EIN GARTEN VOLL KRAUT UND UNKRAUT

    Briefe aus der Quarantäne (11): Debatten um Europahilfen und Stichworte zur Lage der Nation von Paolo Rumiz, Adriano Sofri und Johann Gottfried Herder

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    Italiener zeigen Flagge. Um Ärtzte und Pflegepersonal zu stützen - und um als Gemeinschaft zusammen zu rücken

    Mailand (6. April) – Montag, der dreißigste Tag im Ausnahmezustand. Der Coronavirus greift Europa an. Die Repubblica veröffentlicht heute eine Umfrage, nach der nur noch 30 Prozent der Italiener Vertrauen in die EU hätten. Die Debatte um die ökonomischen Hilfen droht zu einem Religionskrieg um die sogenannten Eurobonds zu werden. Die reichen Deutschen, die arroganten Nordeuropäer gegen notleidende Italiener und ganz Südeuropa. Lässt der Norden den Süden im Stich?

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    BUNTE MASKEN, SCHWARZE TÜCHER

    Briefe aus der Quarantäne (10): Die Mundmaske als Placebo und Raffaels Tod in Zeiten von Corona

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    Vom Todesjahr rückwärts gerechnet - Aufgang zur Raffael-Ausstellung in Rom (Scuderie del Quirinale), die zurzeit geschlossen ist.

    Mailand (5. April) – Palmensonntag, der neunundzwanzigste Tag im Ausnahmezustand. Jetzt heißt es Masken tragen. Oder zumindest ein Tuch, einen Schal vor Mund und Nase halten, wenn man nach draußen geht. Das ist die jüngste Verordnung der Region Lombardei. Ob es etwas nützt? Bei den (wenn überhaupt) erhältlichen Masken ist die Wirkung, was den Schutz vor Ansteckung angeht, höchst umstritten, bei Tüchern oder Schals sogar witzlos. Aber wer sich nicht daran hält, wird in der Schlange vorm Supermarkt böse angeguckt. Massimo Gramellini hat gestern in seiner Rubrik „Il Caffè“ im Corriere della Sera weise von seiner „mascherina-placebo“ gesprochen. Er setze sie nur in Gegenwart von anderen auf, „um mir einzubilden, dass sie mich wenigstens vor ihren Urteilen schützt.“

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    IM LAND DER TRÄUME

    Briefe aus der Quarantäne (9): Kulinarisch und literarisch unterwegs in Italien. Und Corona zum Trotz abends in die Scala – oder lieber ins Elfo?

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    Teatro Elfo Puccini in Mailand - Aufführungen gibt es nur online

    Mailand (2. April) – Donnerstag, der sechsundzwanzigste Tag im Ausnahmezustand. In der Via Boscovich blühen die ersten Fliedersträuche. Zum Frühstück gab es Erdbeeren aus der Basilicata, die auch wie frische Erdbeeren schmecken, süß, aromatisch mit leichter Säure am Ende. Zu Mittag steht Risotto mit jungem grünen Spargel auf dem Kochplan. Spargel aus Salerno. Das ist zwar keine „Null-Kilometer-Ware“, aber immerhin alles Italien. Der Reis, natürlich Carnaroli, kommt derweil von hier aus der Lomellina. Dazu ein Glas Rotwein, leicht und spritzig aus dem Piemont, Barbera di Monferrato etwa.

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    WEDER DUMMKÜHN NOCH FRECH

    Briefe aus der Quarantäne (8): Blühende Bäume, schreckliche Vorstellungen und Botschaften aus der Reformationszeit

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    Gepflegtes Grün auch in der Coronazeit - Mailand bei der Porta Venezia

    Mailand (30. März) – Montag, der dreiundzwanzigste Tag im Ausnahmezustand. Sonnenschein wechselt mit Regen, der Frühling hat begonnen. Morgen, Dienstag, sollen die Temperaturen wieder sinken, es könnte sogar schneien. Der April und das Aprilwetter stehen vor der Tür. Die Grasflächen unter den blühenden Bäumen bei der Porta Venezia, die man auf dem Weg zum Supermarkt passiert, wurden diese Woche geschnitten und gesäubert. Es tut gut zu sehen, dass die Stadt sich auch in der Krise pflegt und auf ihr grünes Kleid hält. Dabei hätte sie allen Anlass, Trauer zu tragen.

