Kulturpolitik


Biennale (1): Die 61. Internationale Kunstbiennale Venedig setzt auf leise Töne und spiegelt in ihrer Hauptausstellung vor allem die Vielfalt des Globalen Südens, während die Länderpavillons auf der Suche nach einer eigenen Rolle sind  Venedig – Der Trubel im Vorfeld der 61. Kunstbiennale hat sich gelegt. Abgesehen von verstärkten Sicherheitsmaßnahmen etwa vor dem Pavillon Israels oder vor dem geschlossenen Russlands mit einem kuriosen Monitorprogramm davor (siehe hier auf Cluverius) pflegt die internationale Kunst und Kultur ihren Auftritt. Sie tut das nach dem diesjährigen Motto der Biennale „In Minor Keys“, in leiseren „Moll-Tönen“. So wie es sich die Kuratorin Koyo Kouoh (Kamerun/Schweiz) gewünscht hatte, die im Mai vergangenen Jahres im Alter von 57 Jahren unerwartet verstarb. Ein noch von ihr eingesetztes Mitarbeiterteam konnte zwar ihre Vorbereitungen konzeptionell erfolgreich zu Ende bringen, doch begann diese Biennale mit einem Hauch von Trauer.

RÄUME DES ZUHÖRENS


Die Kunstbiennale, die unter dem Motto „In Minor Keys“ auf der Suche nach leisen Tönen sein will, startet unter ziemlich lauten Vorzeichen. Venedig – Bei der Kunstbiennale Venedig, die am Samstag den 9. Mai offiziell eröffnet wird, haben die Tage der Vorbesichtigung begonnen. Von Protesten begleitet wurde jetzt der russische Pavillon „eröffnet“, der aber übermorgen zu Beginn der Biennale wieder geschlossen wird. Die internationale Preisjury, die die Gewinner der Goldenen Löwen ermitteln sollte, ist zurückgetreten, nachdem sie zunächst angekündigt hatte, Russland und Israel von der Preisvergabe auszuschließen. Die Goldenen Löwen sollen jetzt durch ein Publikumsvotum vergeben werden. Südafrika hat die Künstlerin, die im Pavillon des Landes auftreten sollte, aus dem Haus gejagt, weil sie sich mit ihren Arbeiten zu sehr mit den Folgen des Gazakrieges beschäftigt habe und deshalb „einen gespaltenen Beitrag“ leisten würde. Der Iran hat in diesem Jahr ganz auf eine Beteiligung verzichtet. Die Wellen schlagen hoch in der Lagunenstadt.

DUR STATT MOLL



100 Jahre nach der Geburt von Dario Fo und zehn Jahre nach seinem Tod feiert Italien einen „Giullare e Pittore“, einen „Gaukler und Maler“, wie es auf seinem Grabstein steht – aber es bleibt nicht viel mehr als Erinnerung Mailand – So ein Datum konnte man einfach nicht übersehen: Am 24. März vor 100 Jahren kam Dario Fo auf die Welt. Der beliebte Schauspieler, volkstümliche Autor und gesellschaftlich engagierte Künstler war bis kurz vor seinem Tod im Oktober 2016 in der italienischen Öffentlichkeit präsent. So gab es jetzt für den Literaturnobelpreisträger von 1997 eine Reihe Veranstaltungen in Rom (Teatro Sistina), Mailand (Piccolo Teatro) oder an verschiedenen Orten mit Initiativen der Familienstiftung, der Fondazione Fo-Rame. Gefeiert wurde der kritische Geist, Querdenker und Theatermacher meist alleine, manchmal auch zusammen mit seiner Partnerin Franca Rame (1929 – 2013). Und was besonders im Ausland übersehen wird, erinnert wurde ebenso an den Autor von Dutzenden Lieder- und Songtexten (Musik oft von Fiorenzo Carpi). Die Stadt Mailand widmete Dario und Franca jetzt eine Gedenktafel an ihrer langjährigen Wohnstätte in der Via Porta Romana.

DIE BÜHNE ALS PIAZZA


Das Piccolo Teatro holt das Kino auf die Bühne und inszeniert den Filmklassiker „Miracolo a Milano“ aus den 1950er-Jahren für das Theaterpublikum von heute – und spiegelt zugleich die gegenwertige Stadtentwicklung in jener der Vergangenheit Mailand – Als der Film „Miracolo a Milano“ von Vittorio De Sica und Cesare Zavattini 1951 in die Kinos kam, reagierte die Kritik gespalten. Einerseits war der fabelhafte Charakter dieses „Wunders von Mailand“ verdächtig und wurde als sozial vertröstend kritisiert. Anderseits wurde das Märchenhafte als Überwindung eines inzwischen steril empfunden Neorealismus gefeiert und die „favola bella“ als der Traum einer besseren Welt. 75 Jahre danach holt das Piccolo Teatro das Kino von einst in einer theatralischen Bearbeitung auf die Bühne. Mit vielen Einspielungen von Filmsequenzen, aber auch mit Videobildern der Metropole von heute, möchte die Inszenierung von Claudio Longhi eine Hommage an Mailand sein und zugleich einen kritischen Blick auf die Gegenwart bieten.

BUONGIORNO!



50 Jahre Radio Popolare di Milano. Der linke Mailänder Lokalsender gilt als Einzelfall im Panorama des unabhängigen und nichtkommerziellen Rundfunks in Europa. Doch Radiomacher wie Hörer werden immer älter. Mailand – Rund zehn Jahre bevor in Deutschland private Radios neben den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Programme ausstrahlen konnten, begannen sich bereits in Italien private Sender als „radio libere“ neben der staatlichen RAI zu etablieren. Eine historische Entscheidung des römischen Verfassungsgerichts im Juli 1976 ließ die Ausstrahlung private Radioprogramme auf lokaler Ebene zu und legalisierte damit eine Reihe von Gründungen der Vorjahre. Dazu gehörte auch der Sender Radio Popolare in Mailand, der im Dezember 1975 gegründet ab dem September 1976 mit einem Vollprogramm auf Sendung ging. Während die meisten Radiostationen die Anfangsjahre dieser Entwicklung nicht überlebten, hat Radio Popolare nicht nur alle Krisen in der Medienlandschaft überwunden, sondern bis heute seinen Charakter als ein unabhängiger und gesellschaftspolitisch linksorientierter lokalverwurzelter Sender mit nationaler Ausstrahlung beibehalten.

EINE STIMME GEBEN