Reportagen und Berichte


    „DIE ENTDECKUNG EINER ZEITGENÖSSISCHEN HARMONIE“

    Der Illustrator Carlo Stanga im Gespräch über versteckte Wahrheiten, Grenzüberschreitungen sowie über die Beziehungen zwischen Kunst, Natur und Architektur

    © Carlo Stanga/Land srl

    Carlo Stanga, geboren 1966 in Crema, lebt in Berlin

    Mailand – Der Architekt, Illustrator und Buchautor Carlo Stanga arbeitet mit wichtigen Magazinen und Zeitungen auf der ganzen Welt sowie mit kulturellen Institutionen zusammen. Für das von Andreas Kipar herausgegebene LANDmagazin Vol.2, einer internen Zeitschrift des Architektur- und Consultingunternehmens  Land srl, hat er die Folge WanderWorld entworfen. In einem Gespräch reflektiert er seine Arbeit und die neue Rolle der Natur für die Architektur.

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    EINE LOGE IM WELTTHEATER

    Die Mailänder Museums-Wohnung Bagatti Valsecchi und ihre Einrichtungen im Stil der Neorenaissance suchen den Dialog mit der Sammlung Gastaldi Rotelli. Dazu Anmerkungen von Walter Benjamin

    © Museo Bagatti Valsecchi, Milano

    Santa Giustina (Ausschnitt), Gemälde von Giovanni Bellini in der Camera Rossa des Museo Bagatti Valsecchi

     Mailand (bis 12.3.2023) – Die eigene herrschaftliche Wohnung zu einer Art Gesamtkunstwerk zu machen, das war der Traum der Brüder Bagatti Valsecchi aus einer wohlhabenden Familie des Mailänder Stadtadels, den sie an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Wirklichkeit werden ließen. Fausto (1843-1914) und Giuseppe (1845-1934) rekonstruierten die Innenräume ihres Familienpalastes im historistisch Stil der Neorenaissance und richteten sie mit Kunst- und Gebrauchsgegenständen vornehmlich aus dem 15. und 16. Jahrhundert ein: darunter Gemälde (etwa von Giovanni Bellini oder Bernardo Zenale) und Möbel, Tapisserien und Schmuckarbeiten, wissenschaftliche Geräte und Waffen. Mit der Generation der Enkel öffneten sich die Privaträume dann 1994 zu einem Museum. In den Räumen dieses Museo Bagatti Valsecchi und im Dialog zu seinen Einrichtungsgegenständen werden gerade rund 50 Exponate aus der privaten Sammlung Gastaldi Rotelli mit Gemälden aus Früh- und Spätbarock gezeigt.

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    ETWAS KULTURELL DAUERHAFTES

    Fondazione Prada (1): Auf der Suche nach Spuren der Gegenwart in Kunst, Kultur und Wissenschaft. Ein Treffen mit Chiara Costa, Verantwortlich für das Programm der Mailänder Kulturstiftung

    © Cluverius

    Hauptsitz der Fondazione Prada in Mailand

    Mailand – Im unmittelbaren Umfeld des Sitzes der Fondazione Prada im Süden Mailands gibt es keine Plakatwand, die nicht auf die Aktivitäten der Kulturstiftung des Modeunternehmens hinweist. So auch auf Recycling Beauty, den Titel der von Salvatore Settis eingerichteten Ausstellung, die noch bis Ende Februar 2023 zu sehen ist. Es geht um die Wiederverwendung griechischer und römischer Altertümer in postantiken Zusammenhängen vom Mittelalter bis zum Barock. Für alle, die die Fondazione Prada vor allem mit Gegenwartskunst in Verbindung bringen, mag das Thema überraschen. Doch: „Gegenwartskunst allein gehört längst nicht mehr zur Identität der Fondazione.“ Das sagt die 44-jährige Kunsthistorikerin Chiara Costa, die seit drei Jahren als „Head of Programs“ für das Kulturprogramm verantwortlich ist, im Gespräch.

