Ein Knäuel von Geschehnissen: Umberto Nobile, das Schiff „Krasin“, Antonio Gramsci und Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg. Ein Gastbeitrag von Peter Kammerer
Rom – In Zeiten allgemeiner Desorientierung, in denen gängige Narrative zu Sackgassen werden, aus denen herauszukommen verordnete Lesarten so wenig nützen wie das Pfeifen im Wald, wird Erzählen zur letzten Hilfe. Walter Benjamin, der in den 1930-er Jahren eine Krise des Erzählens diagnostizierte, liebte die Geschichten von Johann Peter Hebel. Eine beginnt mit dem programmatischen Satz: „Es ist nichts lehrreicher als die Aufmerksamkeit, wie in dem menschlichen Leben alles zusammenhängt, wenn man es zu entdecken vermag.“ In diesem Geist begann die Fotografin Ursula Schulz-Dornburg ihre Streifzüge durch die Geschichte der sich auflösenden Sowjetunion. Streifzüge, die zu einer Erzählung in neun kurzen Kapiteln (und ein Postskriptum) führen.
Eins
Während der unbekannte Kontinent Sowjetunion sich in einem späten Tauwetter öffnet, um dann in Stücke zu brechen, fotografiert Ursula Schulz Dornburg in den Museen im ehemaligen Leningrad und in Moskau Geschichte(n). Fast verwischte Spuren werden dort in der abgeschlossenen Kühle sichtbar. So entsteht ein „russischer Zyklus“, unvorhergesehen und das festhaltend, was man an der Geschichte nie sieht: die zahllosen Verzweigungen und Fäden, die jeden von uns mit ihr in einem Knäuel von Geschehnissen und Möglichkeiten verbinden.
Zwei
In den Schaukästen des Museums der Arktis und Antarktis, Sankt-Petersburg, ist zu sehen, wie der russische Eisbrecher Krasin, bis zum Zweiten Weltkrieg der stärkste Eisbrecher der Welt, Überlebende der Nordpolexpedition von Umberto Nobile rettet. Auf dem Packeis ein paar menschliche Figuren, die Trümmer des Flugzeugs von Einar Lundborg, der bei einem zweiten Versuch, die Verunglückten zu retten, sich mit seinem Flieger überschlagen hat. Und schließlich das „rote Zelt“, das dann den Titel für den sowjetisch-italienischen Film (1969 mit Peter Finch, Sean Connery. Claudia Cardinale, Hardy Krüger und Mario Adorf) abgeben wird.
Drei
Umberto Nobile (1885–1978), ein Pionier der Luftfahrt, bricht mit seinem über 100 Meter langen Luftschiff „Italia“ am 15. April 1928 mit 16 Mann Besatzung von Mailand aus auf, um den Nordpol zu erreichen. Am 23. Mai verlässt er Spitzbergen und ist einen Tag später am Pol. Bei stürmischem Wetter kann er nicht landen. Er wirft die mitgebrachte Trikolore und ein großes, von Papst Pius XI. gesegnetes Kreuz ab. Wenig später dann die Katastrophe: Zehn Männer der Besatzung, unter ihnen Nobile, werden mit der Gondel aufs Packeis geschleudert, während mit dem Rest des Luftschiffs die übrigen Teilnehmer der Expedition für immer verschwinden.
Vier
Zwei der Abgestürzten liegen mit gebrochenen Knochen auf dem Eis. Die kleine Gruppe verfügt über Vorräte und ein kleines Funkgerät. Ihre Hilferufe werden nicht gehört. Die Suche nach den Verschollenen wird aufgegeben. Die Gruppe trennt sich. Drei Männer versuchen, zu Fuß über das Eis das Festland zu erreichen. Nur zwei von ihnen werden später von der Krasin gerettet. Erst am 2. Juni, neun Tage nach dem Absturz, hört ein russischer Amateurfunker in Archangelsk das SOS. Nun starten mit Schlitten, Schiffen und Flugzeugen Rettungsaktionen aus Norwegen, Finnland, Schweden und Russland. Mehrere Helfer kommen dabei ums Leben, unter ihnen Roald Amundsen, der zusammen mit Nobile ein Jahr zuvor im Zeppelin „Norge“ erstmals den Pol erreicht und sich dann mit dem Italiener zerstritten hatte. Amundsen steigt am 18. Juni zu einem Rettungsflug auf, von dem er nicht zurückkehrt.
