Das Italien der ersten Italiener – Eine Ausstellung in Novara porträtiert die Entstehung einer Nation mit Arbeiten der bildnerischen Kunst und unterstreicht so den Reichtum des Kulturangebots Italiens auch abseits der Metropolen

Unterwegs im auf den Spuren des jungen Nationalstaates Italien – hier mit Arbeiten von Pio Joris (Piazza Navona um 1900) und Adolfo Tommasi (Piazzale Michelangelo 1883)
Mailand/Novara – Wer sich Ende März oder über Ostern im westlichen Norditalien aufhält, kann in der alten Bischofsstadt Novara die Ausstellung über „L’Italia dei primi Italiani“ (Das Italien der ersten Italiener) besichtigen. Es geht, wie es im Untertitel heißt, um ein „Porträt einer gerade geborenen Nation“. Präsentiert werden über 70 Arbeiten der figurativen Malerei von den 1860er-Jahren bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Künstlerische Perspektiven wechseln mit geografischen und bilden ein Mosaik von Eindrücken, die sich in den Köpfen der Beobachter vielleicht zu ganz verschiedenen Gesamtbildern zusammensetzen – und damit der Vielfältigkeit Italiens und seiner jüngeren Geschichte entsprechen.

Spaziergang im Mailänder Frühling – Gemälde von Vespasiano Bignami („Il di di San Giorgio“ um 1920/21)
Es ist ein Rundgang durch ein Land, das dabei ist, sich zu finden. Er führt durch wechselnde Territorien, durch Landschaften und ihre Menschen im Laufe von Jahrzehnten, die von tiefgreifenden politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Veränderungen geprägt waren, welche Italien langsam in die Moderne lenken. Die Ausstellung unterstreicht dabei den Reichtum des italienischen Kulturangebots auch abseits der Metropolen.
Wobei jeder Besucher und jede Besucherin einen individuellen Zugang finden mag. Man hätte sich einerseits vielleicht mehr gesellschaftlich-politische Motive gewünscht, die die Bildung des italienischen Einheitsstaates begleitet haben. Und anderseits Darstellungen des Umbruchs zur Industrialisierung und der Veränderung der Stadtlandschaften um 1900. Und das gerade im Gegensatz zum ländlichen Raum, den Arbeiten etwa von Telemaco Signorini oder Giuseppe De Nittis und anderen in den Räumen des Kastells von Novara breit dokumentieren.
Auf der anderen Seite überzeugt die Hervorhebung des Privaten im täglichen Leben wie bei bürgerlichen Riten oder in der Rolle, die Frauen zu den Künsten einnehmen. Künstler wie Pompeo Mariani oder besonders Giovanni Fattori und Silvestro Lega unterstreichen die Qualität der Werkauswahl. Am Ende stehen Bilder zu den „neuen Zeiten“ und zum Leben in den Metropolen, wobei sich Genremalerei (Italo Nunes Vais) mit genauer Beobachtung des Soziallebens (Luigi Rossi) mischt wie Altes mit Neuem.
L’Italia dei primi Italiani. Ritratto di una nazione appena nata. Novara, Castello Visconteo Sforzesco bis 6. April 2026. Kuratiert von Elisabetta Chiodini. Geöffnet Di-So 8-19 Uhr (zusätzlich Ostermontag!), Eintritt 15 Euro, Katalog (METS) 35 Euro. Info hier