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    PUNKT UND KONTRAPUNKT

    Bruce Nauman, Dineo Seshee Bopape und der Mailänder Pirelli HangarBicocca

    ©Courtesy Hangar Bicocca

    Bruce Nauman: "Human Nature/Knows Doesn't Know", Installation 1983/1986

     Mailand (Hangar Bicocca bis 26.2.) – Nach Steve McQueen und Anicka Yi in diesem Frühjahr zeigt der Mailänder Pirelli HangerBicocca jetzt im Herbst/Winter als Hauptausstellung Bruce Nauman Neon Corridors Rooms. Für 2023 sind u.a. weitere Ausstellungen von Ann Veronica Janssens, James Lee Byars oder Thao Nguyen Phan geplant. Die monografische Ausstellungen von internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die sowohl neue Produktionen als auch Leihgaben aus den wichtigsten Museen der Welt umfassen, belegen die Bedeutung dieser Kultureinrichtung für die Szene der Gegenwartskunst in Italien. Das ist nicht zuletzt ein Verdienst von Vicente Todolí und seinem Team von Kuratorinnen und Kuratoren.

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    GÜLDENE DUNKELHEIT

    Der amerikanische Künstler Nari Ward verwandelt auf Einladung der Fondazione Trussardi das Schwimmbecken eines Mailänder Freibades in einen goldglänzenden „Emergence Pool“

    © Cluverius

    Es ist nicht alles Gold, was glänzt - Installation "Emergence Pool" (2022) von Nari Ward

    Mailand (Centro Balneare Romano bis 16.10.) – Golden schimmert die Wasseroberfläche des Mailänder Schwimmbads „Centro Balneare Romano“. Hunderte Rettungsdecken, wie man sie etwa von der Bergung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer kennt, bewegen sich sanft auf dem Wasser des Freibads. Manche Decken werden vom Wind angehoben, verschoben, so dass Helfer in Taucheranzügen ins Becken steigen und sie wieder in Position bringen. Emergence Pool nennt der amerikanische Künstler Nari Ward (geboren in Jamaika 1963) seine für die Stadt Mailand projektierte Installation. Sie ist der Höhepunkt einer kleinen, von Massimiliano Gioni kuratierten Ausstellung der Fondazione Nicola Trussardi mit dem Titel Gilded Darkness.

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    WELTBÜRGERTUM

    Mit dem Balzan-Preis 2022 werden unter anderen Martha Nussbaum und Philip V. Bohlmann ausgezeichnet

    © Wikipedia

    "Wir brauchen einen Humanismus, der öffentliches Tun wieder lenken kann." Martha Nussbaum, Balzan Preis 2022 für Moralphilosophie

    Mailand – Mit einer mutigen Auswahl der Preisträger 2022 unterstreicht der Balzan Preis  seine Fähigkeit, die gesellschaftliche und politische Bedeutung von Wissenschaft widerzuspiegeln. Das gilt besonders für Martha Nussbaum (University Chicago), die im Fach Moralphilosophie geehrt wird. Sie hat sich u.a. durch ihr Plädoyer für ein Weltbürgertum, ihr Eintreten für Multikulturalismus und liberalen Feminismus oder ihre Studien zum Zusammenhang von Ethik und Emotionen einen Namen gemacht. Aber das gilt ebenso für ein Musikwissenschaftler wie Philip V. Bohlman, der sich durch Feldforschung unter muslimischer Bevölkerungsgruppen in Indien und Europa sowie als Professor in Jewish History, Music an the Humanities an der Uni Chicago ausgezeichnet hat und zudem als Gastprofessor an der Hochschule für Musik Hannover kein Unbekannter in Deutschland ist. Bohlman erhält den Balzan Preis 2022 im Fach Ethnomusikologie.

