DIE BALLADE VON DEN LEHMAN BROTHERS


Luca Ronconi inszeniert am Mailänder Piccolo Teatro Genesis und  Götterdämmerung der modernen Finanzwelt

© Attilio Marasco / Piccolo Teatro

Langer Beifall: Uraufführung von Messinesi „Lehman Triology“ am Piccolo 2015

(Mailand – 2015) – Sie hießen Hayum, Mendel und Maier. Drei Söhne des Viehhändlers Löw Lehman aus Rimpar bei Würzburg. Als Hayum 1844 als erster in die Vereinigten Staaten emigrierte und die Brüder bald folgten, wurden aus ihnen Henry, Emanuel und Mayer. Sie gründeten in Montgomery (Alabama) einen Gemischtwarenhandel. „Lehman Brothers“ stand groß an der Ladenfront, ihre wichtigsten Kunden waren Baumwollfarmer.  In den 1850er-Jahren gehörte der Baumwollhandel zu den ertragreichsten Wirtschaftszweigen der USA. Die Brüder begannen, Rohwolle als Zahlungsmittel für ihre Waren zu akzeptieren und mit Baumwolle zu handeln. Sie eröffneten ein Büro in New York und Lehman Brothers wurde bald zu einem der wichtigsten Broker-Unternehmen an der New Yorker Baumwollbörse. 

Daraus entwickelte sich ein Bankgeschäft, das die folgenden Generationen der Familie erfolgreich ausbauten. Die Welt der Waren löst sich in der Scheinwelt der Finanzen auf. Wie Philip, der Sohn von Emanuel sagt: „Wir benutzen Geld, um Geld zu kaufen, um Geld zu verkaufen, um Geld zu verleihen, um Geld zu wechseln.“

Lehman-Crash und globale Finanzkrise

Nach dem Tod 1969 von Robert („Bobbie“), dem letzten männlichen Spross der Lehman-Familie, kam die viertgrößte Investmentbank Amerikas mit weltweit rund 30.000 Angestellten über verschiedene Eigentümer schließlich in einen Schlingerkurs, der 2008 zur Insolvenz und zur Zerschlagung des Unternehmens führte.  Der Lehman-Crash gehörte zu den Auslösern einer globalen Finanzkrise, deren Folgen bis heute spürbar sind.

Aus dem Stoff hat Stefano Massini das Bühnenwerk „Lehman Trilogy“ gewonnen. Der 39jährige Florentiner gilt als einer wichtigen Autoren des italienischen Gegenwartstheater. Arbeiten etwa über die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja waren international erfolgreich und wurden mit bedeutenden Preisen (unter anderem mit dem „Premio Ubu“) ausgezeichnet. Massini fand vor Jahren als Regieassistent von Luca Ronconi den Weg zum Theater. Der 81jährige Ronconi, Doyen der italienischen Regisseure und künstlerische Leiter des Mailänder Piccolo Teatro, hat das Stück über die Brüder Lehman und die Geschichte der Bank jetzt an seiner Hausbühne inszeniert.

Zwischen Roman, Dokument, Traum

Aber was heißt schon „Stück“? Der Text „Lehman Trilogy“, den der Einaudi Verlag im vergangenen Jahr als 300 Seiten dickes Buch veröffentlicht hat, ist eine hybride Erzählung, eine Art Ballade, die Dramaturgisches mit Romanhaftem, Dokumentarisches mit Traumbildern verbindet. In dem stark rhythmisierten Text erzählen die Personen meist in dritter Person von sich und lassen 160 Jahre Geschichte des amerikanischen Kapitalismus Revue passieren. Nur hier und da bilden sich  gleichsam Inseln mit „realistischen“ Dialogen und Episoden. In einer Art dramaturgischen Lesung ist der Text bislang nur einmal im Jahr 2013 in Paris aufgeführt worden.

Ronconis Mailänder Inszenierung am Piccolo entwickelt aus der Vorlage eine Vielzahl von Handlungsströmen und Situationen, die sie nicht ohne Sinn für Komik meisterhaft zu einem Ganzen formt. Auf der minimalistischen Bühne – ein leerer weißer Raum mit wenigen Stühlen und gelegentlichen Schrifttafeln wie das Ladenschild der Lehman-Brothers – zählt allein das Wort. Das aber kommt kraftvoll durch einige der besten Schauspieler Italiens (unter anderem Massimo De Francovich, Fabrizio Gifuni, Massimo Popolizio und Paolo Pierobon) zum Leben. 

Fast wagnerisch

In Zusammenarbeit mit dem Autor hat der Regisseur aus den in drei Abschnitten und in viele Unterkapitel strukturierten Text einen Zweiteiler gemacht, der entweder in einem Durchgang (5 Stunden mit kurzer Pause) oder an zwei Abenden gespielt wird. Am überzeugendsten gelingt es Luca Ronconi im ersten Teil aus der Familiensaga von drei Brüdern, die mit nichts als einer stark ausgeprägten jüdisch-orthodoxen Identität nach Amerika kommen, eine Genesis des Finanzkapitalismus zu entwickeln. Ronconi nennt die Text-Vorlage „fast wagnerisch“, wenn sich aus dem „Rheingold eines negriden Alabama“ unausweichlich die „Götterdämmerung der Indices von Wall Street“ entwickele. Regisseur und Autor enthalten sich dabei jeder Botschaft. Der Kapitalismus ist weder gut noch böse –  er ist.

So erfolgreich wie „Lehman Trilogy“ in Mailand läuft – bis Mitte März sind bereits fast alle Vorstellungen ausverkauft – wird das Stück über Henry, Emanuel und Mayer nicht nur in Italien Karriere machen. In Deutschland will Stefan Bachmann es im Juni als Koproduktion mit dem Schauspiel Köln am Schauspielhaus Dresden auf die Bühne bringen.                                                                                                                                                

Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 4.2.2015