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    EIN HÄUFCHEN MUTIGER MÄNNER

    Briefe aus der Quarantäne (7): Es wird immer stiller, man hört Musik und nimmt Fäden zur Vergangenheit auf

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    Von allen guten Geistern verlassen? - Kirche San Gregorio Magno in Mailand über dem Friedhof des ehemaligen Lazarettes errichtet. Gregorius lebte von 540 - 604,  war Papst (Gregor I.) und Biograph von Benedikt von Nursia. 1295 wurde er heiliggesprochen

    Mailand (22. März) – Sonntag, der fünfzehnte Tag im Ausnahmezustand. Eine gespenstische Ruhe liegt über der Stadt. Die Schlangen vor der Esselunga in dem Viale Piave werden länger. Heute Morgen hatte ich noch Glück – nur etwa 25 Minuten Wartezeit. In den Medien hört man von abenteuerlichen Schlangebildungen in Italien bis zwei Stunden und mehr. Und die Gesichter werden ernster. Zunächst war das Anstehen vor dem Supermarkt Gelegenheit für einen Schwatz, einen Scherz mit anderen – immer Abstand wahrenden – Wartenden. Heute herrscht Stille auch in der Schlange. Immer mehr Menschen sterben. In der Lombardei sind es inzwischen über 3000, gut 1000 allein in den vergangenen drei Tagen.

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    ZWISCHEN ANGST UND BEKLEMMUNG

    Briefe aus der Quarantäne (6): Das Frühlingswetter und der Nebel der Betäubung

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    Zu schönes Wetter, um zu Hause zu bleiben - neuer Mailänder Park im offenen Gelände

    Mailand (18. März) – Mittwoch, der elfte Tag im Ausnahmezustand. Im Deutschlandfunk höre ich: Der Präsident des Weltärzteverbandes Frank Ulrich Montgomery hält Ausgangssperren für kein geeignetes Mittel im Kampf gegen Coronavirus. Italien habe gezeigt, dass das nicht funktioniere. Man schüttelt nur noch mit dem Kopf. Gerade Italien zeigt, dass es funktioniert.

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    Heldinnen und Helden

    Briefe aus der Quarantäne (5): Zwischen den Routine im Alltag und der dramatischen Situation in den Krankenhäusern

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    Das Foto, das Italien bewegte: Krankenschwester in Cremona nach stundenlangem Einsatz

    Mailand (16. März) – Montag, der neunte Tag im Ausnahmezustand. Sonnenschein. Langsam stellt sich eine Art Quarantäne-Routine ein. Im Bett morgens übers Handy den Deutschlandfunk hören. Dann duschen, anziehen während das Radio läuft, jetzt die Italiener, abwechselnd Radio Popolare und Rai tre. Raus an die frische Luft – noch nie war die Luft in Mailand so voller Duft, so morgenrein wie in diesen Tagen. Also durchatmen, Zeitung kaufen und mit Massimo, dem Kioskbesitzer, ein paar Worte wechseln. Zuhause der Caffè, den man so heiß wie möglich schlürft – dem Espresso der Bar nachtrauernd. Man wechselt das Zimmer, der Schreibtisch mahnt zur Disziplin.

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    EIN UNAUFHÖRLICH LAUTES SINGEN

    Briefe aus der Quarantäne (4): Jetzt werden auch die Parkanlagen verschlossen – es bleiben nur noch die Balkons

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    Gesperrt - Zugang zu den Giardini Pubblici "Indro Montanelli"

    Mailand (14. März) – Sonnabend, der siebte Tag im Ausnahmezustand. Nun darf man auch nicht mehr in die Parkanlagen. Die, die umzäunt sind, werden geschlossen. Wie die Giardini Pubblici bei der Porta Venezia. Der erste öffentliche Park Mailands, auf Bestreben von Vizekönig Ferdinand Karl von Österreich-Este 1784 eröffnet. Zu weiterhin „habsburgischer Disziplin“ ermahnen die Verantwortlichen ihre demokratischen Untertanen heute. Eine große Mehrheit unter ihnen scheint sich den Regeln zu fügen.

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    BIS AUF WEITERES GESCHLOSSEN

    Briefe aus der Quarantäne (3): Ein Leben ohne Bars und Restaurants

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    San Carlo al Lazzaretto - Kirche für Pestkranke

    Mailand (12. März) – Donnerstag, der fünfte Tag im Ausnahmezustand. Gerade ist die Müllabfuhr durch unsere Straße gefahren, wer das Schlafzimmer zur Straßenseite hat, benötigt keinen Wecker. In Mailand hört man, wenn der Tag beginnt. Das sonst morgendliche Rumoren der Stadt hat jedoch merklich nachgelassen. Keine fröhlichen Kinderstimmen mehr. Die Schule gegenüber ist schon seit über zwei Wochen geschlossen. Nach den allerneuesten Bestimmungen, die am Abend zuvor erlassen wurden, gelten die Schließungen nun auch für alle Läden – Ausnahme: u.a. Lebensmittel, Tankstellen –,  und ebenso für Restaurants und Bars. Kein Frühstückscaffè heute in Gesellschaft, zuhause wird die Mokkakanne aufgesetzt.

