Buchhandel


Die erste vollständige deutsche Übersetzung des Bandes mit Erzählungen von Beppe Fenoglio „Die 23 Tage der Stadt Alba“ im Wagenbach Verlag unterstreicht nicht nur die bedeutende Rolle des Autors als literarischer Zeuge der Resistenza, sondern auch die Aktualität der Auseinandersetzung mit dem italienischen Widerstand. Mailand/Turin – „Alba nahmen sie mit zweitausend am 10. Oktober ein und verloren es mit zweihundert am 2. November des Jahres 1944.“ So beginnt die Titelgeschichte „Die 23 Tage der Stadt Alba“ einer Sammlung von Erzählungen von Beppe Fenoglio aus dem Jahr 1952. Sie vereint Geschichten der Zeit des Widerstands in Italien gegen Faschismus und deutsche Besatzung 1943-45 mit weiteren Prosatexten über die Jahre unmittelbar nach Kriegsende. Anti-heroische Episoden der Resistenza werden so durch Schilderung des Alltags und der Widersprüche der folgenden Friedensjahre ergänzt. Der Berliner Verlag Klaus Wagenbach hat sie jetzt in seiner Reihe „Klassiker und Wiederentdeckungen“ in einer ersten vollständigen Übersetzung zusammen mit einem gründlichen Nachwort und einem hilfreichen Glossar zum historischen Hintergrund herausgegeben.

DAS EIGENE SCHICKSAL IN DIE HÄNDE NEHMEN


In Deutschland eher am Rande wahrgenommen, in Italien ein Longseller: „Der wiedergefundene Freund“ des Stuttgarter Autors Fred Uhlman  Mailand – Was und wen lesen die Italiener? Alles mögliche, aber kaum Bücher aus dem deutschen Sprachraum. Die Literaturbeilage „tuttolibri“ der Turiner Tageszeitung „La Stampa“ hatte kürzlich eine Untersuchung zum vergangenen Jahr 2025 veröffentlicht. Unter den 100 meistverkauften Titeln finden sich vor allem italienische Autorinnen und Autoren, aber auch Übersetzungen aus vielen Sprachen – Spitzenreiter ist Dan Brown – allerdings keine einzige aus dem Deutschen. Die geringe Anerkennung deutschsprachiger Autoren in Italien beim breiten Publikum bestätigen regelmäßig die seit Jahren gemeinsam von den wichtigsten Tageszeitungen jeweils wöchentlich veröffentlichten Bestsellerlisten. Dennoch sind sie auch für eine positive Überraschung gut, die zwar nicht zu einer Übersetzung aus dem Deutschen, doch nach Deutschland, nach Stuttgart führt.

TRILOGIE DER WIEDERKEHR



Büchertipps für Weihnachten und zum Jahreswechsel: Giosuè Calaciura, Elsa Morante und Dacia Maraini erzählen in aktuellen Übersetzungen ihrer Arbeiten von Verletzlichkeit, Widerstand und Identitätsbildung Mailand  – Ich, der Sohn von Giosuè Calaciura (Edition Converso), Cara Elsa. Briefe von und an Elsa Morante (Verlag Klaus Wagenbach) und Ein halber Löffel Reis. Kindheit in einem japanischen Internierungslager von Dacia Maraini (Folio Verlag) – diese drei Bücher kreisen auf jeweils eigene Weise um Fragen von Identität, Herkunft und Selbstbehauptung. In unterschiedlichen Formen – Roman, Briefsammlung und autobiografischer Erinnerung – zeigen sie, wie fragile, suchende Stimmen inmitten von Krieg, Verfolgung und ideologischer Enge dennoch Würde und inneren Widerstand bewahren. Literatur erscheint hier nicht nur als ästhetische Praxis, sondern als Akt des Zeugnisses, der Erinnerung und des Überlebens. Drei Bücher als Empfehlung für die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel zum Lesen und/oder zum Verschenken:

SUCHENDE STIMMEN


Peter Kammerer erinnert in einem Gastbeitrag an den Umweltaktivisten und Pazifisten Alexander Langer (1946-1995), an die Gründung der deutschen Grünen und an die Notwendigkeit, Feindbilder zu unterlaufen.   Mailand/Rom – Der Südtiroler Alexander Langer wurde 1946 in Sterzing als Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter geboren. Der Journalist, Politiker, Umweltaktivist und Mitbegründer der italienischen Grünen war ein Brückenbauer zwischen Kulturen und Sprachen. Im Gegensatz zur olympischen Anmaßung „citius, altius, fortius“ (schneller, höher, stärker) widmete er sich unter der Losung „lentius, profundius, suavius“ (langsamer, tiefer, sanfter) einem menschlichen und naturverbundenen Zusammenleben. Als Abgeordneter des EU-Parlaments setzte er sich besonders auf Reisen u.a. nach Israel, Russland, ex-Jugoslawien, Libyen, Ägypten, Zypern und Malta für den europäischen Friedensprozess ein. Er schied am 3. Juli 1995 in einem Olivenhain bei Florenz aus  den Leben mit dem Wunsch „Macht weiter, was gut war.“ Peter Kammerer erinnert in seinem Gastbeitrag für Cluverius an den Freund und den Weggefährten.

DREISSIG JAHRE DANACH



Die italienische Gesundheitsfürsorge hat sich von einem Modell zu einem Problem entwickelt. Das belegen die Buchveröffentlichung „Codice Rosso“ (Fuori Scena) oder aktuelle wissenschaftliche Analysen (Censis/Italiadecide) Mailand – Das italienische Gesundheitssystem, das auf der öffentlichen medizinischen Versorgung durch den Servizio sanitario nazionale (Ssn) beruht, ist in eine Krise geraten. Nach der Einführung 1978 galt der Ssn als eines der besten Systeme zur Gesundheitsfürsorge in der westlichen Welt. Nun zeigt es Risse. Eine gemeinsame Untersuchung der Forschungsinstitute Censis und Italiadecide macht dafür die Kluft zwischen steigender Nachfrage bei zunehmender Alterung der Bevölkerung und einer Verringerung des Serviceangebots durch Mangel an medizinischem Personal und eine Unterfinanzierung des Ssn durch die öffentliche Hand verantwortlich. Das Sachbuch „Codice Rosso“ von Milena Gabanelli und Simona Ravizza, das sich seit Wochen in den die Bestsellerlisten hält, beklagt zudem, dass das öffentliche Gesundheitssystem ein Privatgeschäft geworden sei. (So gleich im Untertitel: „Come la sanità pubblica è diventata un affare privato.“)

UNGLÜCK ALS GESCHÄFT