„IN MEINEM ROM“

    Gastbeitrag: Zum Tod von Friedrich Christian Delius eine Grabrede von Peter Kammerer

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    Friedrich Christian Delius. Rom, 13. Februar 1943 – Berlin, 30. Mai 2022

    Urbino/ Berlin – Friedrich Christian Delius, 28, Stipendiat der Villa Massimo in Rom, schrieb 1971 in einem Gedicht an Nikolaus Born: Mensch Born,/ wenn Du hierher kommst, wirst du das alles auch erleben,/ auf deine gute Bornsche Weise, aber/ ich schreib dir schon mal, was/ mir so durch den Kopf geht,/ wenn ich beispielsweise mit zwei, drei/ Briefen rüber zum Briefkasten an der Piazza Bologna geh./ In diesen/ Briefen habe ich geschrieben: alles ok, etwas vom Frühling,/ etwas vom Tischtennis und unserer Arbeit, und etwas, was wir hier/ in den Zeitungen lesen –  FC arbeitete damals an der Fertigstellung von „Unsere Siemenswelt“. Er gab mir einen Durchschlag des Manuskripts zu lesen. Mir entging nicht die unmittelbar politische, wohl aber die große sprachliche Leistung dieser Satire und ihrer Methode der Enthüllung durch Nachahmung. Dann erteilte der Siemens-Konzern „den Linken aller Fraktionen“ Nachhilfeunterricht und strengte einen für den Autor existenzgefährdenden Prozess an. Beweis, „dass das Buch auch ganz nützlich ist“, hat er mir im Februar 1973, bei der Vorbereitung der bereits vierten Auflage geschrieben.  Und wenige Wochen vor seinem Tod bemerkte er im Rückblick: Damals kämpfte ich darum, ein Autor zu werden und kein Feigling zu sein. Das Letztere wäre verständlich gewesen, passte jedoch nicht zu meiner protestantischen Prägung.

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    ERWEITERUNGEN, PERSPEKTIVEN

    Der 60. Salone del Mobile und die Design week in Mailand. Eine zentrale Rolle spielt die Triennale und ihr Palazzo dell'Arte u.a. mit einer Memphis-Ausstellung. Und die 23. Internationale Triennale di Milano steht vor der Tür

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    Memphis-Ausstellung in der Triennale

    Mailand (bis 12.6.) – Zum 60. Mal findet der Salone del Mobile statt. Auf dem Messegelände im Mailänder Vorort Rho zeigen 2000 Aussteller, darunter 600 junge Designer unter 35, ihre Entwürfe, Idee, Produkte. Trotz der globalen Problemstellungen (Klimawandel, Pandemie, Krieg in der Ukraine) möchte man mit Design ein positives, optimistisches Bild „für ein besseres Leben auf diesem verletzlichen Planeten“ vermitteln, wie es in einer Mitteilung heißt. In Italien sind im Sektor rund 34.000 Unternehmen, davon die meisten im Großraum Mailand, mit mehr als 64.000 Beschäftigten tätig. Damit ist Italien das führende „Design-Land“ in Europa, hier wird 15 Prozent des Umsatzes der EU erwirtschaftet.

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    Sprache und Kultur

    Die Deutsch-Italienische Kulturbörse in Düsseldorf - ein Beitrag zur Völkerverständigung und für den Frieden in Europa

    Alte Kulturstadt - idealisierte Stadtansicht von Matthäus Merian um 1647 (Kupferstich)

    Mailand/Düsseldorf – Die Vereinigung Deutsch-Italienischer Kultur-Gesellschaften (VDIG) veranstaltet seit 1989 in der Regel alle zwei Jahre eine Kulturbörse zur Begegnung von Italienern und Deutschen im europäischen Kontext. In diesem Jahr findet sie vom 10. Bis 12. Juni in Düsseldorf statt. Ausrichter der XVI. Kulturbörse 2022 sind gemeinsam mit der VDIG drei ehrenamtlich arbeitenden Deutsch-Italienischen Gesellschaften: DIG Düsseldorf, Italia Altrove und der Verein Düsseldorf Palermo. „Wir alle sind überzeugte Europäer und leisten unseren Beitrag für Europa, indem wir hier die italienische Sprache und Kultur vermitteln und uns inspirieren lassen von dem, was der jeweils andere zu bieten hat.“ So die VDIG-Präsidentin Rita Marcon-Grothausmann zur diesjährigen Veranstaltung. Etwa 150 Gäste aus Deutschland und Italien wollen bei der Kulturbörse über gemeinsame Arbeitsansätze und deren Entwicklung in der Zukunft diskutieren.

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    Am Gardasee

    © Cluverius

    Blick auf den Lago di Garda vom Castello Scaligero in Sirmione aus

    Desenzano sul Garda/ Sirmione, Anfang Juni – Eine kleine Tour führt zu drei staatliche Einrichtungen unter der Direzione Regionale Musei Lombardia an den Gardasee. Sie beginnt in Desenzano sul Garda bei den Ausgrabungen einer römischen Villa, die bis zum 4. Jh. n. Chr. mehrfach verändert wurde. Möglich, dass sie zuletzt von einem Bruder des Kaisers Magnentius (350-353 n. Chr.) erweitert wurde – auf diesen Flavius Magnus Decentius geht angeblich auch der Name von Desenzano zurück. Von seiner Villa öffnete sich ein Panoramablick auf den See. Inzwischen von einem Wohnviertel umgeben, liegt sie eher versteckt und zählt zu den weniger bekannten Attraktionen von Desenzano. Erst im letzten Jahrhundert entdeckt spiegeln die Ausgrabungen der Villa Romana noch das Forschungsbemühen von Wissenschaftlern wider. Die Anlage erschließt sich nicht sofort beim Besuch (auch, weil die angebotene App der drei Einrichtungen schwer runterzuladen und nicht leicht zu bedienen ist). Dennoch lohnt das Kommen allein wegen der herrlichen Fußbodenmosaike.