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    RAGAZZI, BLEIBT ZUHAUSE!

    Briefe aus der Quarantäne (2) - Ab heute ist ganz Italien im Ausnahmezustand vereint

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    Nicht viel Arbeit - Stadtreinigung auf der Piazza Duomo

    Mailand (10. März) – Dienstag, dritter Tag im Ausnahmezustand. Die Bar an der Ecke zur Via Tadino hat seit gestern ganz geschlossen. Pazienza – es gibt ja genügend Alternativen. Doch es wird nicht mehr am Tresen serviert, man bekommt seinen Caffè plus das kleine Glas Wasser an den Tisch gebracht. Immer schön Abstand halten zum Nachbarn, mahnt die blonde Maddalena, die serviert. Sie stammt aus Rumänien. Wie die Lage da ist? Noch harmlos. Kaum mehr als zehn, fünfzehn Fälle. Allein in der Lombardei, berichten die Medien, sind es 4490.

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    DIE HAND GEBEN? NEIN DANKE.

    Briefe aus der Quarantäne (1) - Die Lombardei mit Mailand wird zum Sperrgebiet erklärt

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    Mailand - Stazione Centrale am Tag eins der Quarantäne für die ganze Region Lombardei

    Mailand (8. März) – Sonntag Morgen, wie immer. Frühstück in der Bar mit Caffè (doppio), Brioche (ai cereali) und Zeitung (domenicale del sole24ore). Ravasi zitiert in seinem Breviario Shakespeare zum Weltfrauentag. Die Kinorubrik lobt Giorgio Dirittis Film „Volevo nascondermi“ über den Maler Antonio Ligabue (fünf von fünf Sternen). Schade nur, dass ich ihn nicht sehen kann.

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    LEERE SÄLE, LEERE KASSEN

    Hilferuf der italienischen Kulturunternehmen, die zusammen mit dem Tourismus-Sektor besonders von den Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus betroffen sind

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    Mehr Tauben als Touristen - Piazza Duomo in Mailand

    Mailand/Rom – Die Kulturunternehmen Italiens fordern sofortige Hilfsmaßnahmen für Unternehmen und Arbeitskräfte des Sektors wegen der Notlage durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Grippe-Epidemie ausgelöst durch den Coronavirus. Der drastische Rückgang des Verkaufs von Kulturprodukten, Büchern, Musikträgern und DVDs, die Absage von Konzerten und Ausstellungen, die spärliche Museumsbesuch mit nicht einmal 20 Prozent der gewöhnlichen Besucherzahlen, die Absage von Festivals und Messen, die Schließung von Kinos und Theatern bringe, so der Verband der Kulturunternehmen (Confindustria Cultura Italia), für viele Einrichtungen und ihre Mitarbeiter ernsthafte wirtschaftliche Probleme.

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    EIN METER ABSTAND

    Der Coronavirus und die Kultur in Norditalien – nach einer totalen und radikalen Schließung aller kulturellen Veranstaltungen und Aktivitäten können jetzt wenigstens Museen und Ausstellungsbetriebe unter Auflagen wieder öffnen

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    Kulturtourismus mit Mundschutz - Reisegruppe in der ziemlich verlassen wirkenden Mailänder Galleria

    Mailand - Erste Türen öffnen sich jetzt in der Woche nach dem 3. März für einige Kulturveranstaltungen. Während Schulen und Universitäten in den meisten Regionen des Nordens weiterhin geschlossen bleiben und keine öffentlichen Veranstaltungen stattfinden, dürfen Museen und Ausstellungseinrichtungen wieder öffnen, wenn sie behördliche Vorgaben einhalten. Dazu gehört eine Beschränkung des Besucherstroms, damit keine, wie es offiziell heißt, „assembramenti“ (Menschenansammlungen) entstehen und ein Mindestabstand von einem Meter zwischen den einzelnen Personen gewährleistet bleibt. Weiterhin geschlossen bleiben Kino, Theater, Oper- und Konzerthäuser. Das Teatro La Fenice bietet Konzerte im Streaming-Dienst an.

