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Büchertipps für Weihnachten und zum Jahreswechsel: Giosuè Calaciura, Elsa Morante und Dacia Maraini erzählen in aktuellen Übersetzungen ihrer Arbeiten von Verletzlichkeit, Widerstand und Identitätsbildung

© Cluverius
Dacia Maraini: „Der Krieg war zu Ende, aber niemand kam, um uns abzuholen. (…) Wir lebten in einem Zwischenzustand, waren Freie und doch Gefangene eines Ortes, eines Raumes, ohne zu wissen, was wir mit uns anfangen sollten.“

Mailand  – Ich, der Sohn von Giosuè Calaciura (Edition Converso), Cara Elsa. Briefe von und an Elsa Morante (Verlag Klaus Wagenbach) und Ein halber Löffel Reis. Kindheit in einem japanischen Internierungslager von Dacia Maraini (Folio Verlag) – diese drei Bücher kreisen auf jeweils eigene Weise um Fragen von Identität, Herkunft und Selbstbehauptung. In unterschiedlichen Formen – Roman, Briefsammlung und autobiografischer Erinnerung – zeigen sie, wie fragile, suchende Stimmen inmitten von Krieg, Verfolgung und ideologischer Enge dennoch Würde und inneren Widerstand bewahren. Literatur erscheint hier nicht nur als ästhetische Praxis, sondern als Akt des Zeugnisses, der Erinnerung und des Überlebens. Drei Bücher als Empfehlung für die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel zum Lesen und/oder zum Verschenken:

Giosuè Calaciura: Ich, der Sohn. Roman. Aus dem Italienischen von Judith Krieg. Edition Converso, Karlsruhe (2024).  304 Seiten, 24 Euro 

In diesem Roman erzählt der etwa dreißigjährige Jesus rückblickend von seinem Leben im römisch besetzten Palästina. Er ist aufgewachsen in einer Umgebung von Armut, Krieg und Verlassenheit, der Vater verschwindet früh, die Mutter schweigt über seine Herkunft. Der Ich-Erzähler begibt er sich auf die Suche nach seinem Vater und damit nach der Wahrheit über seine Identität. Gleichzeitig ringt er mit Glauben, Zweifel und Sehnsucht und durchlebt eine existenzielle Wanderschaft, an deren Ende die Frage steht, ob und wie der Mensch inmitten von Gewalt, Verrat und Ungerechtigkeit Mensch bleiben kann. Ein Buch, in dem sich im Kopf des Lesers die Weihnachtsgeschichte mit der Geschichte Gazas kreuzt.

In einem Interview für die deutsche Übersetzung seines bei Sellerio erschienenen Romans sagt der 1960 in Palermo geborene Autor Giosuè Calaciura: „ Ich baue darauf, dass die Lesenden in meinem Jesus die Zweifel, die Wankelmütigkeit, die Hoffnungen, die Illusionen und Enttäuschungen wiedererkennen, wie sie uns allen gemein sind. Außerdem ist Jesus eine Figur, die aufgrund ihrer revolutionären Botschaft – den Letzten eine Stimme zu geben – aus meiner Sicht heute mehr denn je zu uns spricht, und das, politisch gesehen, auf unbequeme Weise. Ich glaube, dass wir eine solche Botschaft, auch abgesehen von ihren religiösen und rituellen Bedeutungsebenen, heute mehr brauchen denn je.“

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Cara Elsa. Briefe von und an Elsa Morante. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Cornelia Wild. Aus dem Italienischen von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin (2025). 176 Seiten, 23 Euro

Das von Cornelia Wild herausgegebene Korrespondenzbuch versammelt den Briefwechsel zwischen der Römerin Elsa Morante (1912-1985) und ihren engsten literarischen und künstlerischen Weggefährten wie etwa Natalia Ginzburg, Cesare Pavese, Italo Calvino, Alberto Moravia, Pier Paolo Pasolini oder Luchino Visconti. Die Briefe der Jahre 1938 bis 1985 gewähren einen intimen Einblick in Freundschaften, künstlerische Debatten, kreative Prozesse und die alltäglichen Sorgen hinter dem Schreiben — von Euphorie und Selbstzweifeln über Diskussionen zu Romanprojekten bis hin zu Fragen von Geld, Anerkennung und Verlagsrealitäten. Es entsteht ein lebendiges Bild der italienischen Nachkriegsliteratur und des persönlichen Netzwerks einer bedeutenden und bis heute bewunderten Schriftstellerin.