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    DAS DENKEN ALS COLLAGE

    Italien feiert Louise Nevelson in mehreren Ausstellungen unter anderem in Venedig und in Mailand

    © Cluverius

    Ein Leben mit Collagen - Arbeiten aus den 1960er- und 1970er-Jahren von Louise Nevelson selbst arrangiert (Galerie Giò Marconi, Mailand)

    Mailand/Venedig – In historischen „Kapseln“ erinnert die diesjährige Biennale dell‘Arte u.a. an die US-amerikanische Künstlerin Louise Nevelson (Kiew 1899 – New York 1988). Ihre vom Kubismus beeinflussten und ebenso mit der Arte Povera verwandten Arbeiten kann man aber vor allem auf zwei größeren Ausstellungen in Mailand und in Venedig verfolgen. Dazu kommt eine kleine Initiative in Castelfranco Veneto. In Venedig stehen in den gerade restaurierten und wieder zugänglich gemachten Procuratie Vecchie an der Piazza San Marco die Skulpturen und Wandinstallationen im Mittelpunkt. In Mailand geht es um die Collagen auch im Zusammenhang mit der Buchveröffentlichung „Out of Order. The Collages of Louise Nevelson“ in englischer Sprache.

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    BRÜCKEN DER WISSENSCHAFTEN UND DER KÜNSTE

    50 Jahre Deutsches Studienzentrum in Venedig und das grenzüberschreitende Denken

    © Stefan Imperi / DSZV

    Sitz des Deutschen Studienzentrums Venedig: Der Palazzo Barbarigo della Terrazza am Canal Grande aus dem 16./17. Jahrhundert mit der schönsten Terrasse der Lagunenstadt.

    Mailand/Venedig – Mit einer Feierstunde in der Sala del Capitolo der Scuola Grande di San Rocco hat das Deutsche Studienzentrum Venedig (DSZV) sein 50-jähriges Bestehen begangen. Die Herausforderungen der Gegenwart, wie sie sich auch dramatisch in der globalen Klimakrise entwickeln und durch die Pandemie noch lesbarer geworden sind, können nur durch grenzüberschreitendes Verstehen und Forschen gemeistert werden. Ein Denker wie Wolfgang Welsch, der seit Langem transdisziplinäre (und transkulturelle) Ansätze verfolgt, unterstrich in einem plauderhaften und zugleich differenzierten Festvortrag die Notwendigkeit, über die Grenzen des jeweils eigenen Fachgebiets immer wieder Brücken zu anderen Disziplinen zu schlagen. Was gerade das Studienzentrum vorlebt, indem es Stipendiatinnen und Stipendiaten verschiedener wissenschaftlicher, aber auch künstlerischer Arbeitsbereiche Möglichkeiten gibt, in der Lagunenstadt eigene Projekte im Austausch mit anderen zu verfolgen und zu verwirklichen.

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    IN NEUEM LICHT

    Der Kirchenbau der protestantischen Gemeinde Mailand (CCPM) nach einer umfassenden Restaurierung und nach Umbauarbeiten in einer reich bebilderten Dokumentation, die gerade erschienen ist.

    © CCPM

    Die Kanzel - wie bei der Gründung der Kirche 1864 - in zentraler Position, nachdem sie ein paar Jahrzehnte lang seitwärts positioniert war. Hinter dem Altar ist der Grundstein sichtbar.

     MailandVor mehr als 170 Jahren gründeten Schweizer Reformierte und deutsche Lutheraner in Mailand eine protestantische Gemeinde unter der offiziellen Bezeichnung „Evangelische Versammlung“. Wenig später konnte sie sich als „Chiesa Cristiana Protestante in Milano“ (CCPM) ein Statut geben. 1864 wurde der Bau eines eigenen Kirchengebäudes im neugotisch-lombardischen Stil an der damaligen Via Carlo Porta (heute Via Marco de Marchi) eingeweiht. Nach vielen kleinen Maßnahmen zur Pflege des Gebäudes und der Anlage waren in den 2010er-Jahren größere Renovierungs- und Umbauarbeiten nötig, die 2017 abgeschlossen werden konnten. Eine kleine  zweisprachige Veröffentlichung der CCPM unter dem Titel „In neuem Licht / In nuova luce“, die gerade erschienen ist, dokumentiert und wertet diese Arbeiten. Die geben der Gemeinde auch die Möglichkeit, ihre Aktivitäten nicht nur geistlich, sondern ebenso kulturell und gesellschaftlich auszuweiten.
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    „DIE MILCH DER TRÄUME“

    Die 59. Internationale Kunstaustellung Venedig steht unter dem Titel „The Milk of Dreams“. Anregend und zugleich zukunftskritisch dreht sich die Hauptausstellung mit Arbeiten von vor allem Künstlerinnen um das Thema der Verwandlungen. Unter den 80 nationalen Beteiligungen bleibt der Pavillon Russlands geschlossen, den deutschen bespielt Maria Eichhorn.

