Peter Kammerer erinnert in einem Gastbeitrag an den Umweltaktivisten und Pazifisten Alexander Langer (1946-1995), an die Gründung der deutschen Grünen und an die Notwendigkeit, Feindbilder zu unterlaufen.
Mailand/Rom – Der Südtiroler Alexander Langer wurde 1946 in Sterzing als Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter geboren. Der Journalist, Politiker, Umweltaktivist und Mitbegründer der italienischen Grünen war ein Brückenbauer zwischen Kulturen und Sprachen. Im Gegensatz zur olympischen Anmaßung „citius, altius, fortius“ (schneller, höher, stärker) widmete er sich unter der Losung „lentius, profundius, suavius“ (langsamer, tiefer, sanfter) einem menschlichen und naturverbundenen Zusammenleben. Als Abgeordneter des EU-Parlaments setzte er sich besonders auf Reisen u.a. nach Israel, Russland, ex-Jugoslawien, Libyen, Ägypten, Zypern und Malta für den europäischen Friedensprozess ein. Er schied am 3. Juli 1995 in einem Olivenhain bei Florenz aus den Leben mit dem Wunsch „Macht weiter, was gut war.“ Peter Kammerer erinnert in seinem Gastbeitrag für Cluverius an den Freund und den Weggefährten.
Peter Kammerer: Der Geist von Alex
Es ist nicht leicht, über Alexander Langer zu schreiben, dreißig Jahre nach seinem Tod und fünfzehn Jahre nach der Veranstaltung in Amelia, die im Mai 2010 zu seinem Gedenken von der Stiftung, die seinen Namen trägt, organisiert wurde. Schon damals hieß es: „Mit Alex ging eine Epoche zu Ende.“ Sein Tod kurz vor dem Massaker von Srebrenica und bereits in dessen Schatten, bezeichnete eine Krise und dann das Ende einer Praxis, die hartnäckig den Frieden an die erste Stelle setzt. Man verteidigte ihn weiterhin, aber mit immer weniger Energie und Phantasie, um ihn voran zu treiben.
Die Zahl und die thematischen Farben der Initiativen, Vereinigungen, Kampagnen, Karawanen und Märsche für den Frieden, die von Alex hervorgerufen oder begleitet worden waren, ist beeindruckend. Die damals enge Verbindung von Frieden und Demokratie war gerade das Gegenteil der riesigen Aufrüstung, die sich heute als Verteidigung der Demokratie ausgibt. Dadurch erhält die Feststellung, der Tod von Alex bezeichne das Ende einer Epoche, eine weitere und sehr dramatische Bedeutung. Wir leben in einer Zeit, in der jemand wie er nicht nur auf anachronistische Weise tragisch wäre, sondern einfach unmöglich ist.
Zeiten, Orte, Sprachen
Alex wuchs an Orten und in einer Zeit auf, als die Entfernung von nur wenigen Kilometern eine Änderung des Blickwinkels bedeutete. Von Sterzing/Vitipeno aus betrachtet, war die Welt eine andere als die, die man in Bozen/Bolzano wahrnahm und vom Brenner aus gesehen war die Welt wieder eine ganz andere als die, die man von Florenz aus sah. Indem er sich ein Gespür für die besondere Qualität nicht uniformierter Zeiten und Orte zu eigen machte, wurde Alex zum Meister der Verschiebungen. Die Verschiebung von Horizonten setzt die Kunst des Unterscheidens voraus. So wurde die Losung: „Global denken, lokal handeln“ für Alex kein Slogan, auch nicht einfach ein Lebensgefühl, sondern das Leben selbst.