Fünf
Die ganze Welt verfolgt über das neue Medium Radio das Schicksal der Expedition. Dem seit November 1926 inhaftierten und im Juni 1928 zu einer langjährigen Haft verurteilten Antonio Gramsci schreibt seine Schwägerin Tatjana am 25. Juli 1928: „Hast Du gesehen, wie tüchtig die ‚Krasin‘ war? Das wird uns nützlich sein, erinnerst Du Dich?“ Der Nachsatz weist auf die Hoffnung hin, Gramsci könne durch einen Gefangenenaustausch zwischen der Sowjetunion und dem faschistischen Italien gerettet werden. Eine vatikanische Vermittlung war ergebnislos verlaufen, aber nun versucht Togliatti in Moskau die neue Situation zu nutzen. Am 12. Juli befreit die Krasin die letzten sieben Mitglieder der Expedition aus dem Packeis und einen Tag später schreibt Togliatti einen Brief an Bucharin, in dem er anregt, die Mannschaft der Krasin möge sich an Nobile wenden, ihn um die Freilassung Gramscis und um dessen Ausreise nach Russland bitten und diese Bitte mit dem Gesundheitszustand von Gramsci begründen, „der krank ist und vielleicht im Gefängnis sterben wird“. Diese Anregung bleibt folgenlos, denn Bucharin wird kurz darauf von Stalin aus seiner führenden Position entfernt.
Sechs
Auch wenn Nobile die Bitte erhalten hätte, hätte sie bei Mussolini wohl kaum Gehör gefunden. Zwar wird der Forscher bei seiner Rückkehr am 31. Juli in Rom von einer riesigen Menge gefeiert, doch führende Kreise in Armee und Regierung intrigieren gegen ihn, geben ihm die Schuld am Scheitern der Expedition und bezichtigen ihn der Feigheit, weil er im Flugzeug von Lundborg als erster die Unglücksstelle verlassen hat. Zeitweise geht Nobile in die Sowjetunion, lehrt in den USA und in Spanien. 1945 rehabilitiert, wird er im Juni 1946 als Unabhängiger auf der Liste der Italienischen Kommunistischen Partei in die verfassungsgebende Versammlung gewählt.
Sieben
Und Gramsci? Noch vor diesen Ereignissen schreibt er aus dem Gefängnis am 18. April 1927 an seine Frau Giulia in Moskau: „Erinnerst Du Dich an die Reise Nansens an den Nordpol? Und weißt Du noch, wie sie vonstatten ging? Da ich mir nicht sicher bin, will ich es Dir in Erinnerung rufen. Nansen, der die Meeres- und Luftströmungen der Arktischen Meere studiert und herausgefunden hatte, dass sich an den Ufern Grönlands Bäume und Geröll befanden, die asiatischen Ursprungs sein mussten, nahm an, dass er zum Pol oder wenigstens in seine Nähe gelangen könnte, wenn er sein Schiff von den Eisbergen transportieren ließe. So ließ er sich vom Eis einschließen und 3 1/2 Jahre lang bewegte sich sein Schiff nur dann, wenn sich das Eis ganz langsam weiterbewegte. Mein seelischer Zustand ist mit dem von Nansens Matrosen auf dieser phantastischen Reise vergleichbar, die mich stets durch ihr wahrhaft episches Konzept beeindruckt hat“.
Acht
In den Jahren 1893-1896 war es der „Fram“, dem vom Eis eingeschlossenen Schiff, nicht gelungen, so nahe an den Nordpol heran zu kommen, dass Nansen ihn erreichen konnte. Die Expedition gilt aber bis heute in der Geschichte der Forschungsreisen als eines der begeisterndsten Beispiele für wagemutige Klugheit. Gramsci, der im Gefängnis Eingeschlossene, erhält am 25. April 1937 formal seine Freiheit zurück, kann aber das Bett nicht mehr verlassen und stirbt zwei Tage später in der Klinik Quisisana in Rom.
Neun
Gruppenbild. Die Krasin liegt heute als Museumsschiff auf der Newa. Fotografien zeigen die Männer der ehemaligen Besatzung: hochqualifizierte Seeleute, Techniker, Taucher, Piloten, Wissenschaftler. Von der Mannschaft, die 1928 in der ganzen Welt geehrt wurde, hat keiner das Jahr 1938, das Ende der Stalinschen Säuberungen, erlebt.
PS
Liebe Ursula, Umberto Nobile hat bis zu seinem Tod 1978 in der Via Monte Zebio gewohnt, keine 1000 Meter von der Via Duilio entfernt, wo jetzt Deine Fotografie hängt. In der Wallfahrtskirche Divino Amore in der römischen Campagna zeigt ein Altarbild die wunderbare Rettung der Expedition durch die Madonna und die Kopfhörer des Funkers Biagi als Votivgabe. Gramscis Asche ruht auf dem Cimitero acattolico an der Cestiuspyramide.
Unter dem Titel „SOS aus der Arktis“ ist eine erweiterte Fassung des Textes erschienen in Le Monde diplomatique Dezember 2024
Hier zur Person von Peter Kammerer

