Büchertipps für Weihnachten und zum Jahreswechsel: Giosuè Calaciura, Elsa Morante und Dacia Maraini erzählen in aktuellen Übersetzungen ihrer Arbeiten von Verletzlichkeit, Widerstand und Identitätsbildung Mailand – Ich, der Sohn von Giosuè Calaciura (Edition Converso), Cara Elsa. Briefe von und an Elsa Morante (Verlag Klaus Wagenbach) und Ein halber Löffel Reis. Kindheit in einem japanischen Internierungslager von Dacia Maraini (Folio Verlag) – diese drei Bücher kreisen auf jeweils eigene Weise um Fragen von Identität, Herkunft und Selbstbehauptung. In unterschiedlichen Formen – Roman, Briefsammlung und autobiografischer Erinnerung – zeigen sie, wie fragile, suchende Stimmen inmitten von Krieg, Verfolgung und ideologischer Enge dennoch Würde und inneren Widerstand bewahren. Literatur erscheint hier nicht nur als ästhetische Praxis, sondern als Akt des Zeugnisses, der Erinnerung und des Überlebens. Drei Bücher als Empfehlung für die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel zum Lesen und/oder zum Verschenken:
Literatur
Pasolini 1: Kunst und Leben durchdringen sich. Notizen zur Aufnahme Pasolinis im deutschen Sprachraum. Ein Gastbeitrag von Peter Kammerer Rom/Wien – Aus Anlass des 50. Todestages von Pier Paolo Pasolini (2. November) zeigt das Istituto Italiano di Cultura Wien die Ausstellung „Pier Paolo Pasolini (1922-1975) – Fotografie di Dino Pedriali”. Organisiert in Zusammenarbeit mit der Fondazione Luigi Rovati in Mailand und bis zum 2. November zu Gast im Metro Kinokulturhaus Wien werden 25 Fotografien von Dino Pedriali präsentiert, die Pasolini in seinem Haus in Chia und auf den Straßen von Sabaudia im Oktober 1975 abbilden. Unter den Stichworten Tod, Kino, Freibeuter, Dichter hat Peter Kammerer für den Katalog der Ausstellung einen Essay über die Aufnahme Pasolinis im deutschen Sprachraum geschrieben, den wir hier auf Cluverius dokumentieren:
DER DICHTER ALS FREIBEUTER
Pasolini 2: Der kritischen Intellektuelle im Meinungsaustausch mit der Leserschaft einer kommunistischen Zeitschrift. Eine Auswahl seiner Texte ist jetzt zum ersten Mal auf Deutsch bei Wagenbach erschienen Mailand – In den frühen 1960er-Jahren führte Pier Paolo Pasolini (1922 – 1975) einen Dialog mit Leserinnen und Lesern in der politischen, PCI-nahen Wochenzeitung Vie Nuove. In seiner Kolumne antwortete der Schriftsteller und Filmemacher, der sich in jenen Jahren zwischen Accatone und Uccellacci e uccellini besonders mit Kinoproduktionen beschäftigte, auf Fragen aus allen Teilen der italienischen Gesellschaft: von Arbeitern, Studenten, Lehrern, Bauern und Parteifunktionären. Unter dem Titel „Dialoge mit Pasolini“ ist jetzt zum ersten Mal auf Deutsch eine repräsentative Auswahl dieser Texte erschienen – Cornelia Wild hat sie im Wagenbach Verlag herausgegeben und der Übersetzer Fabien Vitali die Anmerkungen erstellt.
DER AUTOR IM DIALOG
Vor einhundert Jahren kam Andrea Camilleri auf die Welt, der im Alter zum Erfolgsautor und unermüdlichen Erzähler seiner sizilianischen Heimat wurde. Am Anfang stand dabei der kleine Roman „Der Lauf der Dinge“ – eine Kriminalgroteske, die den Ton für viele weitere Bücher vorgab Mailand/Berlin – Der unglaubliche Erfolg, den Andrea Camilleri (1925-2019) mit seinen Romanen über den Commissario Montalbano hatte, stempelt ihn bis heute als Krimiautor ab. In Italien begann das 1994, im deutschen Sprachraum 1999. Aber der Autor, der nach dem Ende einer Karriere mit Arbeiten bei Rundfunk, Fernsehen und Theater erst im Alter zum literarischen Schreiben kam, hatte auch eine Reihe historischer Romane hervorgebracht. Daran erinnert Wagenbachs Verlegerin Susanne Schüssler im Vorwort des jetzt wieder veröffentlichten kleinen Romans „Der Lauf der Dinge“ (Il corso delle cose), denn der Berliner Verlag hatte keinen geringen Anteil an der Verbreitung des „anderen“ Camilleri nördlich der Alpen. Wobei es in diesen historischen Erzählungen nicht an kriminalistischer Entdeckerfreude mangelt, wie die Montalbano-Reihe ebenso immer wieder Geschichte widerspiegelt und hier wie dort liebevolle Ironie eine Hauptrolle spielt.
HINTERGRÜNDIGER WITZ
Der wiederentdeckte Roman „Trauben schwarz wie Blut“ von Livia De Stefani erzählt eine Familientragödie im mafiösen Klima der sizilianischen Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert Mailand/Karlsruhe – Der Roman „Trauben schwarz wie Blut“ von Livia De Stefani, den die Edition Converso in der neuen Übersetzung von Klaudia Ruschkowski herausgegeben hat, ist die Entdeckung dieses Sommers! 1953 in Italien erschienen, führt er Leserinnen und Leser in die sizilianische Gesellschaft im ländlichen Raum unweit von Palermo. Im Mittelpunkt stehen die Geschichte von Casimiro Badalamenti, einem arroganten und gewalttätigen Aufsteigertyp, der in undurchsichtige Geschäfte verstrickt ist, über die die „ehrenwerte Gesellschaft“, die Mafia, aus obskuren Gründen schützend die Hand hält. Und seine patriarchalische Beziehung zur fülligen, schlecht beleumdeten Concetta, die er herrisch kommandiert und sich zugleich von ihr, „einem Turm aus Fleisch“, angezogen fühlt, „wie eine Fliege vom Zucker“.