Alexander Langer bewegte sich leicht zwischen den Unterschieden. Er konnte die Dinge aus der Nähe sehen, ohne sich zu verirren. Angefangen bei der Sprache. In seiner vielleicht schönsten Schrift, Minima personalia, lesen wir: „Zu Hause sprechen wir in der (deutschen) Sprache statt im Tiroler Dialekt.“ Alex hatte also als Junge mit zwei deutschen Sprachen zu tun, der Hochsprache (in Südtirol eher selten) und dem Tiroler Dialekt. Die Hochsprache hat eine österreichische und eine deutsche Version (Alex tendiert zur deutschen), und die Dialekte unterscheiden sich von Tal zu Tal, von Dorf zu Dorf. Italienisch hingegen lernt Alex schon im Kindergarten. „Meine Eltern legen Wert darauf, dass ich es in der Schule gut lerne und hatten mich sogar in den italienischen Kindergarten geschickt.“ So wird auch das an Varianten nicht weniger reiche Italienisch seine Sprache.
Sich im offenen Meer der Sprachen zu bewegen, ist ein Abenteuer. Man kann unsicher werden und sich einigeln. Die Vertreter der Mehrheit der Südtiroler Bevölkerung haben darauf bestanden, die Sprachgruppen zu trennen (Deutsche, Italiener, Ladiner) um ihren Charakter und ihre Identität zu schützen. Andrerseits gab es nur wenig Italiener, die den anderen Sprachen neugierig begegneten. Denn die Italiener waren das Staatsvolk und fühlten sich als solches privilegiert. Jahrelang war Alex ein einsamer Pionier der Vielsprachigkeit. Seine Weigerung, sich auf eine der drei offiziellen Sprachgruppen festlegen zu lassen, hat er teuer bezahlt, als ihm im Mai 1995 das Recht abgesprochen wurde, sich für das Amt des Bürgermeisters von Bozen zu bewerben. Doch seine Weigerung steht in der besten Tradition der deutschen Kultur.
Ein Muster von Rissen
Schon als Junge hat Alex intuitiv etwas erfasst, was den meisten Hütern der deutschen Sprache kaum bewusst ist. Die große deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts kommt zu einem großen Teil aus der Peripherie und entstand in einem von verschiedenen Sprachen charakterisierten sozialen Kontext. Denken wir nur an Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Paul Celan, Joseph Roth und Elias Canetti. Auch an Günter Grass, Herta Müller und Peter Handke. Die deutsche Kultur erreicht ihren höchsten Ausdruck da, wo eine geglaubte Identität oder ein „nationaler“ Anspruch nicht kompakt auftreten. Hans Mayer erzählt das in seinem außerordentlichen Buch „Außenseiter“. Auch in Alex bilden die vielen kleinen Unterschiede ein Muster von Rissen, das ihn für sein ganzes Leben unvereinbar macht mit ethnischen, ideologischen und nationalen Blöcken und insbesondere mit Blöcken der Macht. Und selbst wenn diese als „Verteidiger“ auftreten, bleibt Alex misstrauisch und bereit zum „Verrat“. Diese Verweigerung der Blockbildung und die Hoffnung auf die Kraft durchlässiger Formen politischen Zusammenlebens, gehören heute zu seinem am schwierigsten zu verstehenden Erbe.
Alex hat keine Scheu, die eher negative Bilanz der nationalstaatlichen Einigung sowohl Deutschlands, als auch Italiens, anzuerkennen. Der nationalstaatliche Einigungsprozess hat in beiden Ländern “zwei Kulturnationen zu Staatsnationen“ reduziert. Eine durch Kultur und vor allem die Sprache geeinte Nation wurde Nation eines Einheitsstaates, der starke autoritäre Züge und imperialistische Bestrebungen aufwies und zu einem großen Teil für zwei Weltkriege verantwortlich wurde. Das gilt für Deutschland und zu einem geringeren Teil, „mangels Masse“ schreibt Alex, auch für Italien. Doch als 1989 einige deutsche Grünen den Slogan Nie wieder Deutschland verbreiteten, wurde Alex zornig. Er bekennt sich als „Kulturdeutscher“, der sich „das Erbe deutscher Sprache und Überlieferung unter (damals) schwierigen Umständen“ angeeignet und bewahrt hat.