    © Cluverius

    Ohne Blickkontakt: Mit Brick House, 2019, von Simone Leigh (USA) werden Besucher bei der Hauptausstellung der Biennale 2022 im Arsenale empfangen. Die afromerikanische Künstlerin wurde auch mit einem goldenen Löwen ausgezeichnet.

    Venedig (Arsenale/Giardini della Biennale bis 27.11.) Es sind ganz unterschiedliche Eindrücke, die ein Rundgang durch die Hauptausstellung der 59. Kunstbiennale vermittelt. Gleich am Anfang in der ehemaligen Seilerei des Arsenale sieht man sich einer riesigen schwarzen Bronzestatue einer afrikanischen Frau ohne Augen gegenüber („Brick House“). Die Basis dieser Arbeit der afroamerikanischen Künstlerin Simone Leigh erinnert an eine kuppelförmige Lehmhütte. Etwas später wird man mit der prallen Sexualsymbolik im monumentalen surrealistischen Wandgemälde „Pisser Triptych“ der Schweizerin Louise Bonnet konfrontiert. Unter der Eingangskuppel des zentralen Pavillons der Giardini thront superrealistisch das bekannte, rund 4 Meter hohe Abbild einer Elefantin von Katharina Fritsch. Die 66jährige Künstlerin aus Essen wird in diesem Jahr gemeinsam mit der Chilenin Cecilia Vicuña mit einem goldenen Löwen für das Lebenswerk ausgezeichnet. Ein paar Räume weiter kann man einer Tanzperformance unter der Anleitung der Rumänin Alexandra Pirici beiwohnen.

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    NEUE FREUNDLICHKEIT

    Die Skulptur „You“ oder Warum Maurizio Cattelan Angela Merkel sein möchte

    © Roberto Marossi

    "You", Skulptur von Maurizio Cattelan (2021) in der Casa Wassermann (Silikonplatin, Glasfaserepoxid, Edelstahl, echtes Haar, Hanftücher und Hanfseile, Blumen; 140 × 40 × 25 cm; Credits by Roberto Marossi. Courtesy the artist and MASSIMODECARLO)

    Mailand (Galleria Massimodecarlo bis 25. 6.)Hier hängt er nun im blauen Anzug mit Krawatte, einen Blumenstrauß in der Hand, barfuß und den Strick um in den Hals im grünen Marmorbad der Mailänder Galerie von Massimo De Carlo: eine der typischen Puppen von Maurizio Cattelan, die sein Antlitz - diesmal mit einem traurigen Lächeln - tragen. You nennt sich diese brandneue Arbeit. Aber was die einen schockiert, lässt andere nur gähnen. Cattelan, einst mit dem betenden Hitler, dem erschlagenen Papst oder dem erhängten Kind ein willkommener Provokateur und Meister der Ironie, so die Kritikerin Alessandra Mammì in der Zeitschrift Artribune, wiederhole sich nur noch müde selbst. Schockierend seien die Zeitläufe, nicht eine erhängte Puppe im Nobelklo.

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    Im Theater: Edipo Re. Una favola nera.

    Die Inszenierung des Teatro Elfo Puccini verwandelt die Tragödie des Ödipus in ein faszinierendes Kaleidoskop von Traumbildern

    © Lorenzo Palmieri / Teatro Elfo Puccini

    Ödipus (Valentino Mannias) - von Schreckensbildern heimgesucht

    Mailand (Teatro Elfo Puccini bis 14.4.) – Das ist die Fabel eines Jungen aus einer Hirtenfamilie, der das Böse besiegt, die Stadt befreit, dafür zu ihrem König ernannt wird und die schöne Witwe des vorherigen Königs zur Frau bekommt. Die Fabel schlägt aber um in eine Katastrophe, als der König Ödipus erfährt, dass er, wie vom Orakel vorhergesehen, der Mörder seines Vaters ist und schließlich sogar seine eigene Mutter geheiratet und mir ihr Kinder erzeugt hat. Der mythische Stoff ist von Sophokles in „König Ödipus“ (um 429 v. Chr.) als klassische Tragödie gestaltet worden mit der Botschaft, dass es unmöglich sei, seinem Schicksal zu entkommen. Die Bearbeitung durch Ferdinando Bruni und Francesco Frongia am Mailänder Teatro Elfo Puccini geht über Sophokles hinaus und führt einen Ödipus vor, der sich dem Mythos in von Form Traumgestalten erwehren will, aber schließlich in der unmöglichen Wahl zwischen Freiheit und Notwendigkeit gefangen bleibt.

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    EINE ABSURDE SELBSTÜBERSCHÄTZUNG

     

    Schwierige Verhältnisse, konfliktreiche Beziehungen: Mensch, Natur und Landschaft. Ein Gespräch mit dem Wiener Historiker Philipp Blom

    © Cluverius

    Natur zwischen Ästhetik und Bedrohung - Landschaft auf Sardinien (Magomadas) 

    Mailand – Mensch und Natur kann man nicht getrennt denken. Davon ist der Wiener Historiker, Essayist und Schriftsteller Philipp Blom überzeugt. Im Interview spricht er von „einer absurden Selbstüberschätzung des Menschen“, der sich über Natur stellt. Er fordert, das Verhältnis „zwischen uns und dem Rest der Natur“ neu zu definieren,  und fragt sich nach der Rolle, die Landschaft dabei spielen kann. Philipp Blom wurde 1970 in Hamburg geboren, studierte Philosophie, Geschichte sowie Judaistik in Wien und Oxford, und lebt heute in Wien.