Aus dem Vorwort von Cornelia Wild: „Die Briefe von und an Elsa Morante eröffnen eine Poetik der Freundschaft oder genauer der Freundinnenschaft, die für das ganze Werk gilt. »Cara Elsa« – die Anrede ist immer zugleich die Antwort auf einen vorausgegangenen Brief von Elsa Morante: Jeder Brief erfordert die Hinwendung zur Autorin und Freundin: »mein lieber Freund Landolfi«, »o mein lieber Saba«, «Lieber Giacomino«, «geliebter Calvino«, o liebe Leonor«, «Liebe Freunde«.“

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Dacia Maraini: Ein halber Löffel Reis. Kindheit in einem japanischen Internierungslager. Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler. Folio Verlag, Wien/Bozen (2025). 239 Seiten, 25 Euro

In dieser autobiografischen Erzählung schildert Dacia Maraini ihre Kindheit als siebenjährige Tochter einer antifaschistisch eingestellten italienischen Familie, die 1943 bei einem Aufenthalt in Japan in einem Lager interniert wurde, weil sie sich geweigert hatte, dem faschistischen Regime Treue zu schwören. Die Eltern Fosco Maraini und seine Frau Topazia Alliata sind wie Dacia und ihre kleineren Schwestern Yuki und Toni systematischer Entrechtung, Kälte und Sadismus ausgesetzt. Der Hunger ist groß, die Kinder ernähren sich mit nur wenigen Reiskörnern oder essen aus Verzweiflung Ameisen. Hilfslieferungen werden von Wachen gestohlen, Krankheit, Entbehrung und Existenzangst prägen den Alltag. Trotz all dem erzählt Dacia Maraini – nüchtern wie poetisch und ohne Ressentiments – von Zusammenhalt, Widerstand und dem unerschütterlichen Willen zu überleben. Eine Erfahrung, die ihr ganzes Leben prägen sollte. Der heute 89-Jährigen ist ein bewegendes wie weises Buch gelungen.

Nach der Befreiung aus dem Lager blieb die Familie noch einige Monate in Japan, bis endlich ein Schiff bereitlag, das sie auf Kosten der Alliierten nach Europa bringen würde. Dacia erinnert sich: „Auf dem Schiff wurde jeden Tag für den Fall geprobt, dass man auf eine noch nicht explodierte Bombe stoßen oder es einen späten U-Boot-Angriff geben sollte. Ich erinnere mich noch an den köstlichen Geschmack der ice cream, des Vanilleeises, das die Kinder der ehemaligen Gefangenen nachmittags essen durften. Es schmeckte zum Niederknien gut nach Freiheit und Abenteuer. Wenn ich die Augen schließe, habe ich noch heute die Süße, die Milch und das Ei und die Vanille auf der Zunge. Ich drehte die Waffel zwischen den Fingern, um den Genuss so lange wie möglich auszukosten. Manchmal leckte ich nicht daran, sondern ließ das schmelzende Eis über meine Hände und mein Kleid laufen, eine Gewohnheit, die mir aus dem Lager geblieben war, um so lange wie möglich etwas von einem wertvollen Lebensmittel zu haben.“

Zur Autorin Dacia Maraini siehe auch auf Cluverius u.a. ein Gespräch mit ihr aus dem Jahr 2017 „Träume sind Zeichen, sie schlagen Alarm“