Grenzen
Seine Interpretation der nationalen Geschichten und die Erfahrung in Südtirol bilden das Fundament für Alexanders europäisches Engagement und für seine Aktionen in den internationalen Krisengebieten (Palästina, Zypern, Kosovo, Sarajewo). Nicht dass er die Funktion staatlicher Grenzen für die Verwaltung von sich zunehmend bewegenden Bevölkerungen negiert hätte. Doch er bestritt die „Heiligkeit“ von Grenzen, er untersuchte ihre Geschichte und stellte sie immer wieder zur Diskussion, er fragte nach ihrem Sinn und konkreter Funktion, suchte nach Möglichkeiten, sie durchlässiger zu machen und andere, vor allem kulturelle Räume für Zusammenschlüsse und Zusammenleben zu schaffen. Seine Selbstdefinition als „Kulturdeutscher“ kam nicht aus dem Gefühl, sondern beruhte auf der Kenntnis der ganzen deutschen Geschichte.
Ebenso wie sein Verhältnis zu Deutschland und zur deutschen Kultur hat Alex auch sein Verhältnis zu Italien geklärt. Er befreite sich vom Gestrüpp schematischer Vorurteile deutscher, österreichischer, tiroler und natürlich auch italienischer Ressentiments. Sein kultureller Aneignungsprozess verfolgte unterschiedliche Wege, schreibt er in Minima personalia. „Meine literarische Bildung (von den Märchen zum Abenteuerroman, von den Klassikern zur zeitgenössischen Literatur) ist praktisch ganz deutschsprachig. Meine Studien, die Begegnungen und mein Umgang sind hingegen eher italienisch geprägt.“ So wurde er zu einer Brücke zwischen Nord und Süd und die Funktion des Vermittlers mit ihren lokalen und globalen Aspekten wurde sein großes Thema. Er sah es als seine Aufgabe, Menschen und Ideen zirkulieren zu lassen, in beide Richtungen.
Während seiner politischen Tätigkeit für Lotta continua zusammen mit italienischen Migranten und deutschen Linken, für die Italien das Land ihrer revolutionären Träume war, erklärte er den Deutschen die Verhältnisse in Italien. Gegen Ende der siebziger Jahre kehrte sich dann dieses Verhältnis um. Nun erklärte er in Italien, was in Deutschland passierte, wo eine grüne Bewegung entstand, die fähig war, die Linke aus der im Film „Deutschland im Herbst“ geschilderten Sackgasse herauszuführen.
Alex und die Gründung der deutschen Grünen
Langer gehört in Italien zu den Ersten, die die Bedeutung dieser Bewegung erkannten. Er nahm 1980 am Gründungsparteitag der Grünen in Karlsruhe teil und wenige Monate später auch am Programmkongress in Saarbrücken. Seine Eindrücke dieses außerordentlichen Prozesses demokratischer Erneuerung, seiner Ursachen und seiner Probleme, beschreibt er in einem vom italienischen „Berufsverbotskomitee“ damals herausgegebenen Band Germania 1980.
Die politische Landschaft der siebziger Jahre war sowohl in Deutschland als auch in Italien von einer Vielzahl von Basisinitiativen (Bürgerinitiativen) geprägt, die sich mit den verschiedensten Anliegen befassten. Die dadurch entfaltete, meist kompetente und wertvolle Energie, lief Gefahr, erdrückt zu werden, eingeklemmt zwischen terroristischer Ungeduld und Verantwortungslosigkeit einerseits und dem Block der institutionellen Parteien andrerseits, der in Deutschland den „ausgetrockneten Boden traditionellen Wahlverhaltens als sein Monopol beschlagnahmt hatte“.
