EIN REGEN VON FLUGBLÄTTERN


Giuseppe Mazza und sein Buch „Campagne di guerra“ – die informative und breit dokumentierte italienische Untersuchung über Krieg und Kommunikation und über PR in militärischen Konflikten wäre eine Übersetzung ins Deutsche wert

© National Museum of American History

„Rosie the Riveter – We Can Do It!“ – Poster von J. Howard Miller, das 1942 US- Frauen aufrief, sich in der Waffenproduktion zu engagieren

Mailand – Krieg setzt das Denken außer Kraft, vor allem das selbstkritische Denken. An seine Stelle tritt die Propaganda. Sie wird zu einer Waffe, die im Kampf mit dem Gegner, aber auch an der Heimatfront eingesetzt und von den PR-Medien transportiert wird. In dem Buch „Campagne di guerra. 150 anni di comunicazione, pubblicità, propaganda” („Kriegs-Kampagnen. 150 Jahre Kommunikation, Werbung, Propaganda“) spricht der Autor Giuseppe Mazza den PR-Medien zwar grundsätzlich ein demokratisches Potenzial zu, das aber von seinem „tragischen Gebrauch“ zu unterscheiden sei. Und um diesen tragischen Gebrauch geht es ihm in seinem durch u. a. Flugblätter, Plakate, Inserate, Fotografien breit dokumentierten Essay bei einer gelungenen Mischung aus leidenschaftlichen Erzählung und kühler Analyse.

Der Autor ist nicht an einer umfassenden, historisch-chronologischen Übersicht interessiert, die rein akademisch bliebe. Mit dem Blick des Praktikers (Leiter einer PR-Agentur und journalistischer Mitarbeiter von Radio und Zeitungen) wie dem des Theoretikers (Dozent an der Mailänder Universität für Kommunikation und Sprachen IULM) nähert sich Giuseppe Mazza dem Zusammenhang von Kommunikation und Krieg über eine Reihe von beispielhaften Aspekten. Wobei er Revolutionen und Befreiungskriege ausschließt, „die eine eigene Betrachtung erfordern würden“.

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Gleichsam die Nullnummer für ähnliche Kampagnen der Reihe „Your country needs you!“: Feldmarschall Herbert Kitchener ruft 1914 die Briten zum Militärdienst 

Beleuchtet wird etwa die berühmte Einberufungskampagne „Your country needs you!“ und ihre Versionen  im Ersten Weltkrieg. Ebenso wie die Strategie zur Rechtfertigung des Einsatzes der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, die bereits im Juli 1945 noch vor dem Bombenabwurf mit einem dichten Regen von Flugblättern auf japanische Städte begann. Beispiele belegen die antikommunistische Rhetorik zur Unterstützung des Vietnamkriegs oder die Erzählung von angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddams, um die Besetzung des Iraks zu rechtfertigen.

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NS-Propaganda, die zum Holocaust führte: SA-Mann vor dem Berliner Kaufhaus Tietz im April 1933

Aber es ist besonders der Blick auf die Zivilgesellschaft, der dieses Buch auszeichnet. Mazza betont in seinen Untersuchungen immer wieder die enge Verbindung zwischen der Produktionssphäre und dem Militärapparat und damit auch zwischen ihren jeweiligen Kommunikationssystemen. Beispielhaft in Plakaten aus den Jahren des faschistischen Italiens: Ein lachender Soldat der Wehrmacht als Besatzer, der den Betrachtern die Hand bietet – wie die lachende Krankenschwester, die uns einen Likör näherbringen möchte.

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Wie sich die Posen gleichen: Zwei Arbeiten des italienischen Grafikers Gino Boccasile zur Unterstützung der deutschen Okkupanten Italiens und zum Verkauf eines Kräuterlikörs im Kriegsjahr 1944

Viele PR-Kampagnen drehen sich um die Einbeziehung von Frauen, Kinder, Familie, also darum, die Gesellschaft „kriegstüchtig“ zu halten, was kürzlich ein deutscher Verteidigungsminister (unüberlegt?) wieder gefordert hat. Patriotismus droht so zur kollektiven Selbstverherrlichung und zur Herabwürdigung des „Feindes“ zu dienen. Feinde im Inneren (etwa die Juden für Hitlerdeutschland) wie im Außen. Wobei es auch darum geht, den „Mythos des Krieges“ zu stützen. Der – so schreibt etwa der Psychologe Umberto Galimberti in seinem Essay „Il mito della guerra“ – habe immer wieder Interpreten gefunden, „die das Heldentum, die Stärke, den Mut, die Schönheit priesen und die unter diesem ästhetischen Deckmantel die grausamsten Dinge verbargen.“ Die Rolle der Propaganda war es, den Mythos zu propagieren, die brutale Realität des Krieges aber, das Töten und Leiden sollte zum Schweigen gebracht werden. Wobei das Buch aber keine moralischen Urteile fällt, sich auf keine Debatte zwischen „gerechten und ungerechten“ Kriegen einlässt, sondern sachlich wie informativ Techniken und Formen der PR dokumentiert und beschreibt. Leserinnen und Leser mögen das selbst einordnen.

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Erinnerung an Krieg für eine Zukunft mit Frieden: „The Weight of Hiroshima“ (2015) – Arbeit des Designers Taku Satoh der Reihe Hiroshima Appeals

Ein Kapitel über den Frieden, über pazifistische Kommunikation, steht dann am Ende der Untersuchung. Hier allerdings stellt sich der Autor wertend hinter eine Kommunikation von unten, die den Versuch macht, sich von der paternalistischen Rhetorik der Kommunikation von oben zu lösen. Von John Heartfield oder Käthe Kollwitz in den 1920-Jahren bis John Lennon und Yoko Ono in den 1960-er Jahren. Zu dieser Art von Kommunikation gehören auch von die von der Japan Graphic Design Association 1983 ins Leben gerufenen „Hiroshima Appeals“, eine Reihe von Plakaten, die jedes Jahr jeweils von einem anderen Designer gestaltet die Erinnerung an die Bombe wachhalten.

Grundsätzlich, so der Autor, käme es heute darauf an, die soziale Kraft der Medien anzuerkennen und für das „gemeinsame Gute“ zu nutzen. Angesicht der gegenwärtigen Kriege weltweit und der Art und Weise, wie das Reden über Krieg und Frieden in unseren Gesellschaften durch Interessen verstellt, Ideologien vergiftet und durch Emotionen vernebelt ist, könnte eine Übersetzung dieses Buches der Diskussion im deutschen Sprachraum vielleicht hilfreich sein. © Prospero Editore

Giuseppe Mazza: Campagne di Guerra. 150 anni di comunicazione, pubblicità, propaganda. Prospero Editore, Novate Milanese (2023). 532 pagine, 22 Euro

Giuseppe Mazza als Gastautor auf Cluverius siehe u.a. hier: „Un pezzo mancante“