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    MIT ANGELICA TANZEN

    Ein Führer durch die neuere sizilianische Literaturgeschichte von Maike Albath, die Neuübersetzung von Giuseppe Tomasis Roman „Der Leopard“ durch Burkhart Kroeber und ein Lesemarathon der Vereinigung Deutsch-Italienischer Kulturgesellschaften

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    Das Palermo des Leoparden - Blick auf den Foro Italico und das Kalsa Viertel

    Mailand/München – Italien ist ein regional geprägtes Land, ein Flickenteppich vieler kultureller Einflüsse und lokaler Eigenarten. Das gilt für die Küche wie für die Literatur. Kaum eine Region des Landes hat im vergangenen Jahrhundert eine so reiche Literaturszene hervorgebracht wie Sizilien. Maike Albath hat ihr unter dem Titel Trauer und Licht ein facettenreiches  Buch gewidmet, das man mit Gewinn liest. Der größte Teil ist Giuseppe Tomasi di Lampedusa und seinem Roman Il Gattopardo („Der Leopard“) gewidmet. Einen „Jahrhundertroman“ nennt ihn Burkhart Kroeber, der ihn gerade neu übersetzt hat –  und dafür vielfach gelobt wird (unter anderem hier von Maike Albath). „Der Leopard“ stand jetzt auch im Mittelpunkt eines Lesemarathons der Vereinigung Deutsch-Italienischer Kulturgesellschaften.  Texte aus dem Roman wirden bei gleichzeitigen Veranstaltungen von rund 30 Mitgliedergesellschaften in ganz Deutschland gelesen.

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    KULTUR IN QUARANTÄNE

    Der Coronavirus und die Schönen Künste: nichts geht mehr. Theater, Museen, Ausstellungen bleiben geschlossen. Die Kulturnation Italien mach dicht. Und der Schriftsteller Gianrico Carofiglio denkt über das Verhältnis von Angst und Gefahr nach.

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    Am Samstag noch geöffnet für die Premiere von Rossinis "Il turco in Italia" , ab Sonntag 23.2. geschlossen - Mailänder Scala

    Mailand - Schreckensmeldungen aus Italien: Hauptsächlich im Norden des Landes haben sich – Stand 25.2. – über 300 Personen mit den Coronavirus angesteckt, davon rund 200 allein in der Lombardei. Zehn meist ältere Personen sind gestorben. Besonders gefährdet ist ein Gebiet in der Metropolzone Mailands unweit der Provinzstadt Lodi. Mailand selbst bleibt bislang noch kaum betroffen. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, haben die Behörden zu drastischen Maßnahmen wie die Abriegelung der Gebiete gegriffen, die als Ansteckungsherde gelten. Aber in ganz Norditalien werden Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Darunter fallen auch das Verbot von öffentlichen Kulturveranstaltungen. Die Opernhäuser mussten schließen, der Karneval ist ausgefallen, die Kinderbuchmesse Bologna wurde auf Anfang Mai verschoben. Eine Kulturnation wird im Notstand ihrer Kultur beraubt. Aber nicht alle sind mit diesen Maßnahmen einverstanden.

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    In Sestri Levante

    © Cluverius
    Sestri Levante und der Portobello-Hügel. Im Hintergrund der Golfo del Tigullio - gesehen vom Monte Castello aus

    Sestri Levante im Februar – Wo im Sommer reger Badebetrieb und Vergnügungsangebote die kleine Stadt am Golfo del Tigullio mit fröhlich-lauten Rhythmen überziehen, herrscht unter winterlich blauem Himmel entspannte Ruhe. Viele Bars und Restaurants haben geschlossen. Die 18.000 Einwohner von Sestri Levante bleiben meist unter sich. Majestätisch gelangweilt kreisen Möwen über die kleine Baia del Silenzio und ihren verlassenen Strand bis zum Vorplatz der am Hügelrand von Portobello gelegenen Kapuziner-Kirche. In der Kirche leuchtet am Himmel der hübschen Krippe ein Gewitter auf, wenn sich Nacht über die dörfliche Weihnachtsszene legt und die Handwerker ihr Werkzeug ruhen lassen.

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    im Theater: Misericordia

    Emma Dante inszeniert am Piccolo Teatro eine neue Arbeit über Humanität und Hoffnung am Bodensatz der Gesellschaft

    © Masiar Pasquali/Piccolo Teatro

    Fühlen, Leiden, Streiten - Leonarda Saffi und Simone Zambelli in Emma Dantes neuem Stück

    Mailand (Piccolo Teatro Grassi bis 16.2.2020) – Drei etwas heruntergekommen wirkende Frauen sitzen in einer Reihe auf der Bühne. Sie stricken, sie streiten, sie beschimpfen sich. Zwischen ihnen ein junger Mann in einem kindlichen Kleid, geistesschwach, unfähig still zu sitzen und seine Bewegungen zu kontrollieren. Bald lernt der Zuschauer, es sind drei Prostituierte, die so tagsüber ihre Zeit verbringen, während sie sich nachts wohl nicht weniger heruntergekommenen Freiern anbieten. Der Junge aber ist das Kind einer Kollegin, die von ihrem Vater brutal erschlagen worden war, seine Verhaltensstörungen sind Folgen dieser Tat. Die Drei haben ihn aufgezogen.