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    GEHEIME BLÄTTER

    Der Künstler und Bühnenbildner Daniele Lievi und seine Visionen (nicht nur) der Theaterwelt in einer bemerkenswerten Ausstellung im MuSa, dem Museum von Salò 

    © Daniele Lievi / mostra MuSa

    Phantasien um Heinrich von Kleist - Daniel Lievis Arbeit "Carta segreta per Caterina di Heilbronn" (1988)

    Mailand/Salò (MuSa bis 30.11.) ­–  Bildende Künstler von Pablo Picasso bis Anselm Kiefer haben gelegentlich Wege in die Theaterwelt gesucht und sie etwa mit Bühnenbildern bereichert. Aber keiner hat sein künstlerisches Schaffen so radikal mit der Bühne verbunden wie der früh verstorbene Daniele Lievi (1954-1990) – in enger Zusammenarbeit mit seinem zwei Jahre älteren Bruder, dem Regisseu, Autor und Lyriker Cesare Lievi. Auf dessen Initiative hin wird jetzt in Salò am westlichen Ufer des Gardasees unter dem Titel „Carte Segrete – Teatro Visioni“ (Geheime Blätter – Theater Visionen) eine umfassende Ausstellung mit Arbeiten von Daniele Lievi gezeigt, nachdem es im Vorjahr gleichsam als Wegbereitung bereits eine kleinere Ausstellung in Brescia gegeben hatte.

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    MIT GELD, GESCHMACK UND GUTEN BERATERN

    Vor 200 Jahren wurde Gian Giacomo Poldi Pezzoli geboren, der Mailand das schönste Privatmuseum der Stadt hinterließ. Eine Ortsbesichtigung

    © Museo Poldi Pezzoli Milano

    Eine Ikone: Piero del Pollaiolo (1443-1496): Ritratto di Dama (um 1470)

    Mailand – Eine Stupsnase hat sie und eine etwas einfältige Mundpartie – dennoch strahlt das Profilbild der in die Ferne blickenden jungen Dame aus Florenz Eleganz und Weitsicht aus. Das wird auch den Mailänder Sammler Gian Giacomo Poldi Pezzoli überzeugt haben, der es kurz vor seinem Tod 1879 kaufte. Zudem besaß Pollaiolos Arbeit aus dem späten 15. Jahrhundert mit 45,5 mal 32,7 Zentimeter ideale Maße für die Sammlung in den Privaträumen des reichen Lombarden im ersten Stock seines Stadtpalastes in der heutigen Via Manzoni. Zwei Jahre nach seinem Tod wurde die Wohnung mit der Sammlung wie testamentarisch bestimmt als Museum eröffnet. Und das Doppelte PP von Piero del Pollaiolo, gleichsam übertragen auf das Scherenschnitt-Profil der Stupsnasen-Dame, ist heute das markante Signum vom MPP, vom Museo Poldi Pezzoli (– dass das Gemälde vielleicht von Pieros Bruder Antonio stammt, wollen wir hier nicht diskutieren).

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    DURCH EINEN ROTEN FLUR

    Die 23. Internationale Triennale Mailand „Unknown Unknowns“ versucht, Nachdenken über Nichtwissen anschaulich zu machen - was nicht immer gelingt.

    © Cluverius

    Spielerisch: Videoclips abrufbar über ein Mellotron (Baujahr 1963) mit Stücken des Songs "L'Ignoto" (Das Unbekannte) von Francesco Bianconi

    Mailand (bis 11.12.)  – Crash oder friedliche Vereinigung? Die Andromeda-Galaxie bewegt sich auf unser Milchstraßensystem zu und wird es vermutlich in 4 Milliarden Jahren erreichen. Eine Videoinstallation verkürzt diesen Zeitraum auf wenige Sekunden und zeigt, wie sich die beiden Systeme annähern. Offen bleibt, ob es dabei zu ihrer gegenseitigen Zerstörung kommt. Nicht alle Installationen dieser 23. Internationalen Triennale Mailand, die unter dem Obertitel Unknown Unknowns eine „Einführung in die Geheimnisse des Unbekannten“ geben möchte, sind so anschaulich wie diese Arbeit des türkisch-amerikanischen New-Media-Künstlers Refik Anadol.

