ELEGANTES, LOCKERES HANDWERK


Auf der Bühne: Die erfolgreiche Weltpremiere der Oper „Il Nome della Rosa“ mit der Musik von Francesco Filidei unter der Leitung von Ingo Metzmacher und der Regie von Damiano Michieletto in Mailand

Foto: Brescia/Amisano © Teatro alla Scala

Die Vision von Adso – Kate Lindsay in der Rolle des Adlatus von Guglielmo da Baskerville – einer der emotionalen Höhepunkte der Oper

Mailand – Als das Teatro alla Scala die neue Oper „Il Nome della Rosa“ von Francesco Filidei mit nur vier Wiederaufnahmen nach der Weltpremiere am 27. April programmierte, geschah das vielleicht in einer Art Zurückhaltung. Immerhin birgt die absolute Neuheit einer Oper zeitgenössischer Musik für ein der Tradition verpflichtetes Haus wie die Scala ein gewisses Risiko. Doch die Vorsicht war unbegründet: Bereits im Vorfeld waren alle fünf Aufführungen der Auftragsarbeit der Scala und der Opéra national de Paris ausverkauft. Die Premiere wurde ein Erfolg beim Publikum wie bei der Kritik. Und lang anhaltender Beifall beschloss die Inszenierungen unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher und der Regie von Damiano Michieletto auch an den folgenden Abenden. Das ist auf der einen Seite sicher dem Libretto und der gelungene Übertragung eines so vielschichtigen Stoffs wie des berühmten Romans von Umberto Eco zu verdanken.

Francesco Filidei und Stefano Busellato haben in Zusammenarbeit u. a. mit Hannah Dübgen eine Erzählstruktur gefunden, die verschiedene Facetten der Vorlage aufgreift. Analog zum Roman spielt sich die Handlung an sieben Tagen ab (wie die sieben Posaunen der Apokalypse). In einem mittelalterlichen Kloster kommt es zu rätselhaften Todesfällen, die der Franziskaner Guglielmo da Baskerville zusammen mit seinem Adlatus Adso im Auftrag des Abts aufklären soll. Die Spur führt in die vom blinden Mönch Jorge beherrschte labyrinthischen Bibliothek und zum angeblichen zweiten Buch der Poetik von Aristoteles, das – nach Jorge auf ketzerische Weise – das Lachen und die Komödie behandeln soll.

Foto: Brescia/Amisiano © Teatro all Scala

Der Untergang des Klosters und seiner Bibliothek – oben der Chor als Erzähler

Die Wahl einer Dramaturgie, die sich über diese reine Kriminalgeschichte hinaus entwickelt, führt zu einer starken Betonung des Textes. Der greift viele Anspielungen zur Philosophie, Theologie, Geschichte und Literatur der Vorlage Ecos zumindest teilweise auf und zitiert reichlich lateinische Passagen. Er integriert die Liebesgeschichte von Adso ebenso wie einen Streit zwischen Franziskanern und Dominikanern über die Bedeutung der Armut in der Kirche (und thematisiert damit eine Auseinandersetzung zwischen Papsttum und Kaisertum).

Frische, kultivierte Musik

Die herausragende Rolle des Textes (ver)führt aber nicht zu einer musikalischen Struktur, die die Erzählung nur unterstreicht. Der Erfolg der Oper liegt gerade darin, dass es Francesco Filidei gelingt, die Vielfalt der narrativen Themen in musikalische Motive umzusetzen. Er bedient sich kreativ der Musikgeschichte von der gregorianischen Gesängen bis heute, was zugleich nicht aufdringlich wirkt. Entsprechend begeistert reagierte die italienische Kritik. „Die Werkzeuge der kompositorischen Werkstatt bilden ein wahres Arsenal“, so der Corriere della Sera. Und der Sole 24 ore lobte: „Die Partitur strotzt vor frischer, kultivierter Musik und zeigt elegantes, lockeres Handwerk und unglaubliche Leichtigkeit. Sie spielt gekonnt mit den Kompositionstechniken der Vergangenheit und klingt eher nach Frescobaldi und Bach als nach den Verpflichtungen des historischen 20. Jahrhunderts.“ Eine zentrale Rolle spielte dabei Ingo Metzmacher, der bei der Aufführung die vielschichtige Partitur mit souveräner Klarheit und Kontrolle beherrschte und Musikern, Chor und Ensemble vermitteln konnte.

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Langer Beifall am Ende

Das Sängerensemble überzeugte mit vokaler Stärke und schauspielerischen Auftritt. Die US-Amerikanerin Kate Lindsey in der Hosenrolle des Adso da Melk (Mezzosopran), der US-Amerikaner Lucas Meachem als Guglielmo da Baskerville (Bariton) oder die Italienerin Daniela Barcellona in einer weiteren Hosenrolle als Bernardo Gui (Contralto). Viel Beifall erhielt auch der Italiener Gianluca Buratto als Jorge da Burgos (Bass). Regisseur Damiano Michieletto gelang es etwa in der Szene einer Vision des Adso emotional zu fesseln. Er führte dabei das Ensemble mit sicherer Hand durch die Widerhaken der Geschichte, indem er einzelnen Tage voneinander absetzte und so den Ablauf im Zusammenspiel mit der Musik verständlich strukturierte.

Ein dunkles anatomisches Theater

Die Bühne präsentierte sich als eine Art dunkles anatomischen Theater mit einer doppelten Reihe von Mönchen im oberen Rang – der Chor, der das Spiel entweder kommentierte oder die Erzählung vorantrieb. Ein monumentales Neonkreuz schwebte über den Szenen, die je nach Handlungsverlauf von verschiedenen Elementen – ein Marmorfries oder ein riesiges stilisiertes Initial wie aus einem mittelalterlichen Kodex, das mit dem Buchstaben „E“ auf Eco verweist – den Bühnenraum prägen. Der wurde sonst von einem mal schwebenden, mal herabgesunkenen Labyrinth aus Gazetüchern strukturiert, der sowohl die Räume des Klosters als auch die der Bibliothek symbolisierte, was vielleicht nicht immer überzeugte.

Am Ende aber bleibt der Eindruck eines Erfolgs rundum für alle Beteiligen und für das Theater selbst, wie auch der Corriere della Sera urteilte: „La Scala kehrt nach langer Zeit als das Flaggschiff der italienischen Opernhäuser zurück.“ (gesehen am 30. April)

Il Nome della Rosa. Oper in zwei Akten, Libretto von Francesco Filidei und Stefano Busellato frei nach dem gleichnamigen Roman von Umberto Eco. Musik: Francesco Filidei (Edition Casa Ricordi, Mailand). Mit u.a. Kate Lindsey, Lucas Meachem, Katrina Galka, Gianluca Buratto, Daniela Barcellona. Orchester und Chor des Teatro alla Scala und Kinderchor der Accademia Teatro alla Scala. Dirigent: Ingo Metzmacher. Regie: Damiano Michieletto. Bühne: Paolo Fantin. Kostüme: Carla Tetti. Licht: Fabio Barettin. Dramaturgie: Mattia Palma. Choreographie: Erika Rombaldoni. Weltpremiere Mailand 2025. Eine Auftragsarbeit des Teatro alla Scala und der Opéra national de Paris in Koproduktion mit dem Teatro Carlo Fenice Genua. Info hier

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