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    Heimkehr ins Dorf von gestern

    Der Spazio Ilisso in Nuoro zeigt Arbeiten der deutschen Fotografin Marianne Sin-Pfältzer über das Leben auf Sardinien zwischen Tradition und Wandel 

    © Ilisso Edizioni

    Ein Blick für Kinder - Alghero (1960)

    Nuoro (Spazio Ilisso bis 30.April)- Marianne Sin-Pfältzer, 1926 in Hanau geboren, kam 1955 zum ersten Mal nach Sardinien – und fand auf der Insel ihren Lebensmittelpunkt. Sie starb in Nuoro 2015. In ihren Fotos, die jetzt im Spazio Ilisso (Nuoro) präsentiert werden, zeigt sich die "Wucht der Gegensätze zwischen Tradition und Wandel", wie es einmal der Schriftsteller und Anthropologe Giulio Angioni (1939 - 2017) formuliert hat. Die Arbeiten von Marianne Sin-Pfältzer (s/w wie color) spiegeln das Leben auf Sardinien bis in die 1970er Jahre wieder. In abgelegenen Dörfern oder einsamen Landstrichen, an der Küste oder in Städten wie Cagliari, bei der Arbeit oder bei Feierlichkeiten. Und immer kann man Menschen in die Augen schauen.

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    „ER HAT EINFACH KEINE GEDULD“

    Was bleibt vom Leonardo-Jahr (1) : Ein Gespräch mit dem Kunsthistoriker Pietro C. Marani

    Verwirrende Haarpracht - Leonardo Entwurf "La Scapiliata" (Bleiweiß auf Holz, zirka 1492/1501), Parma Galleria Nazionale delle Pilotta

    Mailand – Ein Jahr ganz im Zeichen von Leonardo ist zu Ende gegangen. Der großen, einen Ausstellung in Paris (Louvre bis 24.2.2020) standen und stehen viele kleine Initiativen in Italien, allen voran in Mailand, aber auch in Rom, Florenz, Turin oder Parma gegenüber. Und dabei tauchten die merkwürdigsten Funde auf: In Florenz wurde bei einer Ausstellung über Verrocchio, den ersten Lehrmeister Leonardos, eine Marienstatue gezeigt, die die Kuratoren dem Mann aus Vinci zuschrieben. Leonardo als Bildhauer? Warum nicht, schließlich hat er in Mailand eine riesiges Reiterstandbild geplant - aber diese kleine Statue, die aussieht, als sei sie von dem Gemälde eines seiner Schüler abgekupfert, ein Original von Leonardo? In Mailand schenkte Herzog Lodovico dem Künstler und Wissenschaftler einen Weingarten, das ist belegt. Die Weinstöcke, die man heute dort sehen kann, sind sicher keine 500 Jahre alt. Bei Aufenthalten in der Romagna um 1502 soll er sich ebenfalls dem Weinanbau mit einem „Metodo Leonardo“ gewidmet haben, dem heute ein Weingut eine eigene Produktlinie widmet. Leonardo als Winzer?

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    VORBILDLICH

    Was bleibt vom Leonardo-Jahr (2): Die Präsentation der Madonna Litta im Museo Poldi Pezzoli und die neue feste Leonardo-Ausstellung im Mailänder Technik- und Technologiemuseum

    © Cluverius

    Vom Publikum geliebt - die Madonna Litta in der Ausstellung des Museo Poldi Pezzoli

    Mailand – Vom Leonardo Jahr 2019 aus weisen Spuren in die Zukunft. Zum Beispiel mit einer kleinen aber äußerst feinen Ausstellung im Museo Poldi Pezzoli über die Madonna Litta und die Rolle der Werkstatt. Und das Mailänder Technikmuseum, das in seinem Namen Museo Nazionale Scienza e Tecnologia Leonardo da Vinci den Künstler, Ingenieur und Wissenschaftler ehrt, hat gerade seine feste Maschinen- und Dokumentensammlung neu geordnet und präsentiert sie jetzt aufwändig und zeitgemäß mit viel digitaler Technik.