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    FÜR EIN NEUES PUBLIKUM

    Die Mailänder Scala baut eine Streaming-Plattform auf. Start vermutlich im Januar 2023

    © RAI/Teatro alla Scala

    Scala-Saison-Eröffnung im italienischen Fernsehen regelmäßig am 7. Dezember - jetzt folgt ein breit gefächertes Streaming-Angebot zu attraktiven Preisen 

    Mailand – Das Teatro alla Scala bereitet wie andere großen Opernhäuser ein Streamingprojekt vor. Wie lokale Medien berichten, soll die offizielle Premiere im Januar 2023 stattfinden. Seit Monaten zeichnen neun im Zuschauerraum installierte Kameras Aufführungen auf, um den Katalog aufzubauen. Die Zuschauer, so vermutet la Repubblica (hier in ihrem Beitrag), werden ein Abonnement abschließen können, um die Aufführungen sowohl live im Fernsehen oder auf dem PC zu sehen oder sie on demand abzurufen. Man denke offensichtlich an einen attraktiven Preis pro Aufführung zwischen fünf und zehn Euro je nach Genre (Oper, Ballett, Konzert) oder dem Format des Videos. Für Schulen und Kulturvereine könnten kostenlose Pakete mit speziellen Inhalten rund um die Aufführung mit Interviews, Informationen zu den Darstellern und Hinweisen auf die Geschichte der Scala ins Angebot gestellt werden.

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    ERWEITERUNGEN, PERSPEKTIVEN

    Der 60. Salone del Mobile und die Design week in Mailand. Eine zentrale Rolle spielt die Triennale und ihr Palazzo dell'Arte u.a. mit einer Memphis-Ausstellung. Und die 23. Internationale Triennale di Milano steht vor der Tür

    © Cluverius

    Memphis-Ausstellung in der Triennale

    Mailand (bis 12.6.) – Zum 60. Mal findet der Salone del Mobile statt. Auf dem Messegelände im Mailänder Vorort Rho zeigen 2000 Aussteller, darunter 600 junge Designer unter 35, ihre Entwürfe, Idee, Produkte. Trotz der globalen Problemstellungen (Klimawandel, Pandemie, Krieg in der Ukraine) möchte man mit Design ein positives, optimistisches Bild „für ein besseres Leben auf diesem verletzlichen Planeten“ vermitteln, wie es in einer Mitteilung heißt. In Italien sind im Sektor rund 34.000 Unternehmen, davon die meisten im Großraum Mailand, mit mehr als 64.000 Beschäftigten tätig. Damit ist Italien das führende „Design-Land“ in Europa, hier wird 15 Prozent des Umsatzes der EU erwirtschaftet.

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    Am Gardasee

    © Cluverius

    Blick auf den Lago di Garda vom Castello Scaligero in Sirmione aus

    Desenzano sul Garda/ Sirmione, Anfang Juni – Eine kleine Tour führt zu drei staatliche Einrichtungen unter der Direzione Regionale Musei Lombardia an den Gardasee. Sie beginnt in Desenzano sul Garda bei den Ausgrabungen einer römischen Villa, die bis zum 4. Jh. n. Chr. mehrfach verändert wurde. Möglich, dass sie zuletzt von einem Bruder des Kaisers Magnentius (350-353 n. Chr.) erweitert wurde – auf diesen Flavius Magnus Decentius geht angeblich auch der Name von Desenzano zurück. Von seiner Villa öffnete sich ein Panoramablick auf den See. Inzwischen von einem Wohnviertel umgeben, liegt sie eher versteckt und zählt zu den weniger bekannten Attraktionen von Desenzano. Erst im letzten Jahrhundert entdeckt spiegeln die Ausgrabungen der Villa Romana noch das Forschungsbemühen von Wissenschaftlern wider. Die Anlage erschließt sich nicht sofort beim Besuch (auch, weil die angebotene App der drei Einrichtungen schwer runterzuladen und nicht leicht zu bedienen ist). Dennoch lohnt das Kommen allein wegen der herrlichen Fußbodenmosaike.

