Der wiederentdeckte Roman „Trauben schwarz wie Blut“ von Livia De Stefani erzählt eine Familientragödie im mafiösen Klima der sizilianischen Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert

Mailand/Karlsruhe – Der Roman „Trauben schwarz wie Blut“ von Livia De Stefani, den die Edition Converso in der neuen Übersetzung von Klaudia Ruschkowski herausgegeben hat, ist die Entdeckung dieses Sommers! 1953 in Italien erschienen, führt er Leserinnen und Leser in die sizilianische Gesellschaft im ländlichen Raum unweit von Palermo. Im Mittelpunkt stehen die Geschichte von Casimiro Badalamenti, einem arroganten und gewalttätigen Aufsteigertyp, der in undurchsichtige Geschäfte verstrickt ist, über die die „ehrenwerte Gesellschaft“, die Mafia, aus obskuren Gründen schützend die Hand hält. Und seine patriarchalische Beziehung zur fülligen, schlecht beleumdeten Concetta, die er herrisch kommandiert und sich zugleich von ihr, „einem Turm aus Fleisch“, angezogen fühlt, „wie eine Fliege vom Zucker“.
Der Roman beginnt damit, dass der dreißigjährige Casimiro aus seinem Heimatdorf Giardinello im bergigen Hinterland in den nahen Küstenort Cinisi umzieht. Aus nicht ganz klaren Gründen – „eine Sache der Mafia oder der Frauen“ – muss er seinen Weingarten mit seltenen roten („schwarzen“) in dieser sonst von weißen Trauben geprägten Gegend verpachten.
Noch in der Nacht, als er in Cinisi ankommt, nistet er sich bei Concetta ein, die von Stund an allein ihm untertan zu sein hat. Man schreibt im italienischen Originaltext das Jahr 1930 – die deutsche Übersetzung verschiebt das Datum auf 1920, aber im Buch herrscht gleichsam eine historische fossile Zeitlosigkeit, dass die Daten eigentlich keine Rolle spielen und der Faschismus und der Weltkrieg ausgeklammert bleiben.
Um der Ehre Willen
Aus der Beziehung gehen vier Kinder hervor, die Casimiro gleich nach der Geburt heimlich zu Pflegeeltern außer Hause gibt, um sie vor der Gesellschaft zu verleugnen. Als seine Geschäfte immer erfolgreicher verlaufen und die Pachtzeit des Weingartens abgelaufen ist, zieht er, der an der Küste ein Fremder geblieben ist, wieder in sein Heimatdorf in den Bergen, holt drei seiner Kinder zurück und heiratet Concetta offiziell. Denn gleich auf den ersten Seiten des Buches wird deutlich, dass ihm „Ehre“ alles bedeutet, und die hat, wie er selber betont, „einen hohen Preis, einen sehr hohen …“
Der Ehrenmann muss aber erleben, wie sein ältester Sohn Nicola gegen ihn rebelliert. Und sich in seine 15-jährige Schwester Rosaria verliebt. Die inzestuöse Liebe der Geschwister führt schließlich dazu, dass Casimiro, selbstsüchtig und rasend, um der Ehre willen Entscheidungen fällt, die eine Tragödie provozieren.

Die Autorin Livia De Stefani stammte aus einer aristokratischen Familie von sizilianischen Grundbesitzern. 1913 in Palermo geboren, wuchs sie bei den Großeltern in Partinico auf dem Land auf, heiratete früh mit 17 Jahren den Bildhauer Renato Signorini und zog zu ihm nach Rom. Obgleich ihr Lebensmittelpunkt nunmehr in der italienischen Hauptstadt lag, blieben die sizilianischen Verhältnisse bestimmend für ihr Denken und literarisches Treiben. Ihr Bruder wurde etwa für kurze Zeit von der Mafia entführt. Mit der Heirat fiel ihr selbst Grundbesitz zu, um den sie sich zunächst wenig kümmerte, später aber zuwandte und sich dann mit dem Einfluss der Cosa Nostra auseinandersetzten musste, wie sie kurz vor ihrem Tod 1991 in Rom in einem autobiografischen Text („La mafia alle mie spalle“) erzählte.
Der Schatten der Mafia
Ihr jetzt in Italien und durch die Karlsruher Edition Converso im deutschen Sprachraum wieder entdeckter erster Roman „Trauben schwarz wie Blut“ – ein vielleicht in der Übersetzung etwas zu reißerischer Titel, der im Original: „La vigna di uve nere“, wörtlich: „Der Weingarten der schwarzen Trauben“ lautet – ist keine Abrechnung mit der Mafia. Es geht vor allem um eine harsche Kritik der Gewalt in der Familie und der von lähmenden Traditionen, patriarchalischen Strukturen, falsch verstandener Familienehre und allgemeiner Rückständigkeit durchtränkten Gesellschaft Siziliens. Entsprechend haben erzählerische Elemente der Alltagsliteratur und die Rolle des Privaten eine wichtige Funktion im Buch – etwa bei der Entwicklung von Concetta als Opfer und zugleich als Gegenfigur von Casimiro. Geschäfte der Mafia und ihre Methoden werden nicht thematisiert, sondern nur angedeutet.
