100 Jahre nach der Geburt von Dario Fo und zehn Jahre nach seinem Tod feiert Italien einen „Giullare e Pittore“, einen „Gaukler und Maler“, wie es auf seinem Grabstein steht – aber es bleibt nicht viel mehr als Erinnerung

Der Anfang einer langen Karriere: Dario Fo auf der Bühne des Piccolo Teatro in der satirischen Revue „Il dito nell’orecchio“ (1953 zusammen mit Franco Parenti und Giustino Durano)
Mailand – So ein Datum konnte man einfach nicht übersehen: Am 24. März vor 100 Jahren kam Dario Fo auf die Welt. Der beliebte Schauspieler, volkstümliche Autor und gesellschaftlich engagierte Künstler war bis kurz vor seinem Tod im Oktober 2016 in der italienischen Öffentlichkeit präsent. So gab es jetzt für den Literaturnobelpreisträger von 1997 eine Reihe Veranstaltungen in Rom (Teatro Sistina), Mailand (Piccolo Teatro) oder an verschiedenen Orten mit Initiativen der Familienstiftung, der Fondazione Fo-Rame. Gefeiert wurde der kritische Geist, Querdenker und Theatermacher meist alleine, manchmal auch zusammen mit seiner Partnerin Franca Rame (1929 – 2013). Und was besonders im Ausland übersehen wird, erinnert wurde ebenso an den Autor von Dutzenden Lieder- und Songtexten (Musik oft von Fiorenzo Carpi). Die Stadt Mailand widmete Dario und Franca jetzt eine Gedenktafel an ihrer langjährigen Wohnstätte in der Via Porta Romana.
Über 70 Stücke, Szenenfolgen, Sketche hatte Dario Fo geschrieben, und die Lust zu fabulieren war ihm bis ins hohe Alter geblieben. Die Themen seiner Arbeiten reichten von den Häuserkämpfen bis zum Drogenmissbrauch, vom Terrorismus in Italien bis zum Widerstand in Palästina. Zum Ritual einer Dario-Fo-Aufführung gehörte, dass vor dem eigentlichen Stück der Autor auf die Bühne trat und eine oft kabarettistische, auf der Tagesaktualität fußende Einführung gab und den Theaterraum zur Piazza machte. Nicht nur politisch wurde er angefeindet. Pier Paolo Pasolini konnte ihn nicht ausstehen und nannte ihn „eine Pest des italienischen Theaters.“
Als Dario Fo gar mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, stand das kulturelle Establishment in ganz Europa Kopf. Der Nobelpreis für einen Gaukler und Politclown, dessen Stücke ideologisch gefärbt sind, die auf immer neuen Pointen aufbauen, eigentlich nie ganz fertig sind, was sollte daran Literatur sein? Auch seine späten Arbeiten, etwa die Erzählungen über Lucrezia Borgia (2014) oder den von den Nazis verfolgten Meisterboxer und Sinti Johann Trollmann (2016) wollten sich nicht mit dem messen, was man landläufig unter „Hochkultur“ versteht. Ebenso nicht seine Gemälde, Zeichnungen, Skizzen.
„Mistero Buffo“ als Symbolstück
Doch Dario Fo knüpfte an eine andere Kultur an, seine Vorbilder fand er bei den „Giullari“, den Gauklern, Spielmännern und Narren des späten Mittelalters, die von den Erniedrigten, Ausgebeuteten erzählten und sich über die Mächtigen lustig machten. In „Mistero Buffo“, einer Folge von Monologen zu historisch/theologischen Themen, gelang es ihm, die lautmalerische Sprache des Grammelots mit Klängen seiner lombardischen Heimat versetzt zu einer universellen Spielsprache zu entwickeln. Unverständlich und zugleich von allen zu verstehen machte sie „Mistero Buffo“, das nach einer ersten Inszenierung 1969 immer wieder bearbeitet und erweitert wurde, zu einer Art Symbolstück seiner kulturellen Recherchen neben den an Alltagsthemen orientierten Aufführungen seines politischen Volkstheaters.