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    In Italien

    © Cluverius

    "Anmut der Formen" – Landschaft bei Urbino

    Mailand (Auszug aus "Gebrauchsanweisung für Italien", Neuausgabe) – Italien hat alles. Es hat hohe, prächtige Berge, an der Grenze zu Frankreich sogar die höchsten Europas. Es hat von flirrendem Licht durchzogene Ebenen in den Niederungen des Po sowie im Küstenland Venetiens und des Friauls. Es hat ein kräftiges Mittelgebirge, das sich wie eine Art Wirbelsäule die Halbinsel entlangzieht, die nach ihm seinen Namen trägt: Apenninhalbinsel. Es hat herrliche Binnenseen. Es hat, die Inseln eingeschlossen, mehr als 8000 Kilometer lange Küsten, meist felsig, aber auch oft sandig auslaufend, zur besonderen Freude der Badegäste.

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    DAS GEHEIMNIS DER BUCHSTABEN

    Maddalena Fingerle ist mit dem Roman „Muttersprache“ ein bemerkenswerter Erstling gelungen, den Maria Elisabeth Brunner ebenso bemerkenswert übersetzt hat (Folio Verlag)

    © Cluverius

    Saubere Wörter: "Eine schöne Sache aber gibt es in Bozen, und das ist das Wasser des Flusses..."

    Mailand – Der junge Italiener Paolo Prescher wächst in Bozen unter nicht ganz leichten Umständen auf. Sein Vater ist verstummt, seine größere Schwester bösartig und verlogen, seine Mutter vor allem mit sich selbst beschäftigt und Jan, sein bester Schulfreund, macht sich noch in die Hose. Kein Wunder, dass auch der junge Paolo Nerven zeigt: übersensibel an der Grenze zum Wahn leidet er darunter, dass ihm die Wörter „dreckig“ gemacht werden. Er merkt, „dass die Sprache, die ich spreche, schmierig ist und ich es nicht mehr schaffe, mich auszudrücken.“ Das ist die Ausgangssituation des Romans „Muttersprache“ von Maddalena Fingerle, der in der ­– um es gleich zu sagen – tollen Übersetzung von Maria Elisabeth Brunner bei Folio (Bozen/Wien) vorliegt.

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    In Parma

    © Cluverius

    Führt erschreckend wenig Wasser: der Parma-Fluss an einem trüben Tag kurz vor Frühlingsanfang

    Parma, Mitte März – Der Himmel liegt grau über der Stadt Correggios und Toscaninis, aber Regen will nicht fallen. Der Fluss Parma verliert sich in seinem tief gelegenen Bett. Er tröpfelt dahin, als sei Hochsommer, dabei blühen gerade erst die Kirschbäume. In der Caffetteria an dem Viale Toschi glitzert noch die Weihnachtsdeko über dem Tresen. Bevor man bestellt, weist der Gast sich durch seinen „Greenpass“ aus. Auf einem der Tische liegt die Gazzetta di Parma. 450 Flüchtlinge aus der Ukraine sind angekommen. Die meisten finden Unterkunft bei Verwandten und Bekannten oder in religiösen Einrichtungen. Tagesgespräch ist das Fußballstadion. Das neue „Stadio Ennio Tardini“ soll das alte (aus den 1920er Jahren, zuletzt umgebaut 1993) nicht komplett ersetzen, sondern am selben Ort erweitern und modernisieren.  Am Teatro Regio laufen die letzten Proben für Bellinis „Norma“ dirigiert von Sesto Quatrini aus Vilnius (Litauen). Während man am späten Vormittag vorbei am Verdi-Denkmal auf den Palazzo della Pilotta zugeht, warten einige Schüler und Studenten aber auch Rentner auf den kniehohen Einfassungen der Piazza della Pace sitzend vergeblich auf Sonne. Hunde werden spazieren geführt.

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    "INTERNATIONALE PERSPEKTIVEN"

    Casa di Goethe (2): Gregor H. Lersch wird neuer Leiter der Casa di Goethe in Rom. Die von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien finanzierte Einrichtung kann im Mai ihr 25jähriges Jubiläum feiern

    © Casa di Goethe

    Blick in die Räume der festen Ausstellung (im Vordergrund eine Kopie des berühmten Gemälde von Tischbein "Goethe in der Campagna"

    Mailand/ Rom – Wachwechsel an der Casa di Goethe in Rom: Der Kulturwissenschaftler Gregor H. Lersch folgt im April auf die Literaturwissenschaftlerin Maria Gazzetti, die die Einrichtung von 2013 an bis jetzt geleitet hat – in der Nachfolge auf die Historikerin Ursula Bongaerts, die die Casa di Goethe 1997 aufgebaut und 16 Jahre lang geführt und geprägt hatte. Der 43jährige Gregor H. Lersch hatte zuletzt am Jüdischen Museum Berlin den Bereich Ausstellungen verantwortet. Die Casa di Goethe ist eine kleine, aber lebendige deutsche Kultureinrichtung  mit einer festen Sammlung (Kunstgegenstände und Dokumente zu Goethe und der Goethezeit in Italien), wechselnden Ausstellungen, Bibliothek und Veranstaltungen. Träger ist der Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute e. V. (AsKI) in Bonn, finanziert wird sie von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Es ist das Anliegen des neuen Leiters, „die italienische Öffentlichkeit für diesen vielschichtigen literarischen Erinnerungsort zu begeistern und hier internationale Perspektiven aus Kunst und Literatur zu diskutieren.“

