Pasolini 1: Kunst und Leben durchdringen sich. Notizen zur Aufnahme Pasolinis im deutschen Sprachraum. Ein Gastbeitrag von Peter Kammerer Rom/Wien – Aus Anlass des 50. Todestages von Pier Paolo Pasolini (2. November) zeigt das Istituto Italiano di Cultura Wien die Ausstellung „Pier Paolo Pasolini (1922-1975) – Fotografie di Dino Pedriali”. Organisiert in Zusammenarbeit mit der Fondazione Luigi Rovati in Mailand und bis zum 2. November zu Gast im Metro Kinokulturhaus Wien werden 25 Fotografien von Dino Pedriali präsentiert, die Pasolini in seinem Haus in Chia und auf den Straßen von Sabaudia im Oktober 1975 abbilden. Unter den Stichworten Tod, Kino, Freibeuter, Dichter hat Peter Kammerer für den Katalog der Ausstellung einen Essay über die Aufnahme Pasolinis im deutschen Sprachraum geschrieben, den wir hier auf Cluverius dokumentieren:
Rom
Pasolini 2: Der kritischen Intellektuelle im Meinungsaustausch mit der Leserschaft einer kommunistischen Zeitschrift. Eine Auswahl seiner Texte ist jetzt zum ersten Mal auf Deutsch bei Wagenbach erschienen Mailand – In den frühen 1960er-Jahren führte Pier Paolo Pasolini (1922 – 1975) einen Dialog mit Leserinnen und Lesern in der politischen, PCI-nahen Wochenzeitung Vie Nuove. In seiner Kolumne antwortete der Schriftsteller und Filmemacher, der sich in jenen Jahren zwischen Accatone und Uccellacci e uccellini besonders mit Kinoproduktionen beschäftigte, auf Fragen aus allen Teilen der italienischen Gesellschaft: von Arbeitern, Studenten, Lehrern, Bauern und Parteifunktionären. Unter dem Titel „Dialoge mit Pasolini“ ist jetzt zum ersten Mal auf Deutsch eine repräsentative Auswahl dieser Texte erschienen – Cornelia Wild hat sie im Wagenbach Verlag herausgegeben und der Übersetzer Fabien Vitali die Anmerkungen erstellt.
DER AUTOR IM DIALOG
Hartwig Heine, Soziologe und Herausgeber des Internetblogs „Aus Sorge um Italien“ ist in Hannover gestorben. Zusammen mit seiner Frau Marcella hat er sich unermüdlich für ein weltoffenes, im besten Sinne ‚neues Italien’ eingesetzt – wie Carl Wilhelm Macke in seinem Gastbeitrag erinnert Hannover/Ferrara – Don Camillo, der ebenso fromme wie rauflustige Dorfpfarrer und Peppone, der etwas tollpatschige, aber machtbewusste Provinzkommunist, gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr. Sie existieren nur noch als Hauptdarsteller in nostalgischen Filmwiederholungen. Mein Italienbild haben die beiden für viele Jahre tief geprägt. In meiner Kindheit im katholischen Oldenburger Münsterland war Italien immer nur präsent durch Don Camillo, Peppone und den Papst im Vatikan. Und dann gab es da noch eine italienische Eisdiele „Rizzardini“, in der wir uns nach der Schule und nach der Tanzstunde trafen. In der Jukebox wählten wir in Dauerschleife die Schlager von Bobby Solo, Rita Pavone, Adriano Celentano, Peppino di Capri oder auch Connie Francis. Die war zwar keine Italienerin, aber sich in ihren unglaublich kitschigen Liedern immer so präsentierte, als sei sie unter der Sonne Neapels geboren. Egal, für mich und viele meiner Freunde war das alles ‚Bella Italia‘, Pizza und Gelato.
DER TRAUM VON EINEM TURM
Die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston, Balzan Preisträgerin 2024, im Gespräch über die Beziehung von Mensch und Natur, den Klimawandel sowie über Wissenschaft und Kommunikation Mailand/Rom – Die Wissenschaftsgeschichte verbindet Methoden der Geschichtswissenschaft mit der Grundlagenforschung aller Wissenschaftsbereiche und ist interdisziplinär ausgerichtet. Die Überwindung einer strengen Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften gehört deshalb zu den Kernanliegen der US-amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston. Für den Umfang, die Originalität und die Vielfalt ihres Oeuvres wurde sie im November 2024 in Rom mit dem Balzan Preis für Wissenschaftsgeschichte ausgezeichnet. Am Rande eines Forums zu den Themen der vier mit dem Balzan Preis ausgezeichneten Persönlichkeiten (siehe hier) ergab sich die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch. In dem unterstreicht sie u. a. die Bedeutung der Kommunikation von Wissenschaft mit der Öffentlichkeit.
DER NATUR ZUHÖREN
Melania G. Mazzucco entwirft mit ihrem Roman „Die Villa der Architektin“ ein farbenreiches Fresko der Gesellschaft und der Kunstszene im barocken Rom des 17. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht Plautilla Bricci, die erste Architektin der europäischen Kunstgeschichte. Rom/Mailand – Warum einen historischen Roman wie „Die Villa der Architektin“ von Melania G. Mazzucco lesen, der jetzt im Folio Verlag in deutscher Übersetzung erschienen ist? Rom führt Europa im 17. Jahrhundert vor, wie man eine Metropole der Gegenreformation gestaltet. Die Päpste, die Monarchen gleich regieren, lassen mit Aufträgen für prächtige Kirchenbauten wie für üppig ausgestaltete Familienpaläste eine barocke Stadtlandschaft wachsen. Und der römische Adel macht es ihnen nach. Eine opulent sinnliche Bildersprache zeigt in der Spannung von Lebenslust und Vanitas kraft- und ausdrucksvoll, wie richtiger Glaube auszusehen habe (und wie bedeutungsvoll die jeweils herrschende Familie sei). Während anderswo in Europa Katholizismus und Protestantismus sich kriegerisch bekämpfen, der Dreißigjährige Krieg Landschaften verwüstet, versetzen Künstler wie Bernini, Borromini oder Pietro da Cortona die Stadt Rom, die machtpolitisch im Abseits liegt, in einen ästhetischen Taumel. Nur Künstler? Gibt es keine Künstlerinnen?