In Italien konnten neue demokratische Energien von den linken Kräften (vor allem dem PCI) auf Grund eines internationalen Vetos nicht entsprechend aufgenommen werden, bis diese Parteien, geschwächt und ihrer Inhalte entleert, sich auflösten. So erreichte die reaktionäre Welle Italien mit Berlusconi und der Gründung der Lega bereits in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. In Deutschland hingegen begann ein langer Prozess politischer Sammlung neuer demokratischer Initiativen mit zunächst lokalen Wahlerfolgen, bis die Partei Die Grünen fester Teil der politischen Landschaft wurde. Es ist zum großen Teil den Grünen und ihrer demokratischen Vitalität zu verdanken, dass die „reaktionäre Welle“ erst heute, mit einer „Verspätung“ von dreißig Jahren, in Deutschland angekommen ist. In diesen dreißig Jahren haben sich die Grünen erfolgreich etabliert, aber auch weitgehend verändert und stehen heute wahrscheinlich vor ihrem Niedergang.
Der Reichtum dieser Gedankenwelt, für die Marco Boato stellvertretend die Namen Rudolf Bahro, Ivan Illich, Wolfgang Sachs und Vandana Shiva nennt, und die aus ihr hervorgehende neue politische Praxis, garantierten, erst der Bewegung, dann auch der Partei Die Grünen, einen bemerkenswerten Erfolg. Alex verschweigt weder die Schwierigkeiten, noch die Widersprüche. Er unterstreicht die Widersprüche im Verhältnis zum technischen Fortschritt und der von ihm erzeugten Beschleunigung. Er nennt das Risiko „des Sektierertums, der Handstreiche und internen Intoleranz“. Der Weg über das raue Terrain der Institutionen, der Programme und Kongresse, ist nötig, um sich bei den Wahlen zu beteiligen. All das erschwert aber auch das Zuhören und ein gemeinsames Nachdenken. Lassen sich alte Vorurteile zwischen rechts und links überwinden, indem man die Widersprüche „aus dem Inneren“ einer gemeinsamen Bemühung begreifen will? Wie lässt sich „ein etwas naives Wettrennen vermeiden, im Kampf um Repräsentation, um Prozente bei den Wahlen und wenn man sich der öffentlichen Meinung als vorzeigbar präsentieren muss – was keineswegs verachtenswert sein sollte?“
Krieg und Frieden
Es scheint nicht schwer zu sein, die Lage zu beschreiben, in der wir uns befinden und in der sich vor allem Deutschland befindet. Es herrscht Konsens über eine zunehmende Polarisierung der politischen Positionen, über Manifestationen von Hass und Intoleranz, über eine allgemeine Verwirrung, die diejenigen, die den Frieden wollen, wie Kriegstreiber und diejenigen, die den Krieg befürworten, wie Pazifisten aussehen lässt. Die Emotionen kochen hoch, ohne dass sie politisch verarbeitet werden, Ängste aller Art lösen Wellen des Irrationalen aus. In nur wenigen Jahren hat sich die Welt nicht nur mit Feinden, sondern auch mit als Feinde angesehenen „Freunden von Feinden“ bevölkert.
Die deutschen Grünen, scheint mir, nehmen an dieser Tragikomödie als ahnungslose Protagonisten teil. Sie haben darauf verzichtet, Brücken zu bauen, sie denunzieren „Versteher“ als „Verräter“, sie konstruieren Blöcke, d.h. sie machen das Gegenteil von dem, was Alexander Langer getan hat, der im politischen Minenfeld seines „kleinen Vaterlandes“ zum Experten für diese Arten von Fremdkörperabwehr geworden war.
