Die erste vollständige deutsche Übersetzung des Bandes mit Erzählungen von Beppe Fenoglio „Die 23 Tage der Stadt Alba“ im Wagenbach Verlag unterstreicht nicht nur die bedeutende Rolle des Autors als literarischer Zeuge der Resistenza, sondern auch die Aktualität der Auseinandersetzung mit dem italienischen Widerstand. Mailand/Turin – „Alba nahmen sie mit zweitausend am 10. Oktober ein und verloren es mit zweihundert am 2. November des Jahres 1944.“ So beginnt die Titelgeschichte „Die 23 Tage der Stadt Alba“ einer Sammlung von Erzählungen von Beppe Fenoglio aus dem Jahr 1952. Sie vereint Geschichten der Zeit des Widerstands in Italien gegen Faschismus und deutsche Besatzung 1943-45 mit weiteren Prosatexten über die Jahre unmittelbar nach Kriegsende. Anti-heroische Episoden der Resistenza werden so durch Schilderung des Alltags und der Widersprüche der folgenden Friedensjahre ergänzt. Der Berliner Verlag Klaus Wagenbach hat sie jetzt in seiner Reihe „Klassiker und Wiederentdeckungen“ in einer ersten vollständigen Übersetzung zusammen mit einem gründlichen Nachwort und einem hilfreichen Glossar zum historischen Hintergrund herausgegeben.
Literatur
100 Jahre nach der Geburt von Dario Fo und zehn Jahre nach seinem Tod feiert Italien einen „Giullare e Pittore“, einen „Gaukler und Maler“, wie es auf seinem Grabstein steht – aber es bleibt nicht viel mehr als Erinnerung Mailand – So ein Datum konnte man einfach nicht übersehen: Am 24. März vor 100 Jahren kam Dario Fo auf die Welt. Der beliebte Schauspieler, volkstümliche Autor und gesellschaftlich engagierte Künstler war bis kurz vor seinem Tod im Oktober 2016 in der italienischen Öffentlichkeit präsent. So gab es jetzt für den Literaturnobelpreisträger von 1997 eine Reihe Veranstaltungen in Rom (Teatro Sistina), Mailand (Piccolo Teatro) oder an verschiedenen Orten mit Initiativen der Familienstiftung, der Fondazione Fo-Rame. Gefeiert wurde der kritische Geist, Querdenker und Theatermacher meist alleine, manchmal auch zusammen mit seiner Partnerin Franca Rame (1929 – 2013). Und was besonders im Ausland übersehen wird, erinnert wurde ebenso an den Autor von Dutzenden Lieder- und Songtexten (Musik oft von Fiorenzo Carpi). Die Stadt Mailand widmete Dario und Franca jetzt eine Gedenktafel an ihrer langjährigen Wohnstätte in der Via Porta Romana.
DIE BÜHNE ALS PIAZZA
Das Piccolo Teatro holt das Kino auf die Bühne und inszeniert den Filmklassiker „Miracolo a Milano“ aus den 1950er-Jahren für das Theaterpublikum von heute – und spiegelt zugleich die gegenwertige Stadtentwicklung in jener der Vergangenheit Mailand – Als der Film „Miracolo a Milano“ von Vittorio De Sica und Cesare Zavattini 1951 in die Kinos kam, reagierte die Kritik gespalten. Einerseits war der fabelhafte Charakter dieses „Wunders von Mailand“ verdächtig und wurde als sozial vertröstend kritisiert. Anderseits wurde das Märchenhafte als Überwindung eines inzwischen steril empfunden Neorealismus gefeiert und die „favola bella“ als der Traum einer besseren Welt. 75 Jahre danach holt das Piccolo Teatro das Kino von einst in einer theatralischen Bearbeitung auf die Bühne. Mit vielen Einspielungen von Filmsequenzen, aber auch mit Videobildern der Metropole von heute, möchte die Inszenierung von Claudio Longhi eine Hommage an Mailand sein und zugleich einen kritischen Blick auf die Gegenwart bieten.
BUONGIORNO!
Vage Erinnerungen bei einem Tötungsdelikt und die Lebenskrise eines Anwalts in dem Roman „Der Horizont der Nacht“ von Gianrico Carofiglio. Im Gespräch unterstreicht der Autor die Bedeutung des Zweifels Mailand/Bari – Eigentlich ist das Fall von Anfang an klar, der sich in Bari, der Regionalhauptstadt Apuliens, abgespielt hat. Täterin und Opfer sind bekannt. Eine Frau, Elvira, hat den gewalttätigen Liebhaber ihrer Zwillingsschwester erschossen, die wenig zuvor aus Verzweiflung den Freitod gesucht hatte. Doch für den Anwalt Guido Guerrieri ist es nicht klar, ob Elvira vorsätzlich getötet hat oder ob sie, wie sie später behauptet, im Laufe einer Auseinandersetzung aus Notwehr gehandelt habe. Zeit und Erinnerung werfen Fragen auf. Ihre Beantwortung wird in einem Prozess über das Strafmaß und damit über die zukünftigen Lebensumstände von Elvira entscheiden. Das ist der kriminalistische Spannungsbogen in dem Roman „Der Horizont der Nacht“ von Gianrico Carofiglio, den Verena von Koskull im Folio Verlag aus dem Italienischen übersetzt hat.
WENN DIE FINSTERNIS SICH VERFLÜCHTET
In Deutschland eher am Rande wahrgenommen, in Italien ein Longseller: „Der wiedergefundene Freund“ des Stuttgarter Autors Fred Uhlman Mailand – Was und wen lesen die Italiener? Alles mögliche, aber kaum Bücher aus dem deutschen Sprachraum. Die Literaturbeilage „tuttolibri“ der Turiner Tageszeitung „La Stampa“ hatte kürzlich eine Untersuchung zum vergangenen Jahr 2025 veröffentlicht. Unter den 100 meistverkauften Titeln finden sich vor allem italienische Autorinnen und Autoren, aber auch Übersetzungen aus vielen Sprachen – Spitzenreiter ist Dan Brown – allerdings keine einzige aus dem Deutschen. Die geringe Anerkennung deutschsprachiger Autoren in Italien beim breiten Publikum bestätigen regelmäßig die seit Jahren gemeinsam von den wichtigsten Tageszeitungen jeweils wöchentlich veröffentlichten Bestsellerlisten. Dennoch sind sie auch für eine positive Überraschung gut, die zwar nicht zu einer Übersetzung aus dem Deutschen, doch nach Deutschland, nach Stuttgart führt.
