ANREGEND ABER UNFERTIG


Im Theater: Marco Paolini (und Matthew Lenton) setzen sich mit Charles Darwin, seinen Notizbücher und der Rolle von Wissenschaft heute auseinander.

© MasiarPasquali/Piccolo Teatro

Das Ei der Erkenntnis – Marco Paolini als Erzähler von „Darwin, Nevada“ im Piccolo Teatro Mailand

Mailand (Piccolo Teatro und Tournee) – „Darwin, Nevada“ ist der Titel einer neuen Bühnenarbeit von Marco Paolini, die Ende Januar im Piccolo Teatro Strehler uraufgeführt wurde. Paolini, geboren 1956 in Belluno (Venetien) hat in der Nachfolge von Dario Fos  „Mister Bufo“ Formen des narrativen Theaters weiterentwickelt. In sachlich gehaltenen Monologen, in denen er oft seinen heimischen Dialekt einsetzt, greift er gesellschaftliche Fragen, historische Chroniken wie zeitgeschichtliche Vorfällen auf. Nachdem er sich vor ein paar Jahren bereits mit einem Wissenschaftler wie Galileo Galilei auseinandergesetzt hatte, widmet er sich nun Charles Darwin und fragt nach der Rolle von Wissenschaft in der Gesellschaft. Diesmal geht er jedoch in Brechung seiner traditionellen Spielweise als Erzähler allein auf der Bühne eine Zusammenarbeit ein: Mit Matthew Lenton, Gründer des Theaters Vanishing Point (Glasgow), der im Gegensatz zu Paolini einer eher ästhetisch vermittelten Dramaturgie verpflichtet ist.

Das heißt, wir erleben einen theatralischen Zwitter: In den Auftritt des Erzählers Paolini werden Spielszenen in der Manier des realistischen Theaters eingepasst. Mehrere Erzählebenen überschneiden sich. Paolini stützt sich auf die Notizbücher von Darwin, die lange vor der Ausarbeitung seiner Evolutionstheorie größtenteils auf seiner fünfjährigen Schiffsreise rund um die Welt entstanden waren. Paolini zitiert diese Notizen des jungen Darwin, die sich an die wissenschaftliche Entwicklung herantasten, seine Zweifel zeigen und zudem die Argumente seiner Gegner thematisieren. Auf einer anderen Ebene greift Paolini den abenteuerlichen, aber ganz realen Verlust dieser Notizbücher auf, die im Jahr 2000 aus der Universitätsbibliothek Cambridge verschwanden und 21 Jahre später von einem Unbekannten zurückerstattet wurden, ohne dass der Tatverlauf oder der Hintergrund aufgeklärt werden konnte und der oder die Täter aus dem Dunkeln traten.

Zitate auf Postkarten

Hier nun setzt die traumhaft anmutende Spielhandlung ein, die sich in dem von den meisten Einwohnern verlassenen US-Wüstendort Darwin – dessen Name aber nicht auf den britischen Forscher zurückgeht – an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Nevada und Kalifornien entwickelt. Zwei junge Frauen, die auf der Rückfahrt von einem Musikfestival und einer Flutkatastrophe sind, verletzen bei einem Autounfall ohne ihre Schuld einen Südamerikaner tödlich. Der Mann, der in Besitz der Notizbücher Darwins ist, wollte nach einer langen Weltreise zurück zu seiner Verlobten nach Darwin, Nevada. Die, eine Biologin und Umweltaktivistin, ist in der Zeit seiner Abwesenheit eine Beziehung mit dem Sheriff des Ortes eingegangen. Der wiederum verhaftet die beiden jungen Frauen, will dann aber die Angelegenheit lieber vertuschen, weil er Angst hat, seine Geliebte zu verlieren. Derweil liest Paolini weitere Texte aus den Notizbüchern vor, denn der Südamerikaner hatte die Angewohnheit, Zitate von Darwin mit Postkarten von den verschiedenen Stationen seiner Weltreise an unseren Erzähler zu schicken.

