DER VERSTOHLENE BLICK


Die Welt des Balletts in der kleinen aber feinen Ausstellung „Lo sguardo nascosto“ im Theatermuseum der Scala und das gleichnamige Buch des Bühnenfotografen Gérard Uféras

© Teatro alla Scala /Foto Vito Lorusso
Die Welt hinter dem Vorhang – Zugang zum Scalamuseum mit dem Hinweis auf die Ausstellung

Mailand – Wer in diesem Sommer die lombardische Metropole besucht, kann noch bis Mitte September in dem Museum der Scala eine Entdeckung machen: Die kleine Ausstellung „Lo sguardo nascosto“ (Der verstohlene Blick) über die Welt des Balletts am Teatro alla Scala. Sie basiert auf Fotografien eines soeben erschienen gleichnamigen Buchs mit Arbeiten des französischen Bühnenfotografen Gérard Uféras. Der Wert der in diesem Band versammelten Bilder liegt vor allem in den Umständen ihrer Entstehung: Es handelt sich nicht um eine Fotoserie über das Ballettensemble der Mailänder Scala heute, sondern, wie Paolo Besana in einem Textbeitrag dazu schreibt, „um die Dokumentation eines Prozesses: Die ersten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2017. Im Laufe der Jahre kehrte Uféras regelmäßig zurück, fand Orte und Menschen wieder, schloss Freundschaften und näherte sich immer mehr den Geheimnissen der Ballettkompagnie vor allem hinter der Bühne.“ Neben einer Fotoauswahl zeigt die Ausstellung Kostüme historischer Aufführungen sowie Installationen der Papierkünstlerin Caterina Crepax.

Gérard Uféras wurde 1954 in Paris geboren und begann 1984 als Fotojournalist für die Tageszeitung Libération zu arbeiten. Im Laufe der Jahre konnte er sich immer mehr seiner Leidenschaft für Theater, Oper und Ballett widmen. Nach einer langen fotografischen Dokumentation über die Ballettensembles der Opéra de Paris und anschließend des Bolschoi-Theaters in Moskau kam er 2017 an die Mailänder Scala und war fast sechs Jahre lang Zeuge des Alltagslebens der Tänzerinnen und Tänzer ( – siehe auch ein Porträt über ihn in der Theaterzeitschrift der Scala 03/25).

© Cluverius
Vielfältige Eindrücke aus jahrelanger Beobachtung

„Mit Uféras verlässt der Tanz das Exil der Berichterstattung in den Medien und nimmt seinen rechtmäßigen Platz in der menschlichen Komödie ein“, schreibt die Kuratorin der Ausstellung und Herausgeberin des Fotobandes Paola Calvetti. Foto für Foto gleitet Uféras in die Welt des Theaters, verbindet den öffentlichen und den intimen Blick, die große Handlung und den privaten Moment. Und während die Tänzer für das Publikum auf den Rängen und im Parkett „unerreichbare Protagonisten eines kodifizierten Rituals“ bleiben, porträtiert der Fotograf sie aus einer neuen Perspektive: im Proberaum, bei der täglichen Arbeit. Er dokumentiert, ohne aufdringlich zu werden, das Leben vor der Aufführung und zeigt so Ausschnitte aus dem Alltag, „in denen sogar die übliche morgendliche Übung an der Stange, der Prolog zum Tag eines jeden Tänzers, Anlass zum Staunen bieten kann.“

© Cluverius
„Tutu Armonica“ – ein Ballettkostüm der Serie „Ballerine di carta“ – Installationen, die Caterina Crepax eigens für die Ausstellung geschaffen hat

Die Fotos zeigen zudem die enge Verbindung zwischen dem Ballettensemble und der Theaterakademie der Scala mit ihrer Ballettschule. Die Faszination dieser Welt, ihr träumerischer wie ihr zerbrechlicher Charakter unterstreichen auf der Ausstellung die wundervollen Installationen von Caterina Crepax,  „paper artist“ (geboren in Mailand 1964). Zum Beispiel das Tutu „Armonica“ mit Blättern (Kopien) historischer Partituren. Oder das Tutu „Piumetta“ mit einem Unterteil aus „Federn“ – Feder für Feder aus Papier geschnitten.

Lo sguardo noscosto. Museo Teatrale alla Scala, Mailand, bis 14.9.2025. Tgl. 9.30 – 17.30 Uhr. Eintritt: 12 Euro. Alle Infos hier

Lo sguardo nascosto. La danza dietro il sipario. Fotografie di Gérard Uféras. A cura di Paolo Calvetti.Edizione Teatro alla Scala | il Saggiatore, Milano 2025. pp. 248, 50 Euro

Zur Akademie der Scala und ihrer Ballettschule siehe auf Cluverius „Das ist ein tolles Gefühl“