Aber es geht ja nicht nur um Deutschland, es geht um Europa, um die Welt. Es sind Dimensionen, die Alex über seine Auffassung von Ökologie erschlossen hat. Ökologie als Inbegriff des Friedens zwischen Mensch und Natur. Jeder Krieg reduziert Ökologie auf eine Technik von (verdienstvollen) Einsparungen. Unter ökologischen Gesichtspunkten ergreift Aufrüstung die ganze Gesellschaft. Nicht nur die Waffenindustrie und ihre heillosen Erzeugnisse, auch die Prioritäten der Forschung, die Organisation des Heeres, die Integration militärischer Strukturen und Logik in demokratische Prozesse und schließlich und vor allem, die Produktion von Feindbildern und Sicherheitsvorstellungen. Es ist ein Paradox: im politischen Klima der letzten Jahre, in einer Lage, in der ein Block „institutioneller Parteien“, zu dem auch die Grünen gehören, ein kriegstüchtiges Deutschland will, ist eine Figur wie Alex unmöglich. Aber notwendig und unverzichtbar.
Der Realität Rechnung tragen
Der „operatore di pace“, der für den Frieden tätige Alex, hat 1995 angesichts Sarajewos und der Gräuel in Bosnien einen militärischen Einsatz gefordert. Damit hat er, so Cohn-Bendit, der Realität Rechnung getragen und eine abstrakte Überzeugung an den Nagel gehängt. Kurz darauf sich selbst. Die Grünen konnten mit diesem Tod politisch leben. Wir Freunde mussten mit ihm leben. Erst beim Schreiben meines Artikels wurde mir dunkel bewusst, dass wir da einen Auftrag unerledigt mit uns tragen. Er muss formuliert werden, was wir heute, angesichts der Hoffnungslosigkeit Gazas und der Illusionen der Ukraine, vielleicht besser können als damals, als Sarajewo und Bosnien noch als Unfälle auf dem Weg in eine bessere Welt verbucht werden konnten. Heute bleibt uns nur noch, diesen Auftrag genauer zu analysieren und zumindest zu verstehen.
Alex kam bereits 1993 zu der Überzeugung, man könne nicht tatenlos zusehen, wie Menschen abgeschlachtet werden. Schon gar nicht in UN-Schutzzonen unter den Augen von UN-Truppen. Diese hatten in Bosnien seit Mai 1993 klare Aufgaben, durften aber außer zur Selbstverteidigung militärisch nicht eingreifen. Unterstützt wurden die UN-Truppen (Blauhelme) auf Bitte der UNO von der NATO.
Frage: Zuständigkeit für Ziele und Mittel der Einsätze bei unterschiedlichen Interessen (UNO ist nicht NATO) und Feindbildern? Lassen sich „Polizeimaßnahmen“, Gewalt zur Durchsetzung von Vereinbarungen und militärische Maßnahmen wirklich unterscheiden? Die Grenzen und Schwellen sind mobil und konkret schwer zu beurteilen. Die Mitwirkung demokratischer und ziviler Strukturen ist hier unabdingbar.
Alex hat sich dazu durchgerungen, die von der UNO formulierten Ziele (vor allem in den „Schutzzonen“) mit Hilfe der NATO durchsetzen zu wollen.
Dass es so weit gekommen war, dafür hatte seiner Ansicht nach die EU-Politik gegenüber „Jugoslawien“ eine große Verantwortung. „Die gegenwärtige Situation ist das Ergebnis der von unseren Regierungen betriebenen unkoordinierten, unentschlossenen und widersprüchlichen Politik. Die Europäische Union als solche schweigt zu alledem abwesend und machtlos.“ Die Vorgeschichte eines jeden Konflikts sollte immer genau geklärt werden, nicht um aus Schuldzuweisungen eine Waffe zu machen, sondern um Lernprozesse in Gang zu setzen.