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    DAS DENKEN ALS COLLAGE

    Italien feiert Louise Nevelson in mehreren Ausstellungen unter anderem in Venedig und in Mailand

    © Cluverius

    Ein Leben mit Collagen - Arbeiten aus den 1960er- und 1970er-Jahren von Louise Nevelson selbst arrangiert (Galerie Giò Marconi, Mailand)

    Mailand/Venedig – In historischen „Kapseln“ erinnert die diesjährige Biennale dell‘Arte u.a. an die US-amerikanische Künstlerin Louise Nevelson (Kiew 1899 – New York 1988). Ihre vom Kubismus beeinflussten und ebenso mit der Arte Povera verwandten Arbeiten kann man aber vor allem auf zwei größeren Ausstellungen in Mailand und in Venedig verfolgen. Dazu kommt eine kleine Initiative in Castelfranco Veneto. In Venedig stehen in den gerade restaurierten und wieder zugänglich gemachten Procuratie Vecchie an der Piazza San Marco die Skulpturen und Wandinstallationen im Mittelpunkt. In Mailand geht es um die Collagen auch im Zusammenhang mit der Buchveröffentlichung „Out of Order. The Collages of Louise Nevelson“ in englischer Sprache.

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    IN NEUEM LICHT

    Der Kirchenbau der protestantischen Gemeinde Mailand (CCPM) nach einer umfassenden Restaurierung und nach Umbauarbeiten in einer reich bebilderten Dokumentation, die gerade erschienen ist.

    © CCPM

    Die Kanzel - wie bei der Gründung der Kirche 1864 - in zentraler Position, nachdem sie ein paar Jahrzehnte lang seitwärts positioniert war. Hinter dem Altar ist der Grundstein sichtbar.

     MailandVor mehr als 170 Jahren gründeten Schweizer Reformierte und deutsche Lutheraner in Mailand eine protestantische Gemeinde unter der offiziellen Bezeichnung „Evangelische Versammlung“. Wenig später konnte sie sich als „Chiesa Cristiana Protestante in Milano“ (CCPM) ein Statut geben. 1864 wurde der Bau eines eigenen Kirchengebäudes im neugotisch-lombardischen Stil an der damaligen Via Carlo Porta (heute Via Marco de Marchi) eingeweiht. Nach vielen kleinen Maßnahmen zur Pflege des Gebäudes und der Anlage waren in den 2010er-Jahren größere Renovierungs- und Umbauarbeiten nötig, die 2017 abgeschlossen werden konnten. Eine kleine  zweisprachige Veröffentlichung der CCPM unter dem Titel „In neuem Licht / In nuova luce“, die gerade erschienen ist, dokumentiert und wertet diese Arbeiten. Die geben der Gemeinde auch die Möglichkeit, ihre Aktivitäten nicht nur geistlich, sondern ebenso kulturell und gesellschaftlich auszuweiten.
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    NEUE FREUNDLICHKEIT

    Die Skulptur „You“ oder Warum Maurizio Cattelan Angela Merkel sein möchte

    © Roberto Marossi

    "You", Skulptur von Maurizio Cattelan (2021) in der Casa Wassermann (Silikonplatin, Glasfaserepoxid, Edelstahl, echtes Haar, Hanftücher und Hanfseile, Blumen; 140 × 40 × 25 cm; Credits by Roberto Marossi. Courtesy the artist and MASSIMODECARLO)

