Gestern in der Oper: Mit der Carmen von Georges Bizet unter dem Dirigenten Myung-whun Chung und in der Regie von Damiano Michieletto stimmte sich die Mailänder Scala auf den Sommer ein – und auf den Wechsel in der musikalischen Leitung
Mailand – Es war eine Art Übergabe gleichsam bei laufenden Motoren auf der Bühne des Teatro alla Scala: Anfang Juni hatte noch Riccardo Chailly (73), der scheidende musikalische Leiter der Mailänder Oper, Verdis Nabucodonosor dirigiert. Mitte des Monats griff sein Nachfolger (ab Spielzeit 26/27) Myung-whu Chung (73) zum Taktstock und stand für Bizets Carmen am Pult. Kontrolliert und analytisch der eine, emotional und spontan im Umgang mit Tempo und Phrasierung der andere. „Mit Chung – hurra! – ist die Freude am Abenteuer des Zuhörens ins Theater zurückgekehrt“, jubilierte die Kritikerin der Tageszeitung Il Sole 24 Ore. Doch sollte man die beiden herausragenden Dirigenten nicht gegeneinander ausspielen, dafür waren auch die Vorlagen (Verdi, Bizet) viel zu verschieden. Riccardo Chailly wird als einer der bedeutenden musikalischen Leiter der Scala in Erinnerung bleiben (und weiterhin an der Mailänder Oper auftreten).
Myung-whu Chung ist auf der anderen Seite ein alter Freund des Hauses (und des Orchesters). Seine Carmen – eine Coproduktion der Scala mit der Londoner Royal Opera (2024) und dem Madrider Teatro Real – ist bereits seine zehnte Operninszenierung in Mailand, von den vielen Auftritten mit den Symphonikern der Scala ganz zu schweigen. So wurde er mit der Carmen vom Publikum wie von der Kritik wie ein Heimkehrer begeistert begrüßt. Wobei seine Aufführung – schrieb der Corriere della Sera – „zwar alles andere als präzise ist und in der Tempowahl nicht immer nachvollziehbar, aber voller Leben, Schwung und Spannung“. Sie gebe – hieß es in Il Manifesto – „der Partitur Leichtigkeit und Ironie zurück.“ Carmen eben.
Zwischen Freiheit und heimischen Herd
Mit Ironie zeichnet auch der Regisseur Damiano Michieletto (50) die Rolle der Carmen aus. Im Verhältnis zu Don José bleibt sie die Überlegende, die ihre Freiheit verteidigt. Und, so die Lesart des Regisseurs, ist es nicht die Eifersucht auf Nebenbuhler, die ihn zur tragischen Geste treibt, sondern die Unfähigkeit, ihre Freiheit zu ertragen und sich von traditionellen Beziehungsmodellen zu lösen. Am Ende also steht ein Femizid. Don José ist gefangen im Widerspruch von Verlangen und Pflicht, von Carmens Freiheitsversprechen und den Forderungen der Mutter, nach Hause gleichsam an den Herd zurückzukehren. Und so tritt Micaëla in einem klösterlichen Kostüm nicht als seine Verlobte, sondern als Botschafterin der Mutter und Vertreterin der „heilen“ Welt auf.
Auch der Venezianer Damiano Michieletto ist ein guter Bekannter in Mailand – nicht nur an der Scala, wo er nach mehreren Arbeiten zu Rossini, Verdi und Strauss zuletzt im April 2025 die Welturaufführung von Francesco Filideis „Il Nome della Rosa“ (Dirigent Ingo Metzmacher) in Szene gesetzt hatte. Sondern auch am Piccolo Teatro u. a. 2016 mit einer Dreigroschenoper. In seiner Inszenierung der Carmen befreite er jetzt Bizet von jeder Folklore. Sicher prägten spanische Anmutungen – etwa in den brillant inszenierten Massenszenen mit Chor und Kinderchor – die Szenerie. Doch die war in einem unbestimmten latinisierten „Far West“ der 1970er-Jahre angesiedelt.
Dabei ging es weniger um eine Modernisierung als eine Lösung von räumlicher und zeitlicher Bindung. Damiano Michieletto und sein Bühnenbildner Paolo Fantin machten diese Carmen zu einem aktuellen Stück, ohne ihm seine historischen Wurzeln zu nehmen. Die Bühne war in jedem Akt ganz auf einen Raum konzentriert (Polizeistation, Nachtklub, Baracke der Schmuggler, Garderobe der Stierkämpfer) und von einer leeren Piazza umgeben. Großartig der Einfall, eine Art Lichtgitter mit an die hundert Leuchten durchgehend über der Szenerie schweben zu lassen, um mit unterschiedlichen Farben die jeweilige emotionale Grundstimmung zu untermalen. Bei der Premiere wurde das Regieteam mit einem Mix von Beifall und lautem Widerspruch bedacht. Letzterer Ausdruck einer weiterhin mehrheitlich konservativen Ausrichtung des Loggione, der zudem gegen Preiserhöhungen protestierte. Auch der zunehmende Anteil eines rein touristisch interessierten Publikums fördert nicht gerade zeitgenössische Regiearbeiten, ist aber gut für die Kasse.
Die gut aufgelegten (nicht überragenden) Stimmen folgten den Vorgaben von musikalischer Leitung und Regie. Allen voran der italienische Tenor Vittorio Grigolo, der als Don José fast zu sehr die Szene überlagerte und dadurch die Französin Clémentine Margaine (Mezzosopran) als Carmen etwas in den Hintergrund drängte, was andererseits ihrer Rolle als distanziert Herausfordernde unterstrich. Gefallen konnte auch Natalia Tanasii (Sopran) aus Moldawien in der Rolle der Micaëla.
Man darf auf den Start in die neue Spielzeit der Scala am 7. Dezember gespannt sein. Hier arbeiten der koreanische Dirigent und der venezianische Regisseur erneut in Mailand zusammen – und setzen sich dann mit Verdis Otello auseinander.
Carmen. Libretto Henri Meilhac und Ludovico Halévy. Musik von Georges Bizet. Mit Clémentine Margaine (Carmen), Vittorio Grigolo (Don José), Giorgio Manoshvili (Escamillo), Natalia Tanasii (Micaëla) u. a. . Orchester und Chor des Teatro alla Scala (mit dem Kinderchor der Accademia Teatro alla Scala), Dirigent: Myung-whun Chung, Regie: Damiano Michieletto, Bühnenbild: Paolo Fantin, Kostüme: Carla Teti, Licht: Alessandro Carletti, Dramaturgie: Elisa Zaninotto. Bis 27. Juni, gesehen am 16. Juni
Zu Damiano Michieletto siehe auf Cluverius „Elegantes, lockeres Handwerk“ zur Inszenierung der Welturaufführung von „Il Nome della Rosa“