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    EINE BRÜCKE ÜBERS GOLDENE HORN

    Was bleibt vom Leonardo-Jahr (3): Mailand, sein Territorium und der Nahe Osten – zum Beispiel Leonardos Spuren in der jüngst erschienen Veröffentlichung „Leonardo da Vinci tra Genova e l’Oriente“ 

    © Institut de France, Paris

    Kühnes Projekt - Detail zum Entwurf einer Brücke von Istanbul nach Galata (Skizze aus den Pariser Manuskripten)

    Mailand/ Genua – Leonardo lebt und arbeitet in Mailand vom Winter 1481/82 an bis zum Herbst 1499 und in einer zweiten Phase von 1506 bis 1513. Keine andere Stadt und kein Territorium haben ihn so geprägt und Möglichkeiten zur Entfaltung gegeben wie diese Umgebung. Leonardo ist dabei nicht an die Hauptstadt des Herzogtums gefesselt, sondern oft im Herrschaftsgebiet unterwegs, das von der ligurischen Küste bis ins Tessin reicht. Nach 1506 hält er sich lange in der Villa Melzi in Vaprio auf. Nachweisen kann man Arbeiten von ihm im Kanalsystem rund um Mailand. Möglicherweise hat er die Platzanlage vor der Sforzaburg in Vigevano mit gestaltet. In Locarno war er an den Planungen für die Außenbefestigungen (Ravelin) der inzwischen zerstörten Festung beteiligt. Gesichert ist auch ein Aufenthalt in Genua im Gefolge von Herzog Ludovico für gut zwei Wochen im März 1498. Diesen Spuren Leonardos in Ligurien etwa geht die interessante Veröffentlichung von Cesare Masi Leonardo da Vinci tra Genova e l’Oriente nach.

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    PRALLE VISIONEN

    Italien erinnert an den großen Kinoautor und Filmregisseur Federico Fellini (1920-1993), der am 20. Januar 100 Jahre alt geworden wäre. Den Auftakt macht eine Ausstellung in seiner Heimatstadt Rimini.

    © Mostra Fellini1000 Rimini

    Was ein Fellini im Traum einfiel - Skizze aus seinem "Libro dei sogni" zu dem ihm ein deutscher Psychotherapeut geraten hatte

    Mailand/Rimini - Der Legende nach wurde Federico Fellini in einem Eisenbahnwaggon erster Klasse eines Zuges geboren, als dieser den Bahnhof von Rimini passierte. Diese originelle Geschichte würde zum vitalen Regisseur und Autor passen, der uns in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts von „La strada“ über „La dolce vita“ bis „Satyrikon“ oder „Orchesterprobe“ rund zwei Dutzend phantasiepralle Kinofilme geschenkt hatte. Doch seine Biographen haben die Legende (leider) widerlegt: ausgerechnet am 20. Januar 1920, als der kleine Federico auf die Welt kam, bestreikten Gewerkschaften die Eisenbahnstrecke längs der Adria vorbei an Rimini durch die Landschaft der Romagna bis nach Bologna: alle Züge standen still.

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    SIMPLICISSIMUS IM BIOGEWAND

    Claudia Klingenschmid entwirft in „Parasit ToGo“ einen kleinen, bitterbösen Schelmenroman der Gegenwart

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    "Jeder hat eine schwache Stelle, eine Sehnsucht, einen Hang zur Unmäßigkeit, zum Stolz oder zum Geiz." ToGo nützt wunde Punkte für sich. - Graffito in Mailand

    Mailand – Das ist die Geschichte eines Parasiten, eines Toxoplasma gondii. Mit diesem Urtierchen, so kann man im Lexikon lesen, seien mindestens 50 Prozent der Weltbevölkerung in Kontakt gekommen. In der Regel merken aber die mit Gegenkörpern ausgestatteten Wirte nichts vom krankhaften Treiben ihrer Gäste. Claudia Klingenschmid hat sich nun in ihrem kleinen Roman Parasit ToGo mit viel schwarzem Humor solch ein Protozoon als Erzählperspektive gewählt, um zu zeigen, wie es heutzutage um die Welt und um die Menschen bestellt ist. Untertitel: „Die geheimen Wirtschaften eines Urtierchens“.