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    DEUTSCH-RÖMISCHES PUZZLE

    Casa di Goethe (1):  Friedrich Noack (1858-1930) in Italien. Schreiben, Kunst & Forschung. Eine Ausstellung

    © Casa di Goethe/mostra Noack

    Friedrich Noack als Aquarellist: Blick auf San Pietro (Ausschnitt)

    Mailand/Rom (Casa di Goethe bis 18.9.) - Das 19. Jahrhundert und die Deutschen in Rom: „Mit Vorliebe setzten sich zwei oder drei Landsleute in eine versteckte Weinkneipe zusammen und schimpften auf die anderen.“ So zitiert der Kulturhistoriker Friedrich Noack, der von 1891 bis 1915 als Korrespondent für die Kölnische Zeitung in der Hauptstadt des noch jungen italienischen Einheitsstaates lebte, einen Zeitgenossen. Das Zitat findet man in Noacks monumentalem Werk „Das Deutschtum in Rom seit dem Ausgang des Mittelalters“, in dem der Autor eine ganz andere Haltung einnimmt: die des neugierigen Forschers und Sammlers von Informationen über die Geschichte seiner Landsleute. In mehreren Jahrzehnten legte er eine riesige Namenskartei von Deutschen unterschiedlicher Berufe an, die in der Neuzeit bis zum Beginn des ersten Weltkriegs in Rom Spuren hinterlassen hatten. Die Casa di Goethe Rom, das nach ihrem Selbstverständnis „einzigen deutschen Museum im Ausland“, hat Noack jetzt eine Ausstellung gewidmet.

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    »DAS SPIEL VON BEHAUPTUNG UND WIDERRUF«

    Zwischen Ästhetik und Körper, zwischen Sprache und der physisch-erotischen Ebene. Vor 100 Jahren wurde Pier Paolo Pasolini geboren. Ein Gespräch mit Peter Kammerer.

    © Gabinetto Scientifico Letterario G.P. Vieusseux

    Pier Paolo Pasolini: Selbstbildnis mit einer Blume im Mund 1947. Die Arbeit wird auf der Ausstellung in Rom "Pasolini pittore" in der GAM ab 14.10 zu sehen sein (Courtesy Gabinetto Scientifico Letterario G.P. Vieusseux).

    Mailand/Urbino – Unter den vielen Jahrestagen, die von der italienischen Kultur in diesen Wochen mehr oder weniger feierlich aufgegriffen werden (Beppe Fenoglio, Renata Tebaldi, Giovanni Verga etc), sticht der 5. März heraus. Am 5. März 1922 wurde Pier Paolo Pasolini in Bologna geboren. Am 2. November 1975 wurde er unter bislang nicht restlich geklärten Umständen in Ostia ermordet. Der Intellektuelle (Schriftsteller, Essayist, Filmemacher, bildende Künstler), der offen seine Homosexualität ausgelebt hatte, liegt bis heute mit seinen Arbeiten als unabhängiger Marxist und Fortschrittskritiker wie ein Fremdkörper in der Geschichte der italienischen Kultur und Gesellschaft. Obgleich als Zeitzeuge unbestritten, galt und gilt er  als Ärgernis. Dennoch war er vielen, wie Dacia Maraini („Pier Paolo, l’amico fragile“), Alberto Moravia oder Maria Callas, Freund.

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    Im Theater: Eichmann. Dove inizia la notte

    Das neue Stück von Stefano Massini – eine Befragung von Eichmann durch Hannah Arendt – wurde im Mailänder Piccolo Teatro uraufgeführt.

    © Tommaso La Pera / Piccolo Teatro

    Banalität des Bösen: Eichmann (Paolo Pierobon) und Hannah Arendt (Ottavia Piccolo)

    Mailand (Piccolo Teatro) – Adolf Eichmann leitet während des Nationalsozialismus bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an zentraler Stelle die Verfolgung und Deportation von Juden in Deutschland und in den besetzten Gebieten. Vom israelischen Geheimdienst 1960 in Argentinien aufgespürt wurde er nach Israel gebracht, wo ihm ein öffentlicher Prozess gemacht und wo er schließlich zum Tode verurteilt wurde (Vollstreckung 1962). Den Prozess verfolgte die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt. Sie veröffentlichte anschließend  ihr berühmtes Buch „Eichmann in Jerusalem“ über die Banalität des Bösen. Der italienische Autor und Dramaturg Stefano Massini hat aus den Prozess-Akten und dem Arendt-Buch das Theaterstück „Eichmann. Dove inizia la notte“ (Wo die Nacht beginnt) entwickelt. Der Einakter, produziert von den Stadttheatern in Bozen und Venedig, wurde jetzt in Mailand am Piccolo Teatro in der Regie von Mauro Avogadro uraufgeführt.

