Balzan


Josiah Ober, Balzanpreis 2025, und aktuelle Auseinandersetzungen um kollektive Selbstbestimmung, Rechtsstaatlichkeit oder individuelle Freiheiten im Rückblick auf die Entwicklung der Demokratie im antiken Athen Mailand/Bern – Weltweit stehen demokratische Gesellschaftssysteme unter Druck. Von außen durch Krieg und Gewalt, im Inneren durch Populismus, Verzerrung der Informationen und autoritäre Tendenzen. Um aktuelle soziale und politische Umwälzungen besser zu verstehen, lohnt die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Demokratie. Gelegenheit dafür bot gerade die Verleihung der Balzanpreise 2025 in Bern u. a. an Josiah Ober (USA). Denn der emeritierte Professor der Stanford University wurde für „Altertumswissenschaften: Athenische Demokratie – neu betrachtet“ geehrt. Die Auszeichnungen der Internationalen Stiftung Balzan (Mailand/Zürich) werden jährlich im Wechsel in der Hauptstadt Italiens oder der der Schweiz vergeben. (Zu den anderen Preisträgern siehe hier)

DEMOKRATIE ALS SOFTWARE


Zwischen neu interpretierter Altertumswissenschaft und hoffnungsvoller Gentherapie: Die Balzanpreise 2025 unterstreichen die Herausforderungen, denen sich die Wissenschaften heute in der Gesellschaft stellen müssen Mailand – Jedes Jahr gibt die Internationale Stiftung Balzan (Mailand/Zürich) Anfang September die Namen der Persönlichkeiten bekannt, deren Forschungen mit dem Preis der renommierten Wissenschaftseinrichtung ausgezeichnet werden. In der Regel sind das je zwei in den Natur- und in den Geisteswissenschaften. In diesem Jahr 2025 werden geehrt: Josiah Ober (Stamford University, USA) für Altertumswissenschaften: Athenische Demokratie – neu betrachtet; Rosalind Krauss (Columbia University, USA) für Kunstgeschichte der Gegenwart; Christophe Salomon (Laboratoire Kastler Brossel Paris, Frankreich) für Atome und ultrapräzise Messing der Zeit; sowie Carl H. June (University of Pennsylvania, USA) für Gentherapie und genmodifizierte Zelltherapie. Die Preise sind mit je 750.000 Schweizer Franken (rund 800.000 Euro) dotiert, wobei nach der Satzung der Stiftung die Hälfte des Preisgeldes in weitere Forschungsprojekte investiert werden sollen, die von jungen Wissenschaftlern der jeweiligen Fachbereiche durchgeführt werden.

AUS VERSCHIEDENEN BEREICHEN



Die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston, Balzan Preisträgerin 2024, im Gespräch über die Beziehung von Mensch und Natur, den Klimawandel sowie über Wissenschaft und Kommunikation  Mailand/Rom – Die Wissenschaftsgeschichte verbindet Methoden der Geschichtswissenschaft mit der Grundlagenforschung aller Wissenschaftsbereiche und ist interdisziplinär ausgerichtet. Die Überwindung einer strengen Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften gehört deshalb zu den Kernanliegen der US-amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston. Für den Umfang, die Originalität und die Vielfalt ihres Oeuvres wurde sie im November 2024 in Rom mit dem Balzan Preis für Wissenschaftsgeschichte ausgezeichnet. Am Rande eines Forums zu den Themen der vier mit dem Balzan Preis ausgezeichneten Persönlichkeiten (siehe hier) ergab sich die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch. In dem unterstreicht sie u. a. die Bedeutung der Kommunikation von Wissenschaft mit der Öffentlichkeit.

DER NATUR ZUHÖREN


Die Balzan Stiftung hat die Preisträger (und eine Preisträgerin) für 2024 bekannt geben und setzt auf sozialen, medizinischen und ökologischen Fortschritt. Neugierig macht die Auszeichnung an den Australier John Braithwaite in „Restaurativer Justiz“ Mailand – Die Internationale Stiftung Balzan (Mailand/Zürich) vergibt ihre Preise regelmäßig in vier jährlich wechselnden wissenschaftlichen Fachbereichen –  zwei aus den Geistes- und zwei aus den Naturwissenschaften. In diesem Jahr werden der 73jährige Australier John Braithwaite (Kriminologe an der Australian National University) im Bereich Restaurative Justiz, die 73jährige US-Amerikanerin Lorraine Daston (emeritierte Direktorin Max-Planck-Instituts Berlin-Dahlem für Wissenschaftsgeschichte) im Bereich Wissenschaftsgeschichte (Neuzeit und Gegenwart), der 71jährige usamerikanische-schweizerische Molekularbiologe Michael Nip Hall (Biozentrum Universität Basel) im Bereich Biologische Mechanismen sowie der 59jährige usamerikanische Chemiewissenschaftler Omar Yaghi (University of California, Berkeley) im Bereich Nanoporöse Materialien für Umweltanwendungen ausgezeichnet.

ZWISCHEN MENSCH UND NATUR



Weltliteratur zwischen Schwarzen Löchern: Das faszinierende Universum der Balzan Preisträger im Jahr 2023 Mailand – Es ist immer wieder erstaunlich, wie es dem Balzan Preis gelingt, das breite und stetig wachsende Feld der Human- wie der Naturwissenschaften im Blick zu behalten. Und gleichzeitig punktuell herausragende Forschungen zu prämieren. So stehen sich zum Beispiel in diesem Jahr der US-Amerikaner David Damrosch und der Deutsche Heino Falcke gegenüber. Der Literaturhistoriker Damrosch wird u.a. nach den Worten der Jury für „seinen kreativen Ansatz“ ausgezeichnet, „Weltliteratur als transnationale Zirkulation von Werken zu verstehen“ . Der Radioastronom Falcke für seine „grundlegenden Forschungsarbeiten, die es ermöglicht haben, die Umgebung eines Schwarzen Lochs mit hoher Präzision darzustellen“. Ein faszinierender Spannungsbogen, der sich zwischen den beiden anderen Preisträgern dem Anthropologen  Jean-Jacques Hublin (Frankreich) und dem Biologen Eske Willerslev (Dänemark) innerhalb desselben Oberthemas „menschlichen Evolution“ bewegt und Interdisziplinarität fördert.  Außerdem wurde in diesem Jahr auch der Sonderpreis für Freiheit, Frieden und Brüderlichkeit unter den Völkern verliehen und der italienischen Stiftung Francesca Rava zugesprochen, die sich für Kinder in Lateinamerika zur Bekämpfung von Bildungs- und Nahrungsnot einsetzt.

KREATIVE ANSÄTZE