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    In Urbino

    © Cluverius

    Hier laufen auch zur Weihnachtszeit alle Wege zusammen: Piazza della Repubblica in Urbino

    Urbino, kurz vor Weihnachten – Urbino leuchtet. Die alte Herzogsstadt in den Hügeln unweit der Adriaküste gibt sich kurz vor Weihnachten am Abend verträumt verschlafen. Tagsüber feiern Studenten die glücklich überstanden Abschlussprüfungen. Frisch gekürte Laureati zeigen sich mit Lorbeerkranz. Alle anderen rüsten sich mit großen Koffern zur Abreise. Der Bus, der von Urbino zum Bahnhof von Pesaro fährt, wird belagert. Im Geburtshaus von Raffael bleibt der Besucher allein. Hier kam Raffaello Sanzio 1483 auf die Welt. 1520 starb er auf dem Höhepunkt seines Ruhmes als Maler und Architekt mit nur 37 Jahren in Rom. 500 Jahre danach feiert die Welt „il divin pittor“ mit Ausstellungen, Veranstaltungen, Büchern, Filmen, TV-Serien. In Urbino hängen überall Kalender aus: „Raffaello 2020“.

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    im Theater: fedeli d’Amore / Maryam

    Das Teatro delle Albe aus Ravenna und zwei Gastspiele in Mailand. Eine Arbeit von Marco Martinelli und eine Vorlage von Luca Doninelli interpretiert jeweils von Ermanna Montanari.

    © Enrico Fedrigoli/Teatro dell'Elfo

    Bewegt und bewegend - Ermanna Montanari in "fedeli d'Amore"

    Mailand (Teatro dell’Elfo/Teatro Oscar) – fedeli d’Amore („Gläubiger der Liebe“) ist ein „Polyptichon“, wie es der Autor und Regisseur Marco Martinelli nennt. Sieben Szenen, die sich um die letzten Stunden von Dante Alighieri drehen, um seine Phantasien, Ängste oder die Tochter Antonia, die zum letzten Abschied an sein Bett tritt: „Padre, sono qui, mi senti? – Vater, ich bin hier, hörst Du mich?“. Der florentinische Dichter, die (über)große Vaterfigur der italienischen Literatur, starb an einem nebligen Septembermorgen 1321 im Exil in Ravenna. Martinelli schafft im Rückgriff auf den romagnolischen Dialekt, dem Dialekt der Stadt Ravenna, Monologe von poetischer Kraft, denen Ermanna Montanari mit ihren Stimmvariationen szenischen Raum gibt, der musikalisch mit Dissonanzen noch geweitet wird. Zu den aufgefalteten Bildern des Polyptichon gehört auch eine Vision Dantes, die sich von der Zersplitterung Italiens aus der Zeit der Stadtrepubliken in die Gegenwart weitet – ein Italien, „che scalcia se stessa“, das sich laufend selbst ein Bein stellt.

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    FRISCHER WIND

    Kulturminister Dario Franceschini kehrt zum Prinzip der autonomen Verwaltung bedeutender staatlicher Museen zurück, die sein Vorgänger aufgeweicht hatte. Aber wie lange hält die Regierung überhaupt noch?

    © Facebook Dario Franceschini

    Schriftsteller und Kulturminister, Dario Franceschini aus Ferrara vom Partito Democratico

    Mailand/Rom - Mit aller Kraft zurück. Das ist das Motto von Italiens Kulturminister Dario Franceschini. Mit einem Regierungserlass zur Ordnung staatlicher Museen und des Denkmalschutzes gibt er unter anderem drei Einrichtungen die Autonomie wieder, die ihnen sein Vorgänger genommen hatte: dem Museo dell’Accademia (Florenz), dem Museo Nazionale Etrusca di Villa Giulia (Rom) und dem Parco Archeologico dell’Appia Antica (Rom). Mehr noch: es werden zehn weitere Museen in die Gruppe der autonomen Einrichtungen aufgenommen, darunter der Palazzo Reale von Neapel, die Pinacoteca Nazionale von Bologna oder das Museo Archeologico Nazionale von Cagliari. Die Direktorenstellen sollen international ausgeschrieben werden.

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    in der Oper: Tosca

    Die Scala eröffnet ihre neue Spielzeit mit dem von Riccardo Chailly wundervoll eingestimmten Puccini-Klassiker, den Regisseur Davide Livermore (vielleicht zu) bewegt in Szene setzt

    © Brescia/Amisano - Teatro alla Scala

    Das Ende von Scarpia - Anna Netrebko, Luca Salsi

    Mailand (Teatro alla Scala bis 8.1.2020) – Im Januar 1900, also im letzten Jahr des 19. Jahrhunderts, wurde Tosca in Rom uraufgeführt. Das Melodram steht an der Schwelle zwischen der Operntradition Italiens und der Moderne des 20. Jahrhunderts. Giacomo Puccini verbindet in diesem Stück musikalisch Dissonanzen, verzerrte Harmonien und lyrische Passagen. Als eine typische Oper des Verismus geht es um Liebe, Leidenschaft und politische Gewalt bei konkreter historischer Verankerung. Heute gehört Tosca zu den fünf meistaufgeführten Opern der Welt. Die Scala hat jetzt mit ihr die neue Spielzeit 2019/2020 eröffnet. Dirigent Riccardo Chailly, musikalischer Leiter der Mailänder Oper, baut auf der von Puccini später leicht veränderten Urfassung des Stücks auf. Regisseur David Livermore löst sich vom historischen Rahmen, ohne den politischen Hintergrund aus den Augen zu verlieren.