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    ARTUROS INSEL

    Procida zwischen Verkehrsbeschränkungen und einem Lesemarathon der Vereinigung Deutsch-Italienischer Kultur-Gesellschaften von Stuttgart bis Hamburg

    © Comune Procida

    Reisender kommst du nach Procida, lass dein Auto zuhause - die italienische Kulturhauptstadt 2022 beugt dem Verkehrschaos vor

    Mailand – Procida, „Arturos Insel“ im Roman von Elsa Morante, bereitet sich auf die Saison als italienische Kulturhauptstadt 2022 vor. Um den zu erwartenden Zufluss von Besuchern zu regulieren, hat die Gemeindeverwaltung beschlossen, den Auto- und Motorradverkehr mit Ausnahme der Anwohner drastisch einzuschränken. Oder wie es im Paragraph eins einer kommunalen Anordnung heißt:  „Vom 1. März 2022 bis zum 31. Dezember 2022 ist es verboten, auf der Insel Procida Kraftfahrzeuge, Motorräder und Mopeds zu fahren, die nicht der ständig auf der Insel ansässigen Bevölkerung gehören, auch wenn sie im Miteigentum von dort ansässigen Personen stehen.“ Als Elsa Morante ihren Roman 1956 schrieb, in dem es um Kindheitserinnerungen aus den 1920er Jahren auf einer paradiesischen Insel geht, spielt der KFZ-Verkehr absolut keine Rolle. Wie auch die Leserinnen und Leser erfahren, die am diesjährigen Lesemarathon der Vereinigung Deutsch-Italienischer Kultur-Gesellschaften (VDIG) teilnehmen.

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    DER MENSCH IM MITTELPUNKT

    Fotoarbeiten der Fondazione MAST in Bologna erzählen Geschichten aus der Arbeitswelt vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute

    © Sebastio Salgado/Amazonas Images/Contrasto

    Zwischen Ästhetik und Schrecken: Foto von Sebastiao Salgado - Rohölbrunnen in Burhan, Kuweit 

    Bologna (Mast bis 22.5.) – Die Stiftung MAST präsentiert in Bologna eine außergewöhnliche Auswahl von über 500 Fotografien, Fotoalben und Videos von rund 200 Autorinnen und Autoren aus ihrer eigenen Sammlung. Ikonische Fotografien von weltberühmten Autoren wie Man Ray oder Herbert List, Dorothea Lange oder Gabriele Basilico, aber auch Arbeiten weniger bekannter oder unbekannter Fotografen und Künstler erzählen von der Welt der Arbeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute. Die Ausstellung, die Urs Stahel (Universität Zürich) kuratiert hat, schlängelt sich die Form eines Alphabets an den Wänden der drei Ausstellungsräume entlang und reicht mit 53 Kapiteln von A wie „Abandoned“ bis W wie „Waste“, „Water“ und „Wealth“.

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    DURCH NACHT UND NEBEL

    Eine Privatsache“, der große Roman von Beppe Fenoglio über den italienischen Widerstand, ist endlich wieder in deutscher Übersetzung (bei Wagenbach) greifbar. Der Autor wäre jetzt 100 Jahre alt geworden.

    © Aldo Agnelli/Centro Beppe Fenoglio

    Beppe Fenoglio im Jahr 1958. Das Centro Studi Beppe Fenoglio (Alba) veranstaltet 100 Jahre nach seiner Geburt das ganze Jahr 2022 ein reiches Programm (Beppe Fenoglio 22)

    Mailand/Alba – Der Roman „Una questione privata“ von Beppe Fenoglio (1922-1963)  erzählt eine Begebenheit aus der Zeit des italienischen Widerstands kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges. Es sei schwer, schreibt Nicola Lagioia in einem Beitrag (hier) für die Turiner Tageszeitung La Stampa, "in der italienischen Literatur der vergangenen hundert Jahre einen Roman zu finden, in dem sich Liebe und Krieg, Jugend und Tod auf solch magische Art verknüpfen." Der Roman wurde posthum einige Monate nach dem Tod des Autors veröffentlicht. Was bis heute Spekulationen über das dramatische und zugleich offene Ende des Protagonisten Milton nährt – wollte Fenoglio etwa noch ein Schlusskapitel schreiben? Der Wagenbach Verlag hat nun die deutsche Ausgabe „Eine Privatsache“ in der Übersetzung von Heinz Riedt aus dem Jahr 1968 – ursprünglich bei Benziger (Zürich) erschienen – zusammen mit einem aktuellen Nachwort von Francesca Melandri wieder aufgelegt.

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    EIN STURM DER ENTRÜSTUNG

    30 Jahre „mani pulite“: unter den juristischen Untersuchungen gegen Korruption und illegale Parteienfinanzierung zerbrach das traditionelle Parteiensystem Italiens

    © Corriere della Sera

    Bericht im Mailänder Lokalteil des Corriere della Sera über die Verhaftung von Mario Chiesa, nachdem er auf frischer Tat bei Kassieren von Korruptionsgeldern ertappt worden war - bald ein Fall nicht nur für den Lokalteil der Zeitung

    Mailand - Am 17. Februar 1992 wurde in Mailand Mario Chiesa, der Direktor einer kommunalen Sozialeinrichtung und führendes Mitglied der Sozialistischen Partei Mailands, auf frischer Tat ertappt, als er ein Bestechungsgeld einkassierte. In dem Augenblick konnte niemand ahnen, dass die Festnahme Chiesas eine Lawine lostreten würde, die das politische Italien überrollen und von Grund aus verändern sollte. Denn Chiesa war, wie sich bald herausstellte, kein Einzelfall. Korruption war längst ein Mittel zur illegalen Parteienfinanzierung, von der mehr oder weniger alle politischen Organisationen Italiens profitierten. Unter dem Schlagwort „mani pulite“ – „saubere Hände“ wurde das betrügerische Finanzierungssystem jetzt von der Justiz öffentlich gemacht und zum Skandal.

