückgekehrt“, jubilierte die Kritikerin der Tageszeitung Il Sole 24 Ore. Doch sollte man die beiden herausragenden Dirigenten nicht gegeneinander ausspielen, dafür waren auch die Vorlagen (Verdi, Bizet) viel zu verschieden. Riccardo Chailly wird als einer der bedeutenden musikalischen Leiter der Scala in Erinnerung bleiben (und weiterhin an der Mailänder Oper auftreten).
Kriminalität
Vage Erinnerungen bei einem Tötungsdelikt und die Lebenskrise eines Anwalts in dem Roman „Der Horizont der Nacht“ von Gianrico Carofiglio. Im Gespräch unterstreicht der Autor die Bedeutung des Zweifels Mailand/Bari – Eigentlich ist das Fall von Anfang an klar, der sich in Bari, der Regionalhauptstadt Apuliens, abgespielt hat. Täterin und Opfer sind bekannt. Eine Frau, Elvira, hat den gewalttätigen Liebhaber ihrer Zwillingsschwester erschossen, die wenig zuvor aus Verzweiflung den Freitod gesucht hatte. Doch für den Anwalt Guido Guerrieri ist es nicht klar, ob Elvira vorsätzlich getötet hat oder ob sie, wie sie später behauptet, im Laufe einer Auseinandersetzung aus Notwehr gehandelt habe. Zeit und Erinnerung werfen Fragen auf. Ihre Beantwortung wird in einem Prozess über das Strafmaß und damit über die zukünftigen Lebensumstände von Elvira entscheiden. Das ist der kriminalistische Spannungsbogen in dem Roman „Der Horizont der Nacht“ von Gianrico Carofiglio, den Verena von Koskull im Folio Verlag aus dem Italienischen übersetzt hat.
WENN DIE FINSTERNIS SICH VERFLÜCHTET
Vor einhundert Jahren kam Andrea Camilleri auf die Welt, der im Alter zum Erfolgsautor und unermüdlichen Erzähler seiner sizilianischen Heimat wurde. Am Anfang stand dabei der kleine Roman „Der Lauf der Dinge“ – eine Kriminalgroteske, die den Ton für viele weitere Bücher vorgab Mailand/Berlin – Der unglaubliche Erfolg, den Andrea Camilleri (1925-2019) mit seinen Romanen über den Commissario Montalbano hatte, stempelt ihn bis heute als Krimiautor ab. In Italien begann das 1994, im deutschen Sprachraum 1999. Aber der Autor, der nach dem Ende einer Karriere mit Arbeiten bei Rundfunk, Fernsehen und Theater erst im Alter zum literarischen Schreiben kam, hatte auch eine Reihe historischer Romane hervorgebracht. Daran erinnert Wagenbachs Verlegerin Susanne Schüssler im Vorwort des jetzt wieder veröffentlichten kleinen Romans „Der Lauf der Dinge“ (Il corso delle cose), denn der Berliner Verlag hatte keinen geringen Anteil an der Verbreitung des „anderen“ Camilleri nördlich der Alpen. Wobei es in diesen historischen Erzählungen nicht an kriminalistischer Entdeckerfreude mangelt, wie die Montalbano-Reihe ebenso immer wieder Geschichte widerspiegelt und hier wie dort liebevolle Ironie eine Hauptrolle spielt.
HINTERGRÜNDIGER WITZ
Der wiederentdeckte Roman „Trauben schwarz wie Blut“ von Livia De Stefani erzählt eine Familientragödie im mafiösen Klima der sizilianischen Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert Mailand/Karlsruhe – Der Roman „Trauben schwarz wie Blut“ von Livia De Stefani, den die Edition Converso in der neuen Übersetzung von Klaudia Ruschkowski herausgegeben hat, ist die Entdeckung dieses Sommers! 1953 in Italien erschienen, führt er Leserinnen und Leser in die sizilianische Gesellschaft im ländlichen Raum unweit von Palermo. Im Mittelpunkt stehen die Geschichte von Casimiro Badalamenti, einem arroganten und gewalttätigen Aufsteigertyp, der in undurchsichtige Geschäfte verstrickt ist, über die die „ehrenwerte Gesellschaft“, die Mafia, aus obskuren Gründen schützend die Hand hält. Und seine patriarchalische Beziehung zur fülligen, schlecht beleumdeten Concetta, die er herrisch kommandiert und sich zugleich von ihr, „einem Turm aus Fleisch“, angezogen fühlt, „wie eine Fliege vom Zucker“.
RAU UND TROCKEN
Auf der Bühne: Die erfolgreiche Weltpremiere der Oper „Il Nome della Rosa“ mit der Musik von Francesco Filidei unter der Leitung von Ingo Metzmacher und der Regie von Damiano Michieletto in Mailand Mailand – Als das Teatro alla Scala die neue Oper „Il Nome della Rosa“ von Francesco Filidei mit nur vier Wiederaufnahmen nach der Weltpremiere am 27. April programmierte, geschah das vielleicht in einer Art Zurückhaltung. Immerhin birgt die absolute Neuheit einer Oper zeitgenössischer Musik für ein der Tradition verpflichtetes Haus wie die Scala ein gewisses Risiko. Doch die Vorsicht war unbegründet: Bereits im Vorfeld waren alle fünf Aufführungen der Auftragsarbeit der Scala und der Opéra national de Paris ausverkauft. Die Premiere wurde ein Erfolg beim Publikum wie bei der Kritik. Und lang anhaltender Beifall beschloss die Inszenierungen unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher und der Regie von Damiano Michieletto auch an den folgenden Abenden. Das ist auf der einen Seite sicher dem Libretto und der gelungene Übertragung eines so vielschichtigen Stoffs wie des berühmten Romans von Umberto Eco zu verdanken.
