In Deutschland eher am Rande wahrgenommen, in Italien ein Longseller: „Der wiedergefundene Freund“ des Stuttgarter Autors Fred Uhlman

Mailand – Was und wen lesen die Italiener? Alles mögliche, aber kaum Bücher aus dem deutschen Sprachraum. Die Literaturbeilage „tuttolibri“ der Turiner Tageszeitung „La Stampa“ hatte kürzlich eine Untersuchung zum vergangenen Jahr 2025 veröffentlicht. Unter den 100 meistverkauften Titeln finden sich vor allem italienische Autorinnen und Autoren, aber auch Übersetzungen aus vielen Sprachen – Spitzenreiter ist Dan Brown – allerdings keine einzige aus dem Deutschen. Die geringe Anerkennung deutschsprachiger Autoren in Italien beim breiten Publikum bestätigen regelmäßig die seit Jahren gemeinsam von den wichtigsten Tageszeitungen jeweils wöchentlich veröffentlichten Bestsellerlisten. Dennoch sind sie auch für eine positive Überraschung gut, die zwar nicht zu einer Übersetzung aus dem Deutschen, doch nach Deutschland, nach Stuttgart führt.
Die jüngste Liste vom 10. Januar weist unter den Taschenbüchern auf Platz zwei einen Longseller von Feltrinelli auf, der seit Jahren immer mal wieder – inzwischen insgesamt 228-mal! – auf den Wochenlisten erscheint: „L’amico ritrovato“ (Der wiedergefundene Freund) von Fred Uhlman. Der Autor, 1901 in Stuttgart geboren, konnte ab 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung und nach politischen Aktivitäten im Umfeld der SPD seinen Beruf als Rechtsanwalt nicht mehr ausüben. Er ging zuerst nach Frankreich, dann nach England ins Exil, wo er als Anwalt, aber auch als Maler und Schriftsteller tätig war und 1985 starb. Er verfasste mehrere Bücher in englischer Sprache, darunter 1971 die Erzählung „Reunion“. Sie wurde 1978 zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt und später – zuletzt bei Diogenes 1998 – unter dem Titel „Der wiedergefundene Freund“ erneut herausgegeben. Im Diogenes Verlag sind auch Uhlmans Lebenserinerungen „The making of an Englishman“ erschienen.
Eine Schülerfreundschaft, die zerbricht
Die Novelle erzählt die Freundschaft zwischen dem jüdischen Schüler Hans und seinem adeligen Klassenkameraden Konradin an einem Stuttgarter Gymnasium, die mit der Machtübernahme der Nazis zerbricht. Jahrzehnte später erfährt Hans, der sich ins amerikanische Exil retten konnte und alle Brücken nach Deutschland abgebrochen hatte, dass Konradin nach einer Beteiligung am Attentat auf Hitler erschossen worden war. Das Buch wurde 1979 neben vielen anderen Sprachen auch ins Italienische übersetzt und etablierte sich dort seit den 1990er-Jahren als Longseller.
Neben einer Verfilmung 1989 nach einem Drehbuch von Harold Pinter sind auch verschiedene Versionen für die Bühne entstanden. In Italien zuletzt von Ciro Masella – die Aufführungen im Mailänder Teatro dell’Elfo in diesem Januar 2026 waren alle ausverkauft. In Deutschland hatte Lena Gorelik im Münchener Residenztheater 2024 aus dem Stoff ein „Klassenzimmerstück“ entwickelt, das durch Schulen tourt.
Neben „Der wiedergefundene Freund“ schrieb Uhlman eine zweite kurze Erzählung über die Beziehung der Schüler diesmal aus der Sicht von Konradin („No Coward Soul“). In einer dritten Arbeit zum Themenkreis („No Resurrection, Please“), die bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurde, berichtet er von einem ins Exil geflohenen jüdischen Maler, der in den 1950er-Jahren Stuttgart wieder besucht, wo er sich „als Fremder in einer unbekannten Stadt“ fühlt. Er hat Angst, mit anderen zu reden, weil er sich nicht sicher sein kann, dass sie „sie sich nicht mit Blut seiner ganzen Familie besudelt“ haben. Die drei Erzählungen, die alle ins Italienische übersetzt wurden, wirken wie drei Kapitel einer einzigen. Der „Corriere della Sera“ hat sie kürzlich zusammen in einem Band unter dem Titel „Trilogia del ritorno“ herausgegeben. Eine „Trilogie der Wiederkehr“ des am 19. Januar von 125 Jahren geboren Autors Fred Uhlman, die man auch auf Deutsch gerne lesen würde.
Ein ähnlicher Text ist in der Stuttgarter Zeitung (14.1.2026) erscheinen