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    KAUFHAUS DER SCHÖNHEIT

    Mailand: Wie die Grand Tour die Kunstszene in Italien belebte. Eine prächtige Ausstellung in den Gallerie d’Italia  

    © Cluverius

    Neoklassische Skulpturen und ein Kandelaber aus der Werkstatt von Piranesi (um 1780) in der ehemaligen Schalterhalle eines Mailänder Bankhauses

     Mailand (Gallerie d’Italia bis 27.3.) – Landschaften, die verzaubern, Städte, die faszinieren, Kunstschätze ohnegleichen und ein mildes Klima - die „Marke“ Italien beherrscht den Tourismusmarkt weltweit. Ihre Form prägte sich in der Zeit vom Ende des 17. bis Mitte des 19. Jahrhunderts aus, als Bildungsreisende sich in der „Grand Tour“ zwischen Venedig und Sizilien auf die Suche nach den Zeugen aus Antike und Renaissance machten und es zum guten Ton meist junger Vertreter der oberen Gesellschaftsschichten gehörte, es ihnen gleich zu tun. Während die einen vor allem literarisch Zeugnis ablegten, suchten die kaufkräftigen anderen, künstlerische Zeugnisse als Erinnerungsstücke mit nach Hause zu nehmen. Die prächtige Ausstellung „Grand Tour. Sogno d’Italia da Venezia a Pompei“ in den Gallerie d’Italia-Piazza Scala belegt wie die Kunst – vor allem die Malerei mit Ansichten von Landschaften und Städten aber auch mit Porträts der Reisenden – aufblühte.

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    DIE RÄNDER STÄRKEN

    Das Kulturministerium will gezielt Veranstaltungen von darstellenden Künsten in den Vorstädten fördern

    © Cluverius

    Mehr kultureller Schwung in die Vorstädte mit 22,2 Milionen Euro - hier Mailand Bicocca

    Mailand/Rom ­– Das italienische Kulturministerium hat mit 22,2 Millionen Euro ein Förderprogramm aufgelegt, mit dem Kultureinrichtungen in den Stadtrandbereichen der 14 Metropolzonen des Landes unterstützt werden sollen. Im Vordergrund stehen öffentliche Musik-, Theater-, Tanz- und Kunstveranstaltungen. Die Unterstützung soll die soziale Eingliederung, die territoriale Wiederherstellung und den Schutz von Arbeitsplätzen sowie die Aufwertung des materiellen und immateriellen Erbes durch die darstellenden Künste gewährleisten.

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    BUNT WIE ARLECCHINO

    Italien: Aus der Vielfalt der Zentren für Gegenwartskunst ragen Turin und besonders Mailand heraus – und Venedig als internationale Bühne

    © Cluverius

    Wo sich die Gegenwartskunst der ganze Welt trifft: Die Kunstbiennale 2022 "The Millk of Dreams" wird am 23. April eröffnet - hier ein Eindruck der Giardini und dem Hauptgebäude von der Architekturbiennale 2021

    Mailand – Die Gegenwartskunst in Italien stagniert. Das hat sicher auch damit zu tun, dass das ganze Land einen müden Eindruck macht. Es steht von einigen Bereichen (Mode, Design, Food) ausgenommen nicht im internationalen Interesse, bietet auch keine beispielhaften sozio-politischen Entwicklungen (oder sie verpuffen wie die Fünfsternebewegung in wenigen Monaten) und wird kulturell im Ausland kaum noch wahrgenommen. Immer weniger Künstlerinnen und Künstler aus Italien sind auf internationalen Ausstellungen und Messen präsent, beklagte kürzlich ein Forum zur Gegenwartskunst am Museum Pecci in Prato. Dabei gibt es im Land mehrere Zentren, die zumindest historisch eine Rolle gespielt haben oder sich gerade neu aufstellen und vielleicht Ansätze bieten, der Szene neue Anstöße zu geben.

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    Im Castello Miramare

    © benicultari.it

    Ein Schloss wie aus dem Bilderbuch: Miramare in Triest, wo mediterrane Lebensart sich mit nordischer Atmosphäre vermählt

    Triest, im Februar – „Wir sind heute mit dem Hofzug angekommen“, schreibt Constantin Christomanos, Griechisch Lehrer und Begleiter der Kaiserin Elisabeth („Sissi“), im späten Winter 1892 in sein Tagebuch. „Auf dem Bahnhof von Grignano ausgestiegen. Der Park des Schlosses reicht bis hier herauf, und er duftet und dampft nach dem Regen.“ Den Bahnhof Triest-Grignano gibt es nicht mehr. Park und Schloss Miramare, wo Sissi sich mehrfach in der Sommerresidenz der Habsburger aufhielt, sind dagegen heute eine Attraktion für Touristen und Triestiner gleichermaßen.

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    im Theater: Moby Dick alla Prova

    Elio De Capitani bringt in Mailand Orson Welles mit einem Stück zwischen Shakespeare und Melville auf die Bühne (Teatro dell'Elfo)

    © Marcella Foccardi/Teatro dell'Elfo

    Eine Mannschaft (und eine Truppe von Schauspielerinnen und Schauspielern) machen Jagd auf einen weißen Hai - und beweisen die Kraft des Theaters.