Was ist davon heute zehn Jahre nach seinem Tod geblieben? Man muss es offen sagen: Nicht viel mehr als die Erinnerung. Und natürlich als das enorme Archivmaterial der Fondazione Fo-Rame, das in Verona sowie in Gubbio aufbewahrt wird, weil die Stadt Mailand, die als künstlerischer Mittelpunkt „seine“ Stadt gewesen war, es versäumt hatte, sich rechtzeitig darum zu bemühen. Darunter auch die unzähligen malerischen Arbeiten, denn zum kreativen Prozess von Dario Fo, der an der Mailänder Kunstakademie Brera studiert hatte, gehörte es, Themen, Ideen, ja sogar Dialoge bildnerisch festzuhalten. Wer jetzt etwa eine Ausstellung dieser Arbeiten sucht, wird nicht fündig. Und in der Jubiläumsspielzeit zum 100. Geburtstag stehen ganze zwei Titel auf den Spielplänen der italienischen Theater – dazu nur als Wiederaufnahmen vergangenen Inszenierungen. „Mistero Buffo“ hatte das Teatro Stabile Turin bereits Anfang März auf die Bühne gebracht. Und „Tutta casa, letto e chiesa“ – ein Monologstück in Zusammenarbeit mit Franca Rame aus dem Jahr 1977 und von ihr öfters vorgetragen – bringt das Mailänder Teatro Out Off Ende Mai mit Monica Bonomi wieder heraus.
Suche nach einer linken Heimat
Das Theater von Dario Fo vor allem der 1970er, 1980er und frühen 1990er-Jahre war eng mit der italienischen politischen Debatte auf der Suche nach einer „linken“ Heimat jenseits von KPI einerseits und Extremismus anderseits verbunden. Im Ausland (Europa, USA) waren Aufführungen seiner Stücke vor allem alternatives bürgerliches Theater. In Italien dagegen gehörten sie zu einer linken „volkstümlichen“ Bewegung unterer Schichten, aber auch des studentischen Milieus. Dario Fo und Franca Rame traten weniger auf den großen Bühnen des Landes auf (mit Ausnahme von „Mistero Buffo“), sondern mieteten sich jeweils Säle, um mit „ihrem“ Publikum in Kontakt zu kommen. Ein paar Jahre lang hatten Fo-Rame mit der Palazzina Liberty in Mailand sogar eine eigene Spielstätte.
Das ist alles Geschichte. Die Zeit ist nicht über seinen kritischen, auf Veränderung setzenden Ansatz hinweggegangen, aber über die Form der Vermittlung, die mit seiner Person und mit seinem Publikum verknüpft war. Es gibt heute nicht mehr die gesellschaftlichen Schichten, in denen er sich bewegt hatte. Die Theatergeschichte von Dario Fo ist eng mit der Nachkriegszeit Italiens verbunden und endete mit den politischen Veränderungen, die durch die Parteienkrise (Tangentopoli) und das Aufkommen Berlusconis markiert wurden.
Kurz: Fo ist heute ein historisches Phänomen. Bereits in den letzten Lebensjahre überlagerten Malerei und Schreiben oder gelegentliche Regiearbeiten die Auftritte auf der Bühne mit eigenen Stücken. Politisch suchte er neue Schichten zu erreichen, indem er den Kabarettisten Beppe Grillo, dessen Vordenker Gianroberto Casaleggio und die Fünfsterne-Bewegung unterstützte. Nachdem ihm die Zeitschrift L’Espresso deshalb eine vereinfachte Weltsicht und Populismus vorgeworfen hatte, antwortete Dario Fo stolz in einem Artikel: Natürlich sei er ein Populist, im positiven Sinne ein Mann des Volkes. Er wollte sein Leben nichts anderes tun, als dem Volk eine Stimme zu geben. Dafür sei er ausgelacht, angegriffen, verfolgt worden.
Siehe auf Cluverius ein Besuch bei Dario Fo zu seinem 90. Geburtstag: „Wir waren nicht allein“
Siehe auch Henning Klüver, Dario Fo Biographie (Rotbuch Verlag 1998)



