Frauen


Maddalena Fingerle ist mit dem Roman „Muttersprache“ ein bemerkenswerter Erstling gelungen, den Maria Elisabeth Brunner ebenso bemerkenswert übersetzt hat (Folio Verlag) Mailand – Der junge Italiener Paolo Prescher wächst in Bozen unter nicht ganz leichten Umständen auf. Sein Vater ist verstummt, seine größere Schwester bösartig und verlogen, seine Mutter vor allem mit sich selbst beschäftigt und Jan, sein bester Schulfreund, macht sich noch in die Hose. Kein Wunder, dass auch der junge Paolo Nerven zeigt: übersensibel an der Grenze zum Wahn leidet er darunter, dass ihm die Wörter „dreckig“ gemacht werden. Er merkt, „dass die Sprache, die ich spreche, schmierig ist und ich es nicht mehr schaffe, mich auszudrücken.“ Das ist die Ausgangssituation des Romans „Muttersprache“ von Maddalena Fingerle, der in der ­– um es gleich zu sagen – tollen Übersetzung von Maria Elisabeth Brunner bei Folio (Bozen/Wien) vorliegt.

DAS GEHEIMNIS DER BUCHSTABEN


Das neue Stück von Stefano Massini – eine Befragung von Eichmann durch Hannah Arendt – wurde im Mailänder Piccolo Teatro uraufgeführt. Mailand (Piccolo Teatro) – Adolf Eichmann leitet während des Nationalsozialismus bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an zentraler Stelle die Verfolgung und Deportation von Juden in Deutschland und in den besetzten Gebieten. Vom israelischen Geheimdienst 1960 in Argentinien aufgespürt wurde er nach Israel gebracht, wo ihm ein öffentlicher Prozess gemacht und wo er schließlich zum Tode verurteilt wurde (Vollstreckung 1962). Den Prozess verfolgte die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt. Sie veröffentlichte anschließend  ihr berühmtes Buch „Eichmann in Jerusalem“ über die Banalität des Bösen. Der italienische Autor und Dramaturg Stefano Massini hat aus den Prozess-Akten und dem Arendt-Buch das Theaterstück „Eichmann. Dove inizia la notte“ (Wo die Nacht beginnt) entwickelt. Der Einakter, produziert von den Stadttheatern in Bozen und Venedig, wurde jetzt in Mailand am Piccolo Teatro in der Regie von Mauro Avogadro uraufgeführt.

Im Theater: Eichmann. Dove inizia la notte



Barbara Frandino erzählt in ihrem Roman „Das hast du verdient“ (Folio Verlag) von der langsamen Zersetzung einer Ehe Mailand – Was hält eine Beziehung zusammen, wenn die Liebe in Enttäuschung umschlägt? Wenn der Schmerz die Lust nach Rache weckt? Barbara Frandino erzählt von Claudia, 42, die als Ghostwriterin arbeitet und mit Antonio, einem bekannten TV-Moderator, zusammen lebt. Vom Fenster aus sieht Claudia, wie Antonio im Garten von der Leiter bei der Arbeit an einem Grantapfelbaum stürzt und dann bewusstlos auf dem Boden liegt. Später im Krankenhaus erfährt sie, dass ihr Mann einen Infarkt erlitten hatte, die Erstversorgung aber erst sehr spät erfolgt sei. Als der Unfall passierte, war die Beziehung zwischen den beiden, die als große Liebe begonnen hatte, bereits merklich abgekühlt. „Meine Tage lasse ich fast wortlos verstreichen“, heißt es In dieser Ich-Erzählung aus der Sicht von Claudia, die bei Folio unter dem Titel Das hast du verdient erschienen ist.

UNTER DIE HAUT


Mailand Ende Juni – Unter den Mailänder Metro-Bahnhöfen ist das die farbenprächtigste Station: Porta Venezia. Seit 2018 leuchten die Seitenwände im Bahnsteigbereich in den Regenbogenfarben, ein Symbol für die LGBT-Bewegung. Mailand ist nicht nur eine international geprägte Stadt und – mit allen Problematiken – Anlaufpunkt für Emigranten aus aller Welt, sondern hier schlägt auch des Herz der italienischen Gay-Pride-Bewegung. Das in vieler Hinsicht „open-mind“ geprägte Viertel um die Porta Venezia ist besonders auf dem Gebiet des ehemaligen Lazaretts mit Restaurants und Bars (etwa in der Via Lecco) zu ihrem Treffpunkt geworden – solidarisch erzählt auch im Dokumentarfilm „Porta(le) Venezia“ von Alberto Pattacini, der gerade in der Mailänder Kinemathek an der Piazza Oberdan gezeigt wird.

In Mailand (Stazione Porta Venezia)



Venedig atmet in den kürzlich restaurierten Giardini Reali im Rücken des Markusplatzes frühlingshaft auf – noch aber fehlen die Besucher aus aller Welt Venedig – Aufatmen, Luftholen, Frühling nach dem langen Winter der Pandemie. Auch wenn die Lagunenstadt kulturell weiterhin im Dornröschenschlaf vor sich hindämmert und viele Einrichtungen zu Ostern geschlossen sind. Die Natur ist dagegen aufgewacht in einem neuen alten Garten: in den Giardini Reali, die im Rücken der Procuratie Nuove sich längs der Uferbefestigung beim Anleger S.Marco erstrecken. Ein Garten, den Touristen meist (noch) übersehen, weil sie es eilig haben, auf den Markusplatz zu kommen, statt in diese Oase der Ruhe einzutauchen. Narzissen und Tulpen blühen unter Feigenbäumen, Glyzinien leuchten an einer alten Pergola, bedächtig schwanken Bambusblätter. Steineichen werfen Schatten, Bitterorangen glänzen unter blauem Himmel und eine immergrüne Lorbeerhecke schützt wie ein natürlicher Deich vor der Lagune und dem – in covidfreien Zeiten hektischen – Treiben am Uferweg.

SYMPHONIE IN GRÜN