IM ZEICHEN DER FRAUEN


Die Welturaufführung der Oper „Anna A.“ von Silvia Colasanti über Verfolgung, Verlust, Zensur im Leben der russischen Lyrikerin Anna Achmatova in der Mailänder Scala. Sprechtheater, musikalische Charakterisierung, Gesang und Video finden in der Regie von Giulia Giammona zu einer vielschichtigen Erzählform zusammen

© Teatro alla Scala / Foto Brescia e Amisano

Erinnerungsarbeit: Verschiedene Alterstufen der Anna Achmatova in unterschiedlichen Räumen und im Video

Mailand (Teatro alla Scala) – Im Mittelpunkt der Oper Anna A. mit der Musik von Silvia Colasanti steht das Leben der Lyrikerin Anna Achmatova (1889 – 1966), die als bedeutendste Dichterin russischer Sprache im 20. Jahrhundert gilt. Die Oper, die jetzt an der Mailänder Scala ihre Welturaufführung erlebt hat, rückt flashartig Schicksalsschläge und dramatische Ereignisse ihres Lebens ins Licht. Die Inszenierung steht im Zusammenhang mit dem Jugendprogramm der Scala. Bei einigen Rollen kamen Solistinnen und Solisten der Musikakademie der Mailänder Oper zum Einsatz. Die Accademia Teatro alla Scala stellt auch das Orchester (Leitung durch die Deutsch-Russin Anna Skryleva) und den angegliederten Jugendchor, was zugleich den hohen künstlerischen Rang dieser in Italien einmaligen Institution unterstreicht.

Es mag an diesem jugendliche Etikett liegen, dass die Inszenierung, die zudem nur im Nebenprogramm und nicht im offiziellen Opernspielplan der Saison 24/25 aufgeführt wird, in den Medien nicht die Aufmerksamkeit erzielen konnte, die sie verdient gehabt hätte. Das gilt besonders für die Komponistin Silvia Colasanti. Die 50-jährige Römerin zählt immerhin zu den meistgespielten Frauen der gegenwärtigen italienischen Kompositionsszene. Und es ist – kaum zu glauben – das erste Mal in der fast 250-jährigen Geschichte der Scala, dass die Mailänder Oper eine Frau mit einer Komposition beauftragt hat. Colasanti gelingt es in diesem als Singspiel angelegten Werk, Rezitation, sprechgesangliche Passagen und vollen Gesang miteinander in Beziehung zu setzen. Die Musik wirkt zugänglich, tonal – aber trotzdem zeitgenössisch – und emotional wirkungsvoll.

Anna Achmatova (1889-1966) im Porträt von Kusma Petrow-Wodkin 1922 (Ausschnitt)

Im Untertitel als „Opera in frammenti“ bezeichnet, bringt das Werk in nur 80 Minuten Spieldauer tatsächlich stattgefundene Ereignisse auf die Bühne. Ihre Darstellung in Form von nicht chronologisch geordneten Rückblenden erzeugt eine fragmentarische und diachronische Handlung, die an die Versnovelle „Poem ohne Held“ (1963) erinnert, das als Meisterwerk von Anna Achmatova gilt. Themen der Oper sind vor allem der Konflikt zwischen Kunst und Macht, die Unterdrückung durch totalitäre Systeme, aber auch Solidarität und die Bedeutung der Poesie als Akt des Widerstands. Kein vergleichbares Stück auf dem Spielplan italienischer Opernhäuser setzt sich angesichts des Ukrainekriegs und anderer weltweiter Konflikte so mit Gegenwartsthemen auseinander wie Anna A. Ebenso hier hätte man sich mehr – auch internationale – mediale Aufmerksamkeit erwartet.

Die Rolle der Videoprojektionen

Diese Dimension zwischen politisch und privat, historisch und aktuell arbeitet die deutsch-italienische Regisseurin Giulia Giammona geschickt heraus, indem sie die Bühne in verschiedene Räume teilt. In Anna A. fügt sie Sprechtheater, musikalische Charakterisierung, Gesang und Video zu einer vielschichtigen Erzählform zusammen. Wobei der Einsatz der Video-Projektionen dort überzeugt, wo die historische Ebene dokumentarisch unterstützt wird. Fragwürdig bleibt er, wenn die Bühnenhandlung durch weitere Schauspielszenen gleichsam gedoppelt wird. Doch überwiegt der Eindruck einer gelungenen Inszenierung, in der Realität, Erinnerung und Poesie ineinander übergehen und Achmatovas äußere Biografie mit ihrer inneren Welt musikalisch verwoben wird.

Anna A. Opera in frammenti. Libretto: Paolo Nori (Mitarbeit Fabrizio Sinisi). Musik: Silvia Colasanti.  Mit (u.a.): Elena Ghiaurov, Carlotta Viscovo, Laura Peresivana, Haiyang Guo, Geunhwa Lee, Damiano Salerno. Orchester und Jugendchor der Accademia Teatro alla Scala unter der Leitung von Anna Skryleva. Regie: Giulia Giammona. Bühne: Lisa Behensky. Licht: Andrea Giretti. Video: Martin Mallon. Länge: 80 Minuten. Neue Produktion Teatro alla Scala (gesehen am 28.9.25), im Programm bis 2.12.

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