© MasiarPasquali

Das Spiel im Spiel im Wüstenort Darwin (Clara Bortolotti, Stefano Moretti)

Wie stellt man Wissenschaft auf der Theaterbühne dar? In der Regel bietet sich die Form der Biografie an wie Brechts Galileo Galilei oder vor ein paar Jahren in Italien Massinis Sigmund Freud. Ein Gegenentwurf bildete die denkwürdige Aufführung des Piccolo von John Barrows „Infinities“ über logisch-mathematische Paradoxen, die im März 2002 in ehemaligen Werkstätten am Mailänder Stadtrand inszeniert wurde. Regisseur dieser außerordentlichen Arbeit war Luca Ronconi, unterstützt von seinem Assistenten Claudio Longhi. Longhi, inzwischen Leiter der Mailänder Bühne, hat nun die Zusammenarbeit von Paolini mit Lenton initiiert – wohl auch, um die etwas müde gewordene Dramaturgie des politisch-gesellschaftlichen Erzähltheaters aufzufrischen. Ausgehend von einer Bemerkung Italo Calvinos (in den „Amerikanischen Lektionen“): „Seitdem die Wissenschaft allgemeinen Erklärungen und Lösungen, die nicht sektoral und spezialisiert sind, misstraut, besteht die große Herausforderung für die Literatur darin, unterschiedliches Wissen und unterschiedliche Codes zu einer vielschichtigen, facettenreichen Vision der Welt zu verweben.“

Wissenschaft als Prozess menschlichen Zweifelns

Doch wirkt das Gewebe der Inszenierung von „Darwin, Nevada“ streckenweise konfus – ganz abgesehen von dem überzogenen, traumartigen Plot über das Schicksal des Diebes der Notizbücher Darwins und seine (teilweise in Venezianisch verfassten) Postkarten. Beeindruckend allerdings das realistische Bühnenbild, bei dem sich der Camper der jungen Frauen in die Wohnung der Verlobten des Südamerikaners mehrfach hin und her verwandelt.

Die Idee von Darwin nicht als fertigen Theoretiker, sondern gleichsam als Suchenden auszugehen, ist verlockend und ein guter Ansatz, Wissenschaft als Prozess menschlichen Zweifelns zu erzählen – gerade wenn man heute intensiv über künstliche Intelligenz diskutiert.  Doch wirken viele Zitate zusammenhangslos oder gehen unter. Auch Anspielungen an die Klimakrise werden nicht entwickelt. Paolinis (und Lentons) Arbeit macht einen unfertigen Eindruck, was vielleicht auch auf eine extrem kurze Probenzeit zurückzuführen ist. Es wäre interessant zu sehen, ob diese italienisch-britische Theaterzusammenarbeit sich als Work in Progress versteht, sich im Laufe der Aufführungen verändert und zu einem facettenreichen Ganzen findet.

Darwin, Nevada. Ein Projekt von Marco Paolini, Regie Matthew Lenton, nach einer Idee von Nils Eldredge, James Moore, Francesco Niccolini, Marco Paolini, Telmo Pievani, Michela Signori. Dramaturgie: Marco Paolini unter Mitarbeit von Francesco Niccolini, Telmo Pievani und Teresa Vila. Szene und Kostüme: Emma Baily. Licht: Kai Fischer. Sound design: Mark Melville. Mit Marco Paolini und Clara Bortolotti, Cecilia Fabris, Stefano Moretti, Stella Piccioni. Eine Coproduktion des Piccolo Teatro di Milano – Teatro d’Europa mit dem Teatro Stabile di Bolzano, Emilia Romagna Teatro ERT/Teatro Nazionale, Vanishing Point, Jolefilm und in Zusammenarbeit mit La Fabbrica del Mondo. Piccolo Teatro Strehler Milano 22. Januar 2025 bis 16. Februar, anschließend auf Tournee u.a. Trento (20.-23.2.), Bozen (27.2.-2.3), Bologna (11.-12.3.)

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