Verstörende Dimensionen
Alex bestand darauf, dass militärische Einsätze ohne sie begleitende friedenspolitische Maßnahmen ungenügend bis kontraproduktiv sind. Seine Vorschläge für ein friedens- und demokratieförderndes Instrumentarium und dessen Einsatz sind vielfältig, phantasievoll und absolut realistisch. Dazu gab es bestenfalls Lippenbekenntnisse, oft dienten reine Willenserklärungen auch als Alibi. Daher die Frage: wie lässt sich verhindern, dass nur die militärischen Ziele und nicht auch die friedenspolitischen verfolgt und ausreichend finanziert werden? Warum ist dieses Junktim so schwer durchzusetzen? Denn praktisch siegten immer militärische Interessen und zivile, friedenspolitische Initiativen wurden von den Kriegsparteien sogar einträchtig sabotiert (in Jugoslawien, in Palästina, im Kosovo, überall). Zu den von Alex als nötig erachteten Maßnahmen gehörte die Bildung einer Internationalen Gerichtsbarkeit.
Was seit 1995 passiert ist, ist NICHT die Entwicklung eines friedenspolitischen Instrumentariums, sondern ein mehr oder weniger vertrauensvolles Schlittern in neue Kriege. Und jetzt heißt das Ziel wieder „Kriegstüchtigkeit“ als Ersatz für Friedenstüchtigkeit. An letzterer wird nicht mehr gearbeitet, an ersterer entfalten sich alle psychisch labilen und aggressiven Energien, die anstatt in andere Bahnen geleitet, ihr altes oder neues Bett wieder finden. Man wird (später) die Geschichte von Nachkriegsdeutschland auch unter diesem Gesichtspunkt schreiben müssen.
Was 1995 geschah, geschieht heute in riesigen, verstörenden Dimensionen.
Bleibt nur: Entweder auf der Ablehnung militärischer Gewalt bestehen und die sich daraus ergebenden Widersprüche aushalten oder Politik als Handeln im Bereich des Möglichen verstehen, was heisst: den Frieden möglich machen, Möglichkeiten erweitern, anstatt sich den bestehenden Möglichkeiten anzupassen. Auch Gewalt einsetzen, sich aber gleichzeitig der Dominanz ihrer Logik entziehen, sie einzuhegen versuchen und die sich daraus ergebenden Widersprüche aushalten. Aber immer: Feindbilder unterlaufen. Beide Haltungen sind voller Risiken. Sie müssen wir eingehen. 
Leicht überarbeitete Fassung eines Beitrags erschienen in dem von Goffredo Fofi herausgegebenen Band „Was gut war. Alexander Langers Vermächtnis“ mit ausgewählten Schriften von Alexander Langer und Beiträgen von Gad Lerner, Peter Kammerer und Daniel Cohn-Bendit. Edizioni Alphabeta Verlag, Meran 2025
Siehe u.a. auch
Alexander Langer: Die Mehrheit der Minderheiten. Warum wird unsere Welt vom ethnischen Sauberkeitswahn und vom grundlosen Vertrauen in Mehrheiten beherrscht? Hrsg. von Peter Kammerer. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996
Alexander Langer: Il viaggiatore leggero. Scritti 1961-1995. Sellerio editore, Palermo 1996
Alexander Langer: Lettere dall’Italia. A cura di Clemente Manenti. Editoriale Diario, Milano 1998
Alexander Langer: Fare la pace. Scritti su “Azione nonviolenta” 1984-1995. A cura di Mao Valpiana. Cierre Edizioni, Verona 2005
Florian Kronbichler: Was gut war. Ein Alexander-Langer-Abc. Edition Raeita, Bozen 2005
Marco Boato: Alexander Langer. Costruttore di ponti. Editrice La Scuola, Brescia 2015
Alexander Langer: Non per il potere. A cura di Federico Faloppa. Chiarelettere, Milano 2016
Alessandro Raveggi: Continuate in ciò che è giusto. Storia di Alexander Langer. Bompiani, Milano 2025
Goffredo Fofi. Ciò che era giusto. Eredità e memoria di Alexander Langer. Con scritti di Gad Lerner e Peter Kammerer. Edizioni Alphabeta Verlag, Merano 2025
Zur Person von Peter Kammerer siehe hier