Dennoch ist es wohl die erste literarische Arbeit im Nachkriegsitalien, die noch vor Danilo Dolcis „Banditi a Partinico“ (1955) oder Leonardo Sciascias „Le parocchie di Regalpetra“ (1956) das mafiöse Klima aufgreift, das in der sizilianischen Gesellschaft gerade im ländlichen Raum den Alltag beherrscht. Wobei sich Zivilgesellschaft und Kriminalität die Hand geben. „Junge Burschen“, schreibt die Autorin etwa über Freunde von Nicola, „mit einem ererbten Riecher für die Bedeutung und den Einfluss der Männer, die die Leiter bilden, von der aus sich die geheime Macht der Mafia über den mittleren Westen Siziliens erhebt und ihren Schatten über ihn wirft.“
Mit wenig viel sagen
Nach ihrem ersten Roman veröffentlichte Livia De Stefani weitere Arbeiten. Die aber – Erzählungen, Romane, auch Gedichte – bleiben weniger erfolgreich als ihr Erstling, der mehrere Auflagen (1957,1975, 2010) erlebte und sogar Vorlage für einen zweiteiligen Fernsehfilm der RAI lieferte – mit Mario Adorf in der Rolle von Casimiro Badalamenti und Lea Massari als Concetta (1984). Eine erste deutsche Übersetzung erschien 1958 bei Körner in Stuttgart, es gab auch Ausgaben u. a. im Englischen, Französischen oder Spanischen.
Gerade in seiner gleichsam historischen Zeitlosigkeit transportiert der Roman die Geschichte in die Gegenwart und wurde dadurch beim Erscheinen nicht nur wegen des Inzestmotivs zu einem Skandal. Besonders in Sizilien war das Buch umstritten, wo man sich gleichsam beleidigt ob der durchgängigen Schilderung von Verwahrlosung und Ignoranz zeigte. Auch ein Sciascia gab sich kritisch, Vittorini beklagte einen „verzerrten Neorealismus“, dagegen setzen sich Montale und Carlo Levi vehement für den Titel ein. In einer zeitgenössischen Kritik der Zeitschrift „Epoca“ konnte man lesen, dass sich das Werk „durch die Intensität und Fülle seiner Erzählung und durch die Qualität seiner Sprache auszeichnet, die rau und trocken, aber auch ungemein gehaltvoll ist und immer danach strebt, mit wenig viel zu sagen.“
Von der Fiktion zur Realität
Zur Rolle von Literatur gehört, dass sie vielleicht nicht Wirklichkeit voraussagen will, aber eine Ahnung von Zukunft geben kann. Der Name Badalamenti ist in Westsizilien durchaus verbreitet. Und in Cinisi, wo Livia De Stefani ihren Roman 1953 eingesiedelt hat, führt er Jahrzehnte später zum lokalen Mafiaboss der 1970er-Jahre Gaetano Badalamenti, der nach der Eröffnung des benachbarten Flughafens Punta Raisi zum König des Drogenhandels aufsteigt. Es ist Peppino Impastato, der rebellische Sohn einer Familie der Cosa Nostra von Cinsi, der die verbrecherischen Strukturen seines Heimatortes und die Rolle Badalamentis mit einem privaten Radio öffentlich anklagt. Im Mai 1978 wird Peppino im Auftrag von Badalamenti ermordet, Polizei und Justiz verfolgen zunächst die Spur eines Unfalls bei einem angeblich terroristischen Attentats durch Peppino selbst. Seine Geschichte erzählt der Film „I cento passi“ (100 Schritte) von Marco Tullio Giordana. Badalamenti flieht dann während der von den Corleonesen angezettelten Mafiakriegen nach Süd- und Nordamerika. In den USA wird er wegen seiner Aktivitäten bei der sogenannten „Pizza Connection“ verhaftet, zu 45 Jahre Haft verurteilt und stirbt 2004 in einem Gefängnis in Massachusetts.
Livia De Stefani: Trauben schwarz wie Blut. Roman. Aus dem Italienischen von Klaudia Ruschkowski. Edition Converso, Karlsruhe 2025. 224 Seiten, 24 Euro
Hier zur Wiederentdeckung von Livia De Stefani in Italien ein Text der Internetzeitschrift Articolo 21