    Mailand (Galleria Massimodecarlo bis 25. 6.)Hier hängt er nun im blauen Anzug mit Krawatte, einen Blumenstrauß in der Hand, barfuß und den Strick um in den Hals im grünen Marmorbad der Mailänder Galerie von Massimo De Carlo: eine der typischen Puppen von Maurizio Cattelan, die sein Antlitz - diesmal mit einem traurigen Lächeln - tragen. You nennt sich diese brandneue Arbeit. Aber was die einen schockiert, lässt andere nur gähnen. Cattelan, einst mit dem betenden Hitler, dem erschlagenen Papst oder dem erhängten Kind ein willkommener Provokateur und Meister der Ironie, so die Kritikerin Alessandra Mammì in der Zeitschrift Artribune, wiederhole sich nur noch müde selbst. Schockierend seien die Zeitläufe, nicht eine erhängte Puppe im Nobelklo.

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    Im Theater: Edipo Re. Una favola nera.

    Die Inszenierung des Teatro Elfo Puccini verwandelt die Tragödie des Ödipus in ein faszinierendes Kaleidoskop von Traumbildern

    © Lorenzo Palmieri / Teatro Elfo Puccini

    Ödipus (Valentino Mannias) - von Schreckensbildern heimgesucht

    Mailand (Teatro Elfo Puccini bis 14.4.) – Das ist die Fabel eines Jungen aus einer Hirtenfamilie, der das Böse besiegt, die Stadt befreit, dafür zu ihrem König ernannt wird und die schöne Witwe des vorherigen Königs zur Frau bekommt. Die Fabel schlägt aber um in eine Katastrophe, als der König Ödipus erfährt, dass er, wie vom Orakel vorhergesehen, der Mörder seines Vaters ist und schließlich sogar seine eigene Mutter geheiratet und mir ihr Kinder erzeugt hat. Der mythische Stoff ist von Sophokles in „König Ödipus“ (um 429 v. Chr.) als klassische Tragödie gestaltet worden mit der Botschaft, dass es unmöglich sei, seinem Schicksal zu entkommen. Die Bearbeitung durch Ferdinando Bruni und Francesco Frongia am Mailänder Teatro Elfo Puccini geht über Sophokles hinaus und führt einen Ödipus vor, der sich dem Mythos in von Form Traumgestalten erwehren will, aber schließlich in der unmöglichen Wahl zwischen Freiheit und Notwendigkeit gefangen bleibt.

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    Im Theater: Eichmann. Dove inizia la notte

    Das neue Stück von Stefano Massini – eine Befragung von Eichmann durch Hannah Arendt – wurde im Mailänder Piccolo Teatro uraufgeführt.

    © Tommaso La Pera / Piccolo Teatro

    Banalität des Bösen: Eichmann (Paolo Pierobon) und Hannah Arendt (Ottavia Piccolo)

    Mailand (Piccolo Teatro) – Adolf Eichmann leitet während des Nationalsozialismus bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an zentraler Stelle die Verfolgung und Deportation von Juden in Deutschland und in den besetzten Gebieten. Vom israelischen Geheimdienst 1960 in Argentinien aufgespürt wurde er nach Israel gebracht, wo ihm ein öffentlicher Prozess gemacht und wo er schließlich zum Tode verurteilt wurde (Vollstreckung 1962). Den Prozess verfolgte die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt. Sie veröffentlichte anschließend  ihr berühmtes Buch „Eichmann in Jerusalem“ über die Banalität des Bösen. Der italienische Autor und Dramaturg Stefano Massini hat aus den Prozess-Akten und dem Arendt-Buch das Theaterstück „Eichmann. Dove inizia la notte“ (Wo die Nacht beginnt) entwickelt. Der Einakter, produziert von den Stadttheatern in Bozen und Venedig, wurde jetzt in Mailand am Piccolo Teatro in der Regie von Mauro Avogadro uraufgeführt.

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