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    ZWEI TAGE UND NÄCHTE

    Gianrico Carofiglio, bislang vor allem als Krimiautor wahrgenommen, ist mit „Drei Uhr morgens“ ein kleiner Entwicklungsroman gelungen

    © Museum of Modern Art, New York

    Entstanden in einer Nervenheilanstalt: Vincent van Goghs "Sternennacht" (Museum of Modern Art, New York)

    Mailand/Bari - Der jugendliche Antonio leidet an Epilepsie. Am Ende einer erfolgreichen Therapie nach Vorgaben eines französischer Spezialisten fährt er zusammen mit seinem Vater zur Abschlussuntersuchung nach Marseille. Vater und Sohn erwarten eine Routineuntersuchung, doch der Neurologe will seinen Patienten einer letzten, schockartigen Prüfung unterziehen. Alle Medikamente werden abgesetzt und der junge Mann soll zwei Tage und zwei Nachte verbringen, ohne zu schlafen. Nach dieser Stressphase könne man, so der Arzt, endgültig feststellen, ob Antonio geheilt sei oder nicht. Das ist die Ausgangsposition des kleinen Romans Le tre del mattino (Einaudi 2016) von Gianrico Carofiglio, der jetzt unter dem Titel „Drei Uhr morgens“ in der Übersetzung von Verena von Koskull bei Folio (Bozen/Wien) auf Deutsch erschienen ist.

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    ALTER WEIN IN NEUEN FORSCHUNGEN

    Venedig, der Malvasier und die Buddenbrooks auf einer Tagung des Deutschen Studienzentrums Venedig

    Wo der Malvasier herkommt - die venezianische Besitzung Candia auf Kreta am Ausgang des Mittelalters

    Venedig - Wein, so schreibt Roland Barthes in seinen Mythen des Alltags, „ist eine Substanz der Wandlung, die Situationen und Zustände umzukehren und den Dingen ihr Gegenteil zu entziehen vermag.“ Thomas Mann etwa lässt zwei „Bouteillen alten Malvasier“ im fulminanten Eingangskapitel der Buddenbrooks aus dem Keller heraufholen, der dann „goldgelb und traubensüß“ in die Gläser fließt. Ein Erzählung voller versteckter Verweise auf andere Texte, in denen der Malvasier inszeniert wird – von der Novellistik eines Boccaccio über Richard III., der ja seinen Bruder in einem Malvasier-Fass ertränkt, bis zu Goethes Faust. Dem Malvasier hat sich gerade das Deutsche Studienzentrum Venedig, das von der Literaturwissenschaftlerin Marita Liebermann geleitet wird, zusammen mit dem Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti auf einer anregenden interdisziplinären Tagung gewidmet.

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    In Palermo

    © Cluverius

    Gelungene Kopie nach dem geraubten Caravaggio -Christi Geburt mit den Heiligen Laurentius und Franziskus (200 x 300 cm) über dem Altar des Oratorio di San Lorenzo

    Palermo, Ende Oktober - Die Via Immacolatella schlängelt sich kaum einhundert Meter lang durch das Altstadtviertel Kalsa. Ein paar Schritte von der Basilica di San Francesco entfernt liegt das Oratorio di San Lorenzo, das barocke Gebetshaus des Franziskanerklosters von Palermo. Eine überreiche weiße Stuckverzierung schmückt die Wände mit Szenen aus den Leben der Heiligen Laurentius und Franziskus. Kleine freistehende Figuren dieser anmutigen theatralischen Szenografien wurden jedoch von Dieben herausgebrochen oder Opfer vandalischen Treibens. Noch schlimmer ging es dem Altarbild, einer Darstellung der Geburt Christi mit den beiden hier verehrten Heiligen, gemalt von Caravaggio in Palermo 1609. Vor 50 Jahren, Mitte Oktober 1989, wurde die rund 3 mal 2 Meter große Leinwand von Dieben sauber aus ihrer Holzverschalung geschnitten. Seitdem ist die „Natività“ von Caravaggio nicht wieder aufgetaucht und gehört zu den zehn meist gesuchten Kunstwerken auf der Welt.  

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