    Mailand  (Teatro dell'Elfo Puccini) ­– Es hat etwas mit Besessenheit zu tun, mit der ein Autor wie Orson Welles im Laufe seines Lebens im Theater, im Kino oder im Radio künstlerische Projekte verfolgte – und oft mit ihnen scheiterte. Dass Theater selbst eine Form von Besessenheit ist, weiß ein Schauspieler, Regisseur und Dramaturg wie Elio De Capitani nur zu gut. Mit  dem von ihm mitgegründeten Teatro dell’Elfo setzt er sich in Mailand seit Jahren mit der Ästhetik amerikanischer Autoren auseinander. So musste irgendwann der Weg zu Welles führen. Und zu dem Stück „Moby Dick Rehearsed“, das jetzt zum ersten Mal überhaupt in Italien als „Moby Dick alla Prova“  aufgeführt wurde. Im Februar wird die Inszenierung nach Turin an das Teatro Stabile di Torino - Teatro Nazionale wandern, das sie koproduziert hat.

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    NETZWERKER IM KULTURELLEN AUSTAUSCH

    Ein Sammelband über Heinrich Mylius, die Lombardei und das nordalpine Europa im frühen 19. Jahrhundert ausgehend von einer Tagung in der Villa Vigoni

    © Villa Vigoni

    Brückenbauer zwischen Süd und Nord: Heinrich Mylius (Frankfurt 1769 - Mailand 1854), Gemälde von Pelagio Palagi (1831) in der Villa Mylius-Vigoni (Loveno di Menaggio/Como)

    Mailand – Im Jahr 1788 wählte ein 19jähriger Deutscher sich Mailand zum Lebensmittelpunkt, um hier die kaufmännischen Interessen seiner Familie aus Frankfurt zu vertreten: Heinrich Mylius (Frankfurt 1769 – Mailand 1854).  Er machte sich bald selbstständig und wurde so als erfolgreicher Unternehmer zu einer wichtigen Figur im Netzwerk zwischen dem deutschsprachigen Raum und Norditalien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Lebenszeit deckt sich mit der historischen Epoche des Übergangs von der frühen Neuzeit und der Moderne („Sattelzeit“). Dazu gehören Napoleons norditalienischer Staat mit Mailand als Hauptstadt (1796-1814), Unruhen in der Lombardei 1821 bzw. 1830 und die berühmten „Cinque Giornate“, der Aufstand im März 1848, der die Österreicher für einige Monate aus Mailand vertrieb.  Aus einer Tagung des deutsch-italienischen Zentrums Villa Vigoni und der Goethe-Universität Frankfurt/Main mit Unterstützung der Werner Reimers Stiftung ist ein Sammelband (Franz Steiner Verlag) hervorgegangen, der Beiträge zum Verhältnis von Heinrich Mylius und seiner Epoche sammelt.

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    In der Oper: Macbeth

    Die Saisoneröffnung der Mailänder Scala weist über das Bühnenerlebnis hinaus

    © Foto Brescia/Amisano (Teatro alla Scala)

    Im Wahn: Lady Macbeth (Anna Netrebko)

    Mailand (bis 29.12.21) -„Macbeth“ an der Mailänder Scala, das war in mehrfacher Hinsicht ein Erfolg. Musikalisch mit den Protagonisten Anna Netrebko (Lady Macbeth), Luca Salsi (Macbeth) und vor allem Ildar Abdrazakov (Banco) sowie dem Scala-Orchester unter der Leitung von Riccardo Chailly. Bewegend der Chor der schottischen Flüchtlinge mit „Patria oppressa – unterdrücktes Vaterland“. Verdi schrieb die Passage für die zweite Fassung des Macbeth, die 1865 uraufgeführt wurde, als Italien zwar vier Jahre zuvor einen ersten Schritt zur Nationalbildung getan hatte, aber der ganzen Nordosten mit Venetien, Trentino, Friaul/Triest noch zu Österreich gehörte und auch Rom ausgeklammert blieb.

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    GELBGRAUE WURMGEWINDE

    Dieter Richter beschreibt in seinem Buch „Con gusto“ die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht. Im Wandel des Geschmacks wird ein kultureller Wandel sichtbar.

    © Indigo Film, Rai Cinema

    Neapolitanische Spaghetti-Schlacht im volkstümlichen Theater (- aus dem Film "Qui rido io" von Mario Martone mit u.a. Toni Servillo rechts auf dem Tisch)

    Mailand – Italienisch essen, das war in den Zeiten der Pandemie, als das Reisen unmöglich war, die einzige Art, sich körperlich mit dem Süden zu verbinden. Entweder über den eigenen Herd, wo inzwischen (fast) jedes Kind schmackhaftes Risotto oder verführerisches Tiramisù vorbereiten kann. Oder beim „Lieblingsitaliener“, der die Speisen zudem mit halb deutschen, halb italienischen Wortfolgen koloriert serviert. Und wenn die Italiensehnsucht in der jüngeren Vergangenheit immer mal wieder gelitten hatte (Berlusconi, Müll in Rom, Algen in der Adria), die kulinarische Variante dieser Sehnsucht blieb ungebrochen. Eine Variante, die sich aber erst langsam in der deutsch-italienischen Geschichte durchgesetzt hat, wie Dieter Richter in seinem wundervollen kleinen Buch Con gusto. Die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht  erzählt